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Das Buch

 

Das Jahr 999 bricht unter schlechten Vorzeichen an. Mitten im Kriegstreiben zwischen verfeindeten Königreichen haben Scarabea Phoenix und ihr Widersacher Titan von Malyx widerwillig ein Bündnis geschlossen, denn Portale in die Schattenwelt verkünden todbringendes Unheil. Als sich immer mehr Portale öffnen, verschlägt es Scarabea und Titan nach Karga, eine fremde Stadt unter surrcostanischem Protektorat. Dort treffen sie auf einen Unterweltkrieger, der sich »Der Lügner« nennt und sie mit einem unwiderstehlichen Angebot lockt. Unterdessen versucht Königin Vazarina in Coronia die Ansprüche ihrer Herrschaft durchzusetzen. Was sie nicht weiß – die gegnerischen Regenten Azulgrana und Sarasot Berlais steuern geradewegs auf ihr Reich zu. Und mit ihnen eine Geisterarmee aus der Schattenwelt.

 

 

 

Die Autorin

 

Nika S. Daveron hätte nie gedacht, dass es sie einmal in ein komplett eigenes Fantasy-Universum verschlagen würde. Die Worte in ihrem Kopf wollten einfach nicht schweigen, und so lebt sie nun in einer Wüstenwelt, in der es erfreulicherweise definitiv wärmer ist als hierzulande. Wenn ihre Charaktere sie zwischendurch nach Hause lassen, feilt Daveron an ihren zahlreichen anderen Manuskripten, bändigt und bloggt über ihr Pferd oder streift über die Rennbahn.

Nika S. Daveron

 


 

HOURGLASS WARS -
JAHR DER SCHATTEN

(Band 2)

 

 

Roman

 

 

 

 

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Originalausgabe

 

© 2016 Verlag in Farbe und Bunt

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch die der Übersetzung, des Nachdrucks und der Veröffentlichung des Buches, oder Teilen daraus, sind vorbehalten.

Kein Teil des Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Alle Rechte liegen beim Verlag.

 

Cover-Gestaltung: Stefanie Kurt

E-Book-Satz: Winfried Brand

verantwortlicher Redakteur: Bettina Petrik

Lektorat: Nina Bellem

Korrektorat: Telma Vahey

 

Herstellung und Verlag:

in Farbe und Bunt Verlags-UG (haftungsbeschränkt)

Kruppstraße 82 - 100

45145 Essen

 

www.ifub-verlag.de

 

ISBN Taschenbuch: 978-3-95936-066-1

ISBN E-Book: 978-3-95936-065-4

ISBN Audiobuch: 978-3-95936-067-8

SCARABEA

 

 

Niemals hatte Scarabea auch nur eine Ahnung davon gehabt, wie kalt es auf dieser Welt werden konnte. Die einsame Ebene von Granaruida, inmitten der Steinkrieger, belehrte sie eines Besseren. Es war kalt. Unendlich kalt. Sie bemerkte genau, wie ihre Haare erstarrten und die Tränen, die der Wind hervorzauberte, an ihren Wimpern zu Eis wurden.

Titan von Malyx stapfte missmutig neben ihr her, seinen warmen Mantel eng um sich geschlungen. Sie bedauerte es, nicht ebenfalls ein solches Schmuckstück zu besitzen; die Rüstung der coronianischen Armee war nicht für ein Land wie Granaruida gemacht. Das gläserne Ding war so hinderlich, dass sie es am liebsten zurückgelassen hätte … Aber was wäre sie ohne ihre Rüstung?

Eine Siedlung schmiegte sich an den Berghang vor ihnen, und Scarabea betete, dass Titan von Malyx Granaruidan beherrschte – sie selbst sprach es nämlich nicht, wenn man mal von »Hurensohn«, »Danke« und »Guten Morgen« absah.

Als sie ihn danach fragte, winkte er ab. »Wenn die Menschen nicht ganz dumm sind, wissen sie sowieso, wer wir sind.« Er deutete auf die Rüstung. »Jaguarkrieger und Coronianerin … Wir sind Paradebeispiele und können froh sein, wenn sie uns nicht sofort umbringen.«

»Ihr habt wirklich tolle Ideen. Wer hat noch gleich vorgeschlagen, dass wir uns zur Siedlung vorwagen sollen?«

»Falls Ihr es vergessen habt: Es wartet immer noch die halbe kendorische Armee unter dem Portal. Und die wird einen Weg zu uns herauffinden.«

»Ihr versteht es, einem Mut zu machen«, erwiderte sie düster und lief weiter.

Eine winzige Straße schlängelte sich an den Steinkriegern vorbei. Das Tal von Nolene nannte man diesen Ort, so viel wusste Scarabea über diesen Landstrich. Welche Bewandtnis aber die steinernen Krieger hatten und welche Götter hier herrschten, das war ihr ein Rätsel.

»Was tun wir, wenn die Fürsten uns nicht empfangen wollen? Erinnert Ihr Euch, was man über sie sagt?«

»Dasselbe, was wir bisher getan haben, wenn uns jemand ans Leben wollte«, antwortete er. »Ihr seid doch sonst nicht so furchtsam.«

»Ich fürchte mich nicht. Ich weiß nur gerne, woran ich bin und welche Optionen ich habe. Außerdem weigere ich mich, in diesem Land fern der Sonne zu sterben. Dumarion existiert hier nicht.«

Titan schnaubte. »Ihr seid überhaupt nicht religiös, also heuchelt es erst gar nicht.«

»Das hat nichts mit Religiosität zu tun«, knurrte sie und wischte sich über die gefrorenen Augenbrauen. »Aber sollte ich je sterben, dann will ich unter der Sonne begraben werden. Nicht im Schatten.«

»Ihr könnt begraben werden, wo Ihr wollt«, erwiderte er unwillig. »Wenn Ihr erst tot seid, dann gehen mich Eure Wünsche nichts mehr an. Nicht, dass ich sie je erfüllen würde, doch das Band macht es mir zusätzlich unmöglich. Sucht Euch also lieber einen Schreiber für Euer Testament.«

»Und ein Grab weit weg von Euch«, grollte sie und beschleunigte ihre Schritte. »Was ich für den Rest meines Lebens ertragen muss, ertrage ich definitiv nicht im Tode.«

Die Zeit, die Scarabea bisher mit Titan verbracht hatte, machte es ihr unmöglich, diesen Mann zu mögen. Nachdem er ihr Volk mit seinen Jaguarkriegern überfallen hatte, war er außerdem noch daran schuld, dass sie nun an ihn gebunden war. Mit einem unsichtbaren Band, das nur zwischen ihnen bestand und Scarabea mit in den Tod riss, falls Titan starb.

Nach der Sache mit dem Band hatte er ihr zwar geholfen, die coronianische Königin zu retten, doch Vazarina hatte Scarabea als Pfand bei Titan gelassen, dessen eigener Fürst sich anschließend gegen sie beide gewendet hatte. Nun saßen sie hier fest, in diesem eisigen und gottlosen Land.

Titan lachte amüsiert und zog den Umhang enger. »Wir sollten Euch andere Kleidung besorgen.«

»Ich gehe nicht mehr ohne eine Rüstung vor die Tür. Das letzte halbe Jahr hat gezeigt, dass mir zu viele Leute nach dem Leben trachten.«

»Dann lauft weiter darin herum, fallt auf wie eine Hyäne in einer Zebraherde – aber geht mir damit nicht auf die Nerven.«

»Was sonst?«, fragte sie lauernd. »Bedenkt, dass alles, was Ihr mir antut, Euch genauso trifft. Ja, wisst Ihr, das ist sogar das einzig Gute an diesem verfluchten Band! Ich kann Euch sagen, was immer ich will, und Ihr müsst es schlucken. Das gab es in Eurem Leben noch nie, oder, von Malyx?«

Er schwieg, aber Scarabea bemerkte befriedigt, wie er seine Lippen zusammenpresste. Dieser Mistkerl. Warum hatte es Dumarion gefallen, sie ausgerechnet an ihn zu ketten, ihr Land in Schutt und Asche zu legen und sie in eine Welt des Eises zu verbannen? Was hatte sie dem wahren Gott getan?

»Wenn wir am Leben bleiben wollen, werden wir vielleicht die Waffen niederlegen müssen«, wechselte er das Thema. Das tat er gerne, wenn er ihre Hirngespinste nicht mehr ertrug.

»Vielleicht«, antwortete sie und starrte auf die runden Hütten am Berghang. Wahrscheinlich aus Lehm – sie kannte die Bauweise aus Coronia. Im Inneren des Landes bauten die Bauern auf diese Art. Es wies sie aber auch gleichzeitig als die Ärmsten der Armen aus. Niemand arbeitete heutzutage noch mit Lehm, wenn er Stein haben konnte. Es gab Steinbrüche mit feinstem Sand- und Kalkstein, sogar Marmor, und zwar überall in Coronia.

»Ihr könnt doch Granaruidan, oder?«, wiederholte sie ihre Frage misstrauisch.

»Nein …« Er zuckte mit den Schultern. »Was kümmert es Euch?«

»Ich … Ach, vergesst es! Wenn Ihr es weiterhin vorzieht, Euch in Schweigen zu hüllen, dann erwartet keine Hilfe von mir. Manchmal überlege ich, ob ich tot wohl besser dran wäre. Einfach nur, weil es Euch auch erwischen würde. Wollen wir warten, bis ich mich entschieden habe?«

»Ihr seid ein hassenswertes Weib, und keiner wird Euch je lieben.«

»Zum Glück.« Sie strich sich eine der Strähnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, aus der Stirn. Mittlerweile waren sie starr vor Eis. »Sonst müsste ich ständig erklären, weshalb ich einem Kendori hinterherlaufe.«

Titan brummte etwas Unverständliches und beschleunigte seine Schritte. Scarabea, die ihre Füße nicht mehr spürte, musste sich beeilen, um nicht zurückzufallen.

»Dort sind Menschen«, sagte er leise und blieb abrupt stehen.

Scarabea rutschte ein Stück auf dem gefrorenen Boden vorwärts und kam neben ihm zum Stillstand.

»Was habt Ihr erwartet? Geisterstädte?«

»Haltet endlich den Mund …«

Sie konnte seinen Hass fühlen. Er war beinahe greifbar. Aber so verloren sie sich auch fühlte: Ihn zu reizen, machte immer noch Spaß. Streng genommen war es das einzige, was noch Spaß machte.

»Wir werden sie nach dem Weg fragen«, sagte er.

»Dann tut das doch. Ich folge Euch auf dem Fuße.«

Scarabea erspähte auf den grauen Hängen eine Herde Ziegen. Und zwei Kinder. Kinder waren immer noch besser als Erwachsene, und ihre Hoffnung wuchs ein wenig. Vielleicht gab es hier wirklich jemanden, der ihnen helfen konnte.

»Verschreckt die Kinder nicht«, mahnte sie, als sie merkte, wie sich Titans Körper neben ihr spannte und er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. »Kinder tragen keine Waffen.«

»In Coronia schon«, versetzte er hochmütig, und Scarabea musste an sich halten, um ihm nicht abermals ein wenig Nachhilfe in coronianischer Geschichte zu geben.

Die Kinder – beide mochten um die zehn Jahre alt sein – waren hager und klein, ihre Haare lang und struppig, und sie hatten Sommersprossen am ganzen Körper. Während Scarabea schon in ihrer Rüstung zitterte, trugen die beiden nur eine sackähnliche Kluft, die die Schultern frei ließ. Ob sie Jungen oder Mädchen vor sich hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Lediglich die Füße waren in wärmende Pelze geschnürt, um welche sie die Kinder jetzt schon beneidete.

Granaruidan war eine harte Sprache, und sie konnte sich nicht erinnern, wo sie die paar Vokabeln, die sie kannte, aufgeschnappt hatte. Vielleicht im Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen war. Als Titan von Malyx sie sprach, klangen die Worte unangenehm in Scarabeas Ohren und weckten ungute Gefühle in ihr.

Die beiden Kinder gestikulierten wild und deuteten auf eine der Lehmhütten, weiter oben am Hang, während Titan … Fragen stellte? So genau konnte sie das nicht sagen.

Die zwei Kinder wurden nun aufgeregter. Eines davon kam näher und beäugte Scarabeas Rüstung misstrauisch, deutete dann auf ihren Speer und schnatterte laut mit seinem Freund um die Wette.

»Was habt Ihr ihnen erzählt?«, fragte sie verwirrt.

»Nicht viel. Nur, dass wir nach Krähenwehr wollen.«

Krähenwehr … das Heim der Fürsten, das Heim der Berlais …

»Ich habe von Domtaline gesprochen. Anschließend sind die Jungs völlig aus dem Häuschen gewesen.«

»Ich weiß nicht, ob das so klug war. Hat das Herrscherpaar seine Tochter nicht verstoßen?«, gab sie zu bedenken.

»Das wissen doch die Kinder nicht. Die kennen nur die Namen der Fürstenfamilie …« Aber Titan klang gar nicht mehr so sicher. Wahrscheinlich ging ihm selber gerade auf, was für ein dummer Fehler das gewesen war.

Die Kinder deuteten weiterhin wild durcheinander redend auf das Haus am Berghang.

»Sie sagen, da wohnt der Dorfvorstand. Der könne uns helfen.«

»Immerhin wohnt da nicht ein fürstlicher Gardist oder so etwas …«

»Die haben hier keine Gardisten«, belehrte Titan sie. »Ihr Volk ist ihr Heer. Jedes Haus muss einen Mann oder eine Frau mit Waffen stellen, wenn die Fürsten in die Schlacht ziehen. Und sie tun das gerne.«

»Dieses Land ist verrückt«, knurrte Scarabea und sah sich noch einmal um.

Die bleigrauen Hänge, voller Ziegen und dürrer, eisblauer Grashalme, ragten vor ihr auf und ließen die Hütten noch windschiefer aussehen. Einige wurden von Stelzen gestützt, andere von dicken Wülsten aus Lehm … scheinbar kein kostbares Gut.

Titan neigte leicht den Kopf vor den zwei Kindern, die kichernd von dannen stoben und dabei die Ziegen aufscheuchten.

Kopfschüttelnd wandte er sich ihr zu. »Alle Erwachsenen scheinen fort zu sein, sagten sie mir. Nur der Dorfvorstand sei noch da, eine alte Kriegerin.«

Scarabea schauderte. »Ob das zu unserem Vorteil ist, vermag ich nicht zu sagen.«

»Ich auch nicht.« Zum ersten Mal wirkte Titan wirklich beunruhigt, was Scarabea eine Gänsehaut bescherte. Wenn er unruhig wurde … dann sollte sie die Beine in die Hand nehmen.

Als sie sich zu ihm umwandte, musste sie feststellen, dass sein Blick den ihren suchte. »Wir können noch fortlaufen.«

»Wohin?«, fragte sie lauernd.

»Ich weiß es nicht. Es war ein Angebot an Euch.«

»Geht und klopft beim Dorfvorstand an die Tür, bevor ich es mir anders überlege. Ich erfriere hier sonst binnen einer Nacht.«

Er nickte leicht. »Es ist Eure Entscheidung.«

»Nun geht schon und klopft an! Oder fürchtet Ihr Euch?« Zornig stampfte Scarabea mit dem Fuß auf.

Titan hob den Kopf und starrte an ihr vorbei. Die Bewegung unter seinem Mantel, der Griff nach seinem Dolch, verriet ihr die nahende Gefahr, doch es war bereits zu spät: Sie spürte kaltes Eisen an ihrem Nacken.

Scarabea war froh, die Handschuhe nicht fortgeworfen zu haben; blitzschnell packte sie hinter sich, zwängte die Schneide zwischen ihre behandschuhten Hände und stieß mit dem Rückenpanzer das schartige Eisen zurück. Wer immer sie bedrohte, stöhnte auf, und Scarabea hörte stolpernde Schritte, die sich von ihr entfernten.

Schwer atmend wandte sie sich um, da war bereits Titan an ihr vorbeigetreten, die Axt in der einen, das Messer in der anderen Hand. Die Insignien der Jaguarrüstung, leicht genug erkennbar im Dämmerlicht des Dorfes.

Ein Fellbündel lag auf dem Boden. Jedenfalls sah es so auf den ersten Blick aus. Doch der Berg aus Fell regte sich sogleich. Lange Haare, ein faltiges Gesicht … Das musste die alte Kriegerin sein, von der die Kinder berichtet hatten.

Titan herrschte sie auf Granaruidan an. Er klang wütend, aber vielleicht lag das auch nur an der Sprache.

Die alte Frau stieß ein kehliges Lachen aus, als sie sich wieder aufrappelte, ein rostiges Kurzschwert in den Händen, das sie mal hierhin, mal dorthin tanzen ließ.

»Ihr macht Euch ja lächerlich, wenn Ihr Granaruidan sprecht. Haben die Kinder Euch nicht ausgelacht?« Sie deutete irgendwo in die Ferne, wo sie die zwei Ziegenhirten wohl vermutete.

Titan glotzte sie verwirrt an, und auch Scarabea hatte alle Mühe, nicht vor Staunen den Mund aufzusperren.

»Ihr sprecht Coronianisch?«

»Ich spreche auch Surrcostanisch, wenn Ihr das wünscht, werter Herr«, entgegnete die Alte verächtlich und folgte Titans Schritt nach links.

»Gute Frau, wir sind auf dem Weg nach Krähenwehr. Mit einer Nachricht von Domtaline Berlais«, blieb Titan seiner Lüge treu.

Scarabea hatte die Hand erhoben, bereit, nach ihrem Speer zu greifen, wenn die Frau nicht bald das Schwert sinken ließ.

»Und an wessen Ohr soll diese Nachricht dringen?«, höhnte die Alte. »Ihr wisst doch nichts über dieses Land. Und Ihr seid keine von Azulgranas kleinen Vögelchen. Das sehe ich Euch an. Ein ungleiches Paar gebt Ihr ab.«

Scarabea erwiderte gar nichts darauf.

»Ich vertraue Euch ein Geheimnis an«, fuhr die Alte fort und ließ ihr Schwert sinken. »Folgt mir.«

Ein wenig unschlüssig tauschten Scarabea und Titan einen Blick.

»Ich werde nicht jünger, während Ihr hier herumsteht«, schnaubte die Alte verächtlich und raffte ihre Pelze zusammen. Als die beiden sich immer noch nicht rührten, fügte sie hinzu: »In meinem Haus ist es wärmer als hier draußen.«

Scarabea setzte sich in Bewegung. Sollte die Alte sie in einen Hinterhalt locken wollen, starb sie wenigstens mit warmen Füßen.

 

 

VAZARINA

 

 

Als der Morgen anbrach, musste die Königin ihren gestrigen Eindruck revidieren: Es war noch viel schlimmer, als sie angenommen hatte. Ihr Quartier auf dem sivolischen Markt war so schäbig, dass die Sonne sie bereits um vier Uhr morgens weckte, denn es gab kein richtiges Dach. Die Männer, die sie bewachten, waren arme Bauern und garantiert keine Gardisten, ihr Frühstück bestand aus Nüssen und Beeren, und ihre Stadt lag in Trümmern. Trotzdem war sie die Königin. Oder gerade deswegen?

Die Stoppeln auf ihrem Kopf juckten; sie hatte sich die Haare abgeschnitten, als sie geschworen hatte, ihren Thron zurückzuerobern, und sie später von einer alten Dame rasieren lassen. Aber der heutige Morgen nahm ihr irgendwie den Mut.

Gähnend schob sie den Schleier beiseite und trat auf den Vorplatz ihrer schäbigen Hütte. Ein paar Palmenblätter hatte man herbeigeschafft, damit die Königin nicht sofort von der Sonne belästigt wurde, sobald sie einen Fuß nach draußen setzte.

Fennica von Unia wartete draußen auf sie. Die beinahe stumme Sprengmeisterin döste an der Wand einer Ruine und schreckte auf, als sie die Königin erblickte.

»Bleibt sitzen«, sagte Vazarina leise, und die junge Frau nickte leicht. Sie schien sich mittlerweile daran gewöhnt zu haben, dass ihre Stimme ständig versagte. Vielleicht war sie auch nur nicht gesprächig. Vazarina hatte nicht nachgefragt. »Wir müssen einige Ernennungen hinter uns bringen.«

Als die ehemalige Sprengmeisterin sie fragend ansah, fügte die Königin hinzu: »Es ist wichtig, den Menschen eine Aufgabe zu geben. Auch, um sich zu bedanken. Wisst Ihr, wenn das hier vorbei ist, dann werden die Leute sich daran erinnern, dass ich mich dankbar gezeigt habe, und mir umso besser dienen.« Das hoffte sie jedenfalls. Das hoffte sie inbrünstig. »In solch schweren Zeiten muss man ein wenig Altbewährtes beibehalten, damit nicht alles im völligen Chaos versinkt.«

Fennica nickte. Ob sie wirklich verstanden hatte, wusste Vazarina nicht; es war ihr aber auch gleichgültig. Sie brauchte die Frau nicht. Nicht wirklich. Ein paar tatkräftige Männer, neue Generäle, einen Leibwächter. Einen Kriegsherrn …

Vazarina beobachtete ein paar Bauern, die die anliegenden Trümmer nach wertvollen Gegenständen durchsuchten. Hin und wieder hob einer triumphierend die Hände, dann erhaschte sie einen Blick auf ein Stück blaues Glas oder Gold, doch ansonsten gab es in den Trümmern nichts, das sich zu bergen lohnte.

»Ihr da«, rief sie. Halb fürchtete sie, dass die Männer sie missachten könnten, aber das einfache Volk war immer noch auf ihrer Seite. Sie hörten auf mit dem, was sie taten, und schlenderten zu ihr herüber. Ihre Gesichter verrieten keine Anspannung, keinen Zorn. Vielleicht konnte doch noch alles gut werden, sagte Vazarina sich. Mit tatkräftigen Menschen, treuen Anhängern … sofern Yavelin geschnappt wurde.

Ihre verräterische Schwester war auch ein Punkt auf der Agenda, um den sie sich kümmern musste, sobald in der Hauptstadt der Frieden wiederhergestellt war. Vazarina musste sich um sie und ihre Bande von Sandräubern kümmern, bevor sie wieder zu Kräften kam.

Nachdem ihre eigene Schwester sie entthront und misshandelt hatte, war sie mit Hilfe von Scarabea nach Kendor entkommen. Der Pakt mit Kendor hatte sie überhaupt erst wieder in ihre zerstörte Heimat gebracht. Doch auch wenn sie Yavelin vorläufig geschlagen hatte, die Gefahr, die in der Wüste lauerte, war noch lange nicht gebannt.

Einige der Männer knieten vor Vazarina nieder, als sie die Hände in die Hüften stemmte.

Sie lächelte den Männern zu und sagte: »Steht auf. Ich bin heute auf der Suche nach tatkräftigen Menschen, die in meinem Namen sprechen können und sich auf die Suche nach tüchtigen Frauen und Männern machen, die für unsere Sache eintreten. Wir sind nur wenige hier, und wenn die Nacht hereinbricht, können Sandräuber und Hyänen über uns herfallen. Das Gläserne Herz schlägt nur langsam. Wir müssen dafür sorgen, dass es seinen gewohnten Takt zurückbekommt, oder wir werden von der angrenzenden Wüste verschlungen.«

Ein Mann trat vor. Vazarina schätzte ihn auf Anfang sechzig, nicht gebrechlich, sondern rüstig. Schlohweißes Haar, braune Haut, schwielige Hände. Ein Bauer wahrscheinlich.

»Meine Königin, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber genau das tun wir schon. Wir brauchen Nahrung. Unsere Kinder und Kindeskinder hungern, die Hyänen umschleichen die Stadt und wildern unser übrig gebliebenes Vieh – was sollen wir dagegen tun?«

»Ihr klingt, als wäret Ihr jemand, der mit Worten umzugehen weiß«, antwortete sie hoheitsvoll. »Wie ist Euer Name?«

»Ich bin kein Lord, meine Königin, Ihr müsst nicht …«

»Vielleicht werdet Ihr einmal einer sein. Also?«

»Astracad, Euer Hoheit. Hargam Astracad.«

»Dann kommt zu mir herauf, Lord Astracad. Ich ernenne Euch hiermit zum Lordprotektor von Coronia. Ihr seid der erste Mann nach dem Kriegsherrn, sofern ich einen finden kann, der dieser Aufgabe gewachsen ist.«

Der Alte starrte sie verwirrt an. »Das geht doch nicht …«, stammelte er.

»Weshalb? Habt Ihr ein Gelübde vor Dumarion abgelegt, das Euch bindet? Ich löse es für Euch.«

»Nein, aber ich bin Dattelzüchter …«

»Steht irgendwo geschrieben, dass der Lordprotektor kein Dattelzüchter sein darf?«

»Ich kann nicht einmal lesen. Also weiß ich es nicht.«

»Dann werde ich jemanden finden, der es Euch beizeiten beibringt. Der Lordprotektor sollte schreiben können.«

»Ich … ich danke Euch, meine Königin.«

Mehr und mehr Menschen drängten sich nun um sie. Es mussten weit über hundert sein. Vazarina hatte nicht bemerkt, dass sie überhaupt herangekommen waren. Fennica von Unia stand hinter ihr; das alberne Kleid einer Tempeltänzerin, das die betrügerischen Königinnengardisten ihr übergeworfen hatten, trug sie immer noch. Auch darum würde sie sich kümmern.

»Habt Ihr Familie?«

»Einen Sohn und eine Schwiegertochter«, antwortete Astracad.

»Holt sie her. Eure Schwiegertochter soll mir als Kammerdienerin zur Seite stehen. Euer Sohn … ist er gut mit dem Schwert?«

»Er ist Baumeister.«

»Auch etwas, das man brauchen kann.«

Der Mann rieb sich das weiße Haar. »Ich … ich weiß wirklich nicht, wie ich zu dieser Ehre komme.«

»Ihr hattet den Mut, mir zu widersprechen und Fragen zu stellen. Ich brauche keine stummen Schafe.«

»Ich bin Schmied«, rief jemand von weiter hinten.

»Dann kommt heran«, befahl Vazarina. »Sucht Euch tüchtige Männer, die dabei behilflich sind, Metallreste zu finden. Ihr könnt Euer Schmiedefeuer gleich neben meinem …« Beinahe hätte sie Palast gesagt. »… meiner Behausung anzünden. Holt Eure Gesellen, macht neue Männer zu Gesellen, es ist mir gleich. Bis zum heutigen Abend habt Ihr uns ein paar Speere geschmiedet. Seid Ihr Waffenschmied?«

»Nein, meine Königin«, antwortete der Mann ein wenig kleinlaut.

»Dann holt einen herbei, der Euch anlernt. Ihr kennt Euch sicher besser in der Schmiedezunft aus als ich.« Sie lächelte ihm zu und wusste, dass er es tun würde. »Ich brauche Schneider, Baumeister, kluge Männer. Wendet Euch an Lord Astracad, wenn Ihr Hilfe benötigt, er wird die geeigneten Männer und Frauen finden.«

Der Alte machte ein grimmiges Gesicht. »Ich kenne die meisten Leute hier nicht, ich komme aus der Unterstadt.«

»Und? Jeder denkt, er kenne die Königin. Nun wird jeder den Lordprotektor kennen. Wo ist das Problem?«

Er nickte leicht und gestattete sich ein winziges Lächeln. Immerhin ein Anfang.

»Hat irgendjemand von Euch einen Elefanten in der Stadt gesehen? Ochsen? Pferde? Lasttiere, egal welcher Art?«

Ein paar Frauen schnatterten aufgeregt durcheinander. Vazarina hörte die glückverheißenden Worte »Pferd«, »Maulesel« und »Zweispänner«.

»Hat noch jemand ein Talent, das mir bisher nicht bekannt ist?«

Plötzlich boten ihr die Menschen die unterschiedlichsten Dienste an, bestürmten sie mit Fragen, hielten ihr Krüge und Körbe unter die Nase und sprachen wild durcheinander. Es dauerte eine ganze Weile, bis Vazarina ihre Antworten geben, Anweisungen erteilen und Streitereien schlichten konnte, doch am Ende waren sie alle fort, ein jeder beschäftigt mit seiner eigenen Aufgabe.

Erschöpft ließ sie sich auf eine halb zertrümmerte Bank sinken, die man für sie herbeigeschafft hatte. Sie musste vom Hafen stammen; das typische Treibholz, das dort gern zum Bauen verwendet wurde, fand sich auch hier.

»Ist es immer so viel?«, fragte Fennica von Unia sie.

Vazarina schrak zusammen. Sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass die Sprengmeisterin stumm war. Doch ein paar wenige Sätze ließen ihre Stimmbänder zu, bevor sie ihren Dienst versagten.

»Es sollte immer so viel sein. Vielleicht ist es mein Fehler, dass das bisher nicht der Fall war.«

Fennica nickte. Ob aus Verständnis oder weil sie zustimmte, wollte Vazarina nicht wirklich erfahren. Sie fühlte sich jetzt schon übermüdet. Dabei war der Tag noch nicht einmal wirklich angebrochen.

Ihre Gedanken schweiften kurz zu Scarabea ab. Wie mochte es ihr ergehen? Zu was für einem Schicksal hatte sie ihre Kriegsherrin verurteilt? Wenn der grausame Kendori noch lebte, dann tat sie es auch, das wusste sie. Doch ob es ein gutes Leben war, das sie führte? Plötzlich traten ihr die Tränen in die Augen, und sie musste ihren Schleier vor das Gesicht ziehen, damit nicht jeder bemerkte, dass sie weinte. Was für einen Eindruck sollte das hinterlassen? Eine weinende Königin in einer zerstörten Stadt. Eine Königin, die niemals Kinder bekommen würde, ihre einzige wirklich treue Gefolgsfrau zu einem Leben im Exil verurteilt hatte und von ihrer nicht einmal volljährigen Schwester gestürzt worden war. Sie war eine miserable Königin, die nur deswegen noch herrschte, weil das ungebildete Volk königstreu war – sie hätten aber genauso gut Yavelin die Treue gehalten, wenn sie hier gesessen hätte. Sie folgten jedem, der eine Krone trug.

Sie spürte Fennicas knochige Hand auf ihrer Schulter, doch Vazarina schlug sie weg.

»Lasst es gut sein. Ihr könnt mir nicht helfen.« Die Sprengmeisterin zuckte die Schultern und verschwand in ihrem behelfsmäßigen Heim. Vazarina starrte ihr düster hinterher.

 

 

TITAN

 

 

Anfänglich hatte Titan von Malyx der alten Granaruidan misstraut und nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihr die Axt in den Rücken zu rammen, aber je länger er sich in ihrer Nähe befand, desto angenehmer war ihre Gegenwart. Schon allein deswegen, weil sie ihnen eine Suppe auftischte, die Scarabea laut schlürfend und schmatzend verschlang.

Eine ganze Weile sah er ihr dabei zu, wie sie die Suppe in sich hineinkippte, als wäre es Bier. Zwischendurch zog sie sich die hellen Pelze höher, die die Alte ihnen gegeben hatte, dann schlürfte sie weiter.

Diese Frau war einfach nur kurios. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und aß seine Suppe lieber mit einem Löffel. Manieren mochten auf dem Schlachtfeld fehlplatziert sein, in einem Haus niemals.

Die Hütte war erstaunlich wohnlich eingerichtet, die kreisrunden Wände mit allerhand Gobelins behangen, von denen Titan einige als kendorisch erkannte und welche ihn ein wenig an sein Zuhause denken ließen. Auch wenn die Alte nicht dazu passte, mit ihrem rostigen Schwertchen und dem buckligen Holzschild, der hinter ihr auf dem Fußboden lag. Ein Haufen Hunde, groß wie Wölfe, lag neben einem Kamin, in dem ein warmes Feuer prasselte.

Titan fühlte sich schläfrig und ausgelaugt, während die Alte unentwegt auf Scarabea einredete. Sie stellte ihr allerhand merkwürdige Fragen, die überhaupt nicht zu einer solchen Situation passen wollten; angefangen damit, warum sie als Coronianerin ausgerechnet einen Jaguarkrieger geheiratet hatte – Scarabea wurde rot und dementierte das umgehend –, ob es ihr gefalle, in Sünde zu leben, denn jede ehrbare Granaruidan wäre in ihrem Alter schon verheiratet, und so ging es immer weiter, bis Titan sie irgendwann unterbrach: »Ihr wisst nun, weshalb es uns in Euer Land verschlagen hat, Lady …«

»Granadea.«

»Euer Volk scheint nicht kreativ mit Frauennamen zu sein«, antwortete er unbewegt und fing sich einen Tritt unter dem Tisch von Scarabea ein.

»Es ist eine Ehre, einen Namen mit Grana oder Ruida zu tragen. Ihr wisst erstaunlich wenig über dieses Land, hoher Lord von Heimatlos«, kicherte die Alte in ihre Suppenschüssel. »Und der Grund – ich weiß, dass Ihr danach fragen würdet – warum ich Euch noch nicht für Eure Unverschämtheiten erdrosselt habe, ist simpel: Ich habe keine Männer hier. Die sind alle mit dem Fürstenpaar ausgezogen. Und soweit ich es beurteilen kann, kommen die auch so schnell nicht wieder. Dieses Dorf ist voller Kinder. Ich weiß nicht, ob ich denen ein Kendori-Rächerkommando zumuten möchte – obwohl sie sich nicht schlecht mit dem Schwert schlagen.«

Titan schnaubte verächtlich.

»Was ist ein Kendori-Rächerkommando?«, fragte Scarabea lauernd.

»Ihr hättet eins kennengelernt, wenn Ihr mich bei unserem ersten Zusammentreffen getötet hättet«, behauptete er in ihre Richtung.

»Unwahrscheinlich«, schnaubte sie.

»Jeder Lord hat eingeschworene Idioten, die seinen Tod rächen sollen, falls er auf dem Schlachtfeld stirbt. Das schwören sie mit ihrem Leben«, antwortete Granadea verächtlich. »Deswegen habe ich Euch auch gefragt, warum Ihr ausgerechnet mit einem Kendori-Lord verheiratet seid. Gottlob seid Ihr es nicht.«

Titan ignorierte das Geschnatter der Frauen und hörte erst wieder zu, als sich die Gespräche einem wichtigen Punkt zuwandten: dem nächsten Schritt.

»Ich glaube, die Regentin auf Krähenwehr soll über Euch entscheiden. Über Euch beide«, sagte die Alte gerade.

»Es gibt eine Regentin? Ich kenne nur das Fürstenpaar«, erwiderte Scarabea.

»Die älteste Tochter regiert im Namen der Berlais. Ihr werdet zu ihr müssen, wenn Ihr Euren Kopf behalten wollt. Wisst Ihr denn nicht, dass Ausländer nur mit Passierschein ungehindert in Granaruida leben dürfen?«

Titan schaute misstrauisch zu der Alten hinüber. Das hatte sie sich doch garantiert in dieser Sekunde ausgedacht.

»Das wusste ich nicht. Ich weiß nicht viel über Euer Land«, gab Scarabea zu. »Aber wir werden uns wohl fügen müssen. Und ich danke Euch wirklich für die Gastfreundschaft.«

»Draufgeschissen«, antwortete Granadea. »Ich bin nicht gastfreundlich. Nur eigennützig. Ich muss selbst nach Krähenwehr. Und seit die Fürsten nicht mehr da sind, sind die Bergpässe gefährlich geworden. Räuber treiben dort ihr Unwesen.«

Ach, daher wehte der Wind. Titan hatte sich etwas Ähnliches bereits gedacht.

»Ihr könnt heute Abend hierbleiben«, fuhr Granadea fort. »Morgen früh reisen wir nach Krähenwehr. Es wird kaum länger als einen Tagesmarsch dauern, wenn wir einen Transport finden, der uns mitnimmt. Heute Nacht seid Ihr meine Gäste, sofern Ihr Euch zu benehmen wisst.« Als Scarabea sich verwirrt nach einer Schlafmöglichkeit umsah, deutete die Alte nach draußen: »Kein Granaruida schläft in seiner Stube. Ihr könnt das Hinterhaus haben.«

»Weshalb seid Ihr so auf Benehmen bedacht?«, knurrte Titan, dem die Albernheiten der Alten langsam zu anstrengend wurden.

»Weil es amüsant ist, Euch beide damit aus der Fassung zu bringen. Ihr habt eine Menge ungelöste Konflikte zwischen Euch.«

Er schnaubte, sagte jedoch nichts. Ungelöste Konflikte? Die Alte sollte sich nur vorsehen. Was wusste sie schon über ihn und die Coronianerin? Oder das Band? Das Sphinxblut? Die Unmöglichkeit dieser Situation? Gar nichts.

»Plustert Euch nicht so auf, Lord Ohnename«, keckerte Granadea und wandte sich ihren Hunden zu. »Nehmt Euch noch von der Suppe und geht dann schlafen. Ihr seht aus, als wäret Ihr schon eine ganze Weile unterwegs.«

Scarabea hatte ihre Füße bereits Richtung Feuer ausgestreckt; ihre Augen wirkten schläfrig, und das grüne Leuchten, das sie und Titan verband, war fast vollständig verschwunden. Die Schläfrigkeit überkam ihn ebenfalls, doch er wehrte sich dagegen. Vielleicht wollte die Alte ihm doch noch ans Leben. Er musste wachsam bleiben.

Draußen war es bereits so finster, dass Titan die anderen Hütten nicht mehr erkennen konnte. Kinderlachen drang an sein Ohr. Was für ein fremder Ort … Er sehnte sich nach den öden warmen Wüsten von Kendor, nach den roten Steinen, nach dem Hammer, Theinvals Festung, die Titan seit jeher als sein Zuhause betrachtet hatte. Wie es wohl Theinval ergehen mochte? Eigentlich hätte er den Alten hassen müssen; dieser hatte ihn hintergangen und verraten, seiner Frau wegen, einem Mädchen, das er kaum kannte, wohingegen er Titan sein ganzes Leben lang gekannt hatte …

»Kommt Ihr?«

Er hatte nicht bemerkt, dass Scarabea bereits an der Tür stand. Granadea hatte sich mit einer Flasche auf den Fellen bei den Hunden niedergelassen.

»Wenn Ihr etwas braucht, findet Ihr alles im Hinterhaus. Dort gibt es auch einen Brunnen. Und Mädchen … mich geht es ja nichts an, aber Eure Rüstung … die ist nicht gemacht für diesen Ort.«

»Ich besitze leider keine Wechselkleidung«, erwiderte Scarabea giftig.

»Dann schaut Euch im Hinterhaus um. Meine Enkelin ist zwar mit den Fürsten hinausgeritten, aber Ihr habt ungefähr ihre Größe.«

Die Coronianerin verzog den Mund, murmelte einen Gruß und öffnete die Tür, durch die die kalte Nachtluft hineinströmte. Titan folgte ihr nach draußen und bereute es bereits bitterlich, die Wärme der Hütte gegen die kalte Dunkelheit getauscht zu haben, aber Scarabea fand ihren Weg zum Hinterhaus zielsicher: ein kleines Häuschen, ein Stück höher gelegen, wo bereits ein Feuer entfacht war. Wann hatte die Alte es entzündet?

»Wir verriegeln die Tür«, entschied er.

Er konnte ihren Argwohn spüren und ihren Widerwillen, ihm zuzustimmen. Was für ein albernes Frauenzimmer sie doch war, durch Zustimmung brach sie sich garantiert keinen Zacken aus der Krone. Aber sie schien es so zu empfinden.

Sie öffnete die Tür, und Titan war erstaunt, in diesem kreisrunden Häuschen so viele Annehmlichkeiten vorzufinden. Ihre Schlafstatt war ein wildes Gewirr aus Pelzen und Decken, über dem Feuer köchelte ein zweiter Topf Suppe, und in einem Regal fand er allerhand alkoholische Getränke, die so aussahen, als könnten sie Tote erwecken: schillernd grün, leuchtend blau oder tiefrot.

»Sie ist mir ein bisschen zu eifrig«, sagte Titan leise und schloss die Tür hinter sich.

»Mir auch.« Prüfend betrachtete Scarabea einige Mäntel, die an der Wand hingen. Eine Lederrüstung, wie die Granaruida sie bevorzugten, gab es hier ebenfalls.

»Als Granaruida geht Ihr mit Eurer Haarpracht sowieso nicht durch.«

»Und wenn schon. Ich bin es leid, mir die Füße und auch noch ein paar andere Körperteile abzufrieren, die ich ganz gerne behalten würde.«

»Bedenkt, dass Leder nicht so haltbar ist wie Euer kerelinisches Glas.«

»Es hat sowieso schon Risse.« Dabei deutete sie auf einen Teil ihres Rückenpanzers. Winzige Haarrisse zogen sich durch das bläulich schimmernde Glas. Ungeniert streifte sie Teile der Panzerung ab, während Titan ihr lauernd dabei zusah. Die Frau beunruhigte ihn zusehends. Manchmal war sie regelrecht abstoßend, dann über alle Maßen reizvoll und ließ das Band, das zwischen ihnen bestand, regelrecht vibrieren.

»Hört auf so zu glotzen, oder ich vergesse mich«, wies sie ihn zurecht.

»Ihr habt nichts, das mich anzieht«, antwortete er. Die halbe Wahrheit. Titan konnte nichts an diesem Band ändern, und er hasste es inbrünstig, wenn sie seine Instinkte ansprach. Er war es gewohnt, sich als rationalen, analytischen Menschen zu sehen. Frei von weibischen Gefühlen, Wünschen, Träumen und Sehnsüchten. Scarabea veränderte ihn. Und das nicht gerade zu seinem persönlichen Vorteil. Auch dafür hasste er sie.

»Wenn wir morgen nach Krähenwehr kommen, dann solltet Ihr den Namen Domtaline nicht mehr erwähnen.«

»Weshalb?«

»Weil die Fürstin diesen Namen aus dem Stammbaum getilgt hat.«

»Woher wisst Ihr das?« Müde ließ er sich auf das warme Lager fallen und zog sich im Liegen die Stiefel aus.

»Habt Ihr Granadea nicht zugehört?«

»Nicht immer«, gab er zu.

»Nun, ich schon. Und das habe ich erfahren.« Sie warf die restlichen Rüstungsteile in die Ecke, griff wahllos nach einem der Pelze und legte ihn sich um. »Gibt es die Kendori-Rächerkommandos wirklich?«

Verwirrt hob er den Kopf. Wie kam sie denn jetzt darauf?

Scarabea nahm auf der anderen Seite des Lagers Platz, beobachtete ihn jedoch mit Argusaugen.

»Natürlich gibt es die. Jeder Lord besitzt eines. Und sie sind gut. Ich hörte, sie werden bei den Grauen Männern ausgebildet. Sie sind die einzigen, die ohne das Gelübde dort lernen dürfen.«

»Was heißt hier, Ihr hörtet? Solltet Ihr nicht ein eigenes Rächerkommando besitzen?«

Er grinste. »Sollte ich, ja. Ich habe aber keines. Das steht nur einem Lord aus dem alten Adel zu. General mag ich auf dem Papier sein und ein Lord ebenso, aber ein Rächerkommando wird immer vom Vater des künftigen Lords bezahlt und ernannt. Und falls Ihr Euch daran erinnert: Ich habe keine Familie.«

»Das ist wirklich amüsant, wenn man bedenkt, dass Ihr ständig damit prahlt, ein von Malyx zu sein.«

»Das ist ein fürstlicher Titel. Ihr könnt die Ahnenreihe der von Malyx im Hammer auf den Gobelins bewundern. Und auch ihre Großtaten. Eines haben sie allerdings alle gemeinsam: Sie sind nicht einmal ansatzweise verwandt.«

»Ihr Kendori habt krude Gebräuche«, antwortete sie kopfschüttelnd und kroch unter die Decken. »Das hier«, dabei deutete sie auf eine unsichtbare Mittellinie zwischen ihnen, »ist die Mauer von Ivalo. Wenn Ihr sie übertretet, dann töte ich Euch.«

Er schüttelte sachte den Kopf. »Das wagt Ihr gar nicht. Und glaubt mir … Nichts erscheint mir reizloser, als diese imaginäre Mauer zu überqueren.«

Sie antwortete nicht. Weiber waren bei solchen Worten stets beleidigt. Weil sie nie wussten, was sie wollten. Ähnliche Gedanken spürte er jedoch auch bei ihr. Lächerlich. Immer das wollen, was man nicht haben kann.

»Wenigstens wart Ihr klug genug, der Alten nicht zu sagen, dass dieses ominöse Rächerkommando sie nicht heimsuchen wird.«

»Das ist mein einziger Trumpf … Denkt Ihr, dass ich ihn aus der Hand gebe?«

 

 

THEINVAL

 

 

Der Regent musste sich eingestehen, dass sein oberster General ihm durch die Lappen gegangen war. Und dessen kleine coronianische Schlampe gleich mit.

Die coronianische Königin hatte den Pakt mit ihm gebrochen, der sie zurück auf ihren Thron gebracht hatte und ihm die lang ersehnten Wasserläufer hätten bringen sollen. Er hatte sie zwar nicht bis zum bitteren Ende durch die Jaguarkrieger unterstützen lassen, aber seiner Meinung nach dennoch den Vertrag eingehalten. Die Coronianer hatten das anders gesehen. Und das, obwohl sogar die Königin ihre Kriegsherrin zurückließ, weil Titan von Malyx sie haben wollte. Nun musste Theinval den Betrug der Coronianer erkennen.

All ihre Wasserläufer waren tot, gleich nachdem man sie an die Arbeit geschickt hatte … alle bis auf einen, der im Seuchenhaus mit dem Tod rang. Ob er überleben würde, war mehr als fraglich. Theinval glaubte nicht an Wunder und auch nicht an seine Genesung, obwohl Alchemisten und Heiler etwas anderes behaupteten und ihm ständig frohe Nachrichten verkünden wollten. Ein paar Tage nach Titans Flucht waren sie wiedergekommen und hatten blumige Worte für das Koma des Wasserläufers gefunden: Er ruhe nun und sei auf dem Weg der Gesundung, allerdings könnte diese viel Zeit in Anspruch nehmen.

Theinval hatte keine Zeit. Und als der Alchemist zu winseln anfing, hatte er Bekanntschaft mit einer seiner verborgenen Klingen gemacht.

Er ging seiner Frau Domtaline aus dem Weg, wann immer er konnte, damit sie seine Sorgen nicht sah und nicht selber von der Unruhe erfasst wurde. Sie trug immerhin seinen Thronerben unter dem Herzen, und er konnte nicht zulassen, dass Titan ihm auch noch diesen nahm.

Vom Kraterrand her erreichten ihn ebenfalls merkwürdige Nachrichten: Das Portal war nicht mehr passierbar. Irgendetwas mussten von Malyx und seine Gefährtin damit angestellt haben.

Die Aufstände vor seinen Toren ließen ebenfalls nicht nach: Oft brannten die Feuer nachts in Arling. Theinval hatte sie zwar nicht unmittelbar gesehen, doch seine Leibwache machte sorgenvolle Gesichter und schilderte ihm die aufrührerische Meute in erschreckenden Farben. Er machte sich nichts vor: Ließen Regen und Wasser weiter auf sich warten, dann würden die Aufstände von neuem entfacht, und dann blieb es nicht dabei, dass er sich die Berichte darüber nur anhören konnte.

»Mein Gemahl, Ihr seid so abwesend«, sagte Domtaline eines Abends, als er wieder einmal grübelnd am reichhaltig gedeckten Tisch hockte und keinen Bissen anrührte.

»Ist Euch nicht wohl?«

»Ich sorge mich um das Kind«, behauptete er. Damit lenkte er alle Aufmerksamkeit auf sie und ihren langsam schwellenden Bauch. Ihre albernen Hofdamen kicherten geziert. Theinval hatte keine Ahnung, warum er ihr die Frauen überhaupt gestattete. Keine Regentin von Kendor hatte Hofdamen. Anscheinend hatte sie solchen Unfug aus Granaruida mitgebracht, oder die Coronianerin hatte ihr Flausen ins Ohr gesetzt. Jedenfalls musste er nun einen schnatternden Schwarm Edelfrauen ertragen, die noch dümmer waren als der schwachsinnige Fünfjährige von Lord Ravok.

»Meinem Kind geht es sehr gut«, sagte sie keck und zeigte ihre Grübchen. »Es tritt mich manchmal. Ich glaube, es sehnt sich ebenfalls nach der Freiheit.«

»Glaubt Ihr ernsthaft, dass es schon treten kann? Euer Bauch wölbt sich doch kaum.« Theinval bereute die tadelnden Worte im selben Moment wieder, doch ungeschehen machen konnte er sie nicht.

Gottlob ging sie mit einem Lächeln darüber hinweg. »Wann werden wir uns die Wunder der Wasserläufer anschauen? Ich hörte, es sei eine Offenbarung, ihnen bei der Arbeit zuzusehen.«

»Das ist zu gefährlich in Eurem Zustand. Die Männer gehen in die Steinwüste hinaus«, log Theinval. »Dort gibt es allerhand Gefahren für eine Frau wie Euch. Wenn Ihr nicht schwanger wärt, dann würde ich es Euch gestatten. Aber so nicht.« Konnte sie denn nicht einmal über Themen sprechen, die unverfänglich waren und ihm keine erneuten Lügen entlockten?

Das Räuspern seines Haussklaven im Hintergrund war ein lästiges Störgeräusch, und er erwog kurzzeitig, den Mann zu töten, besann sich aber eines Besseren. Domtaline hasste solche Grobheiten.

Was für eine Frau hatte er sich da überhaupt ins Haus geholt? Wegen eines Vertrages … der schon lange nichtig war. Manchmal vergaß er sogar, worum dieser sich drehte. Und wenn er doch nicht mehr von Belang war … warum gab er sich dann noch mit dem nutzlosen Überbleibsel Domtaline ab? Wäre er jetzt, wie vor wenigen Jahren noch, alleiniger Herr im Hammer, würde er sein Pferd satteln lassen und den Meuterern auf dem Schlachtfeld entgegentreten.

Der verfluchte Sklave räusperte sich immer noch.

»Was?«, knurrte Theinval bedrohlich.

Der Mann zuckte zusammen und atmete tief durch. »Eine Nachricht, Herr.«

»Und das kannst du nicht, wie jeder andere Mensch auch, einfach sagen? Hat dir der Hausvorsteher kein Benehmen beigebracht?«

Domtalines alberne Damen verstummten, und auch sie schaute ihn aus ihren großen Augen vorwurfsvoll an. Aber sie wagte es, Widerworte zu geben: »Mein Gemahl, das ist …«

»Lasst es gut sein, Weib«, grollte er und packte den Sklaven beim Arm. »Wir reden draußen weiter.«

Die vielen Ketten seiner Frau klirrten, als sie sich erhob, doch Theinval ignorierte ihre Bewegung und verließ das Speisezimmer.

»Ich wünsche, nicht gestört zu werden«, wies er die zwei Jaguarkrieger an, die vor der Tür Wache hielten. Die Männer salutierten und kreuzten die langen Äxte.

»Wer will mich sprechen?«, fuhr er den Sklaven an.

»D-dort draußen, mein Herr. Es ist ein Lord. Seinen Namen wollte er mir aber nicht verraten.«

Theinval packte den Kopf des Sklaven und ließ die Klinge hervorschnellen, die sich in seinem Ärmel verbarg. Das Blut sprudelte Theinval entgegen, als der Sklave zu Boden ging, und er machte einen Schritt zurück, damit ihm die klebrige Substanz nicht auf die Stiefel tropfte. Auf seinen Fingerzeig kam eine ganze Sklavenhorde herbeigeeilt, um den Toten aufzulesen.

»Wegwischen. Keinen einzigen Tropfen will ich davon sehen«, befahl Theinval, bevor er sich auf den Weg zum Innenhof machte.

Zwei seiner Leibwächter begleiteten ihn auf dem Weg, und er war dankbar für ihre immerwährende Hingabe und Wache. Wie einfach wäre es in dieser Situation gewesen, ihn zu ermorden. Niemand hätte sich dagegen erhoben. Er verfluchte Titan und die coronianische Hure, die ihm den General abspenstig gemacht hatte, und lief weiter.

»Mein Gebieter«, sagte jemand von draußen, und dann erblickte er eine kniende Person.

»Wer seid Ihr?«

Der Mann trug nicht die Rüstung eines Jaguarkriegers, musste also im Heer dienen und nicht bei seiner Elite.

»Ich bin auf dem schnellsten Weg hierher geritten, weil ich es für überaus wichtig erachte, dass Ihr das hier erhaltet.«

Theinval musste sich beherrschen, den Mann nicht sofort niederzustrecken, weil er seine Frage nicht beantwortet hatte.

Er ließ sich einen Pergamentfetzen reichen, der schon viele Male zusammengeknüllt und wieder auseinandergefaltet worden war.

Die Schrift war klein und kam ihm vage bekannt vor. Wo hatte er sie schon einmal gesehen? Er überflog die Worte, doch nichts davon wollte hängenbleiben. Nur die prägnanten Begriffe: »Verrat am Volk«, »Oberster Regent, Theinval Ardarin«, »Tote Wasserläufer«.

Übelkeit befiel Theinval.

»Wo habt Ihr das her?«, fragte er den Soldaten.

»Aus der Stadt. Überall in Arling hängt es aus. Euer General hat das geschrieben. Ich konnte Euch kein vollständiges Schreiben beschaffen, denn die Menschen prügeln sich um diese Proklamation, doch sie sind alle unterschrieben mit Titan von Malyx.«

»Ihr habt gut daran getan, zu mir zu kommen«, sagte Theinval wie in Trance und wandte sich einem seiner Leibwächter zu. »Sorgt dafür, dass er einen angemessenen Lohn und eine Beförderung erhält.«

Die wettergegerbte Miene des Mannes hellte sich auf. »Ich danke Euch, mein Lord.«

»Dankbarkeit ist ein kostbares Gut. Ich werde sie vielleicht eines Tages auf die Probe stellen. Ihr bleibt vorerst im Hammer. Euer Name?«

Dieses Mal antwortete er. Sein Glück. »Elhel Ruark.«

»Gut, Ruark. Sprecht zu niemandem über dieses Pergament. Ich werde dafür sorgen, dass jeder, der es hier im Hammer tut, zum Schweigen gebracht wird. Und Ihr werdet mir dabei helfen.« Er entschloss sich, seine letzte Trumpfkarte auszuspielen. »Meine süße Gemahlin ist schwanger, und ich möchte sie nicht unnötig aufregen. Das versteht Ihr doch sicher, Ruark.«

»Jawohl, mein Lord.«

»Gut. Dann findet Ihr im Kopf des Hammers Speis und Trank. Habt Ihr ein Kommando?«

»Nein, mein Lord.«

»Habt Ihr Männer, denen Ihr vertraut? Kameraden? Freunde?«

Ruark nickte stumm.

»Dann schafft sie her. Ich möchte Eure Freunde kennenlernen, sofern sie wissen, wie man ein Schwert hält.« Er musste um jeden Preis die Menschen von der Straße holen, die er noch irgendwie beeinflussen konnte. Sie durften dieses verfluchte Pergament nicht lesen und schon gar nicht daran glauben. Wenn es ihm noch irgendwie gelingen sollte, Männer um sich zu scharen, die einer Rebellion auf seiner Seite entgegentraten, dann musste das heute Nacht geschehen.

Er raffte seinen Umhang und trat gemessenen Schrittes zurück. Nicht einmal dieser unwichtige Bursche sollte merken, wie ihm zumute war. Nur dann überlebte er diese Nacht.

»Schickt mir den Schreiber her«, befahl er in die Stille hinein, denn er wusste, dass die Sklaven jedes Wort hörten. »Und den Falkner gleich mit. Ich brauche einen seiner Nachtvögel für diese Nachricht.«

Lord Taquko musste informiert werden. Er musste durch dieses Portal, koste es, was es wolle.

Dieser verfluchte von Malyx musste vom Antlitz dieser Erde getilgt werden. Besser früher als später. Er war schon viel zu lange am Leben. Hatte er das seiner coronianischen Hure wegen getan? Frauen ließen gestandene Männer zu Eseln werden, wenn sie nur die richtigen Fäden zogen.

Weil er Titan von Kindesbeinen an um sich gehabt hatte, würde er ihm sogar einen schnellen Tod gewähren, keinen Verrätertod. Weil er selbst wusste, wie es war, wenn man einer Frau gefallen wollte. Wäre er jetzt wahrhaft allein gewesen, dann hätte er um den Sohn geweint, den er niemals gehabt hatte.

 

 

SCARABEA

 

 

Was die alte Granadea als einen einfachen Weg bezeichnet hatte, war in Wirklichkeit kein Tagesmarsch gewesen, sondern hatte drei Tage beansprucht. Weitere sieben Tage hatten sie in Krähenwehr verbracht, ohne die amtierende Statthalterin auch nur zu Gesicht zu bekommen, und selbst wenn man sie und Titan auch empfing, so beobachteten die Granaruidan sie beide sehr argwöhnisch – und andersherum war es ebenso der Fall.

Scarabea wusste, was diese Menschen von ihr dachten. Granadea hatte sie aufgeklärt: Man hielt sie für Spione, für Schlangen, die die Berlais-Familie seit Jahrhunderten einsetzten, um über jede politische Veränderung informiert zu sein. Solche Leute waren ehrlos für die Granaruidan. Wie lächerlich: Ihre eigene Herrscherfamilie bediente sich der Spitzel, und die Menschen feindeten die Spione, nicht aber die Fürsten an. Ein verrücktes Land.

Krähenwehr selbst kam ihr vor wie ein steinernes Fort in der Wüste von Coronia, nur mit viel dickeren Wänden. Es war rund, groß und erschreckend leer, wenn man einmal von den Soldaten absah, die ein- und ausgingen. Auch sonst war es ziemlich schmucklos, und das Geschrei der Krähen, die täglich um die Türme kreisten, machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.

Scarabea war sehr dankbar, als man sie am achten Tag endlich abholte und zur Statthalterin führte.