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Anton Fuchs

Und morgen schon werde ich wiederkehren

Und morgen schon werde ich wiederkehren

ANTON FUCHS

 

 

 

Erzählungen II

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild by pixabay, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

 

Allabendlich begibt sich ein, in völliger Abgeschiedenheit lebender Einsiedler, auf der Suche nach Gesellschaft, viel zu spät am Abend auf den langen Weg in die Ortschaft weit unten im Tal. Als er dort ankommt, ist es bereits dunkel und so spät, dass alle Leute zu schlafen scheinen. Nur die Wachhunde der einzelnen Gehöfte begrüßen ihn jeden Abend, angeleint oder in Zwingern gedrängt auf ihre Weise. Mit ihnen als einzige Gesellschaft, wagt er sich immer weiter vor, bis ihn, wie jeden Abend, der Herrscher bei Nacht über die Ortschaft, ein großer, nicht gerade freundlicher Hund, ohne Leine, begrüßt. Da kehrt er eiligst um, ein Stück verfolgt und verspricht, Ja, wem?, am nächsten Abend, zeitiger jedoch, wiederzukehren.

Diese und andere Erzählungen von Anton Fuchs werden, mit beinahe altmeisterlichen, sprachlichen Mittel virtuos gestaltet. in diesem Band zusammengefasst. Er geht auch hier meist von der Wirklichkeit aus und erweitert sie ins Phantastische, gar bis hin ins Groteske.

 

 

 

 

Unsere Wohnung

 

Seit Jahren bewohnen wir einen einzigen fensterlosen Raum. Er ist etwa zwei Meter im Quadrat und nicht ganz einen Meter fünfzig hoch. Ich kann nicht aufrecht darin stehen, ganz zu schweigen von meiner Frau, die mich um Haupteslänge überragt. Und doch: Wie glücklich waren wir, als uns endlich, nach fast sechsjähriger Wartezeit, diese Wohnung zugewiesen wurde. Mit welcher Zuversicht entwarfen wir abends, wenn die Kinder schliefen, Pläne für alle möglichen Verbesserungen.

Ich will nicht bestreiten, dass wir anfangs noch oft mit dem Kopf gegen die Decke stießen. Dann rieselte der Kalk in unser Haar und in die geblümten Suppenteller. Auch gebe ich zu, dass die Luft manchmal schlecht ist, da wir beide starke Raucher sind und unsere Petroleumlampe rußt. Aber es ist unser eigenes Heim und: „Eigener Herd ist Goldes wert“.

Die Tür in unseren Raum ist kaum höher als fünfzig Zentimeter und verhältnismäßig schmal. Heute noch muss ich lächeln, wenn ich mich erinnere, wie sich bei unserem Einzug keiner als erster hineinwagen wollte. Schließlich sagte ich mir: „Sei doch ein Mann!“, ließ mich auf Hände und Knie nieder und schob entschlossen den Kopf durch die Öffnung.

Es war stockfinster.

Dieser Raum kann ungeheuer groß, kann aber auch klein sein wie eine Hundehütte – überlegte ich. Denn dass es ein Raum sein musste und dass ich nicht in die Nacht starrte, war mir klar. Es war ja Vormittag, und wir waren doch noch eben aus der sonnigen Straße hier heraufgestiegen. Während ich dies überlegte, tastete ich den Boden ab. Aha, ungehobelte Bretter – stellte ich fest, wobei ich mir einen Splitter tief unter den Nagel des linken Mittelfingers zog.

„Worauf wartest du denn?“ hörte ich hinter mir die ungeduldige Stimme meiner Frau. Sie gab mir einen Klaps auf den Hintern. Die Kinder lachten und schlugen, offensichtlich durch das Beispiel meiner Frau angeregt, so fest sie konnten auf mich ein. Und als nun zu allem Überdruss auch noch Tasso laut zu bellen begann, wurde mir ganz beklommen zumute.

„So geh doch endlich weiter!“ rief meine Frau.

„Ich kann nichts sehen!“ erwiderte ich.

„Das gibt’s doch nicht. Es muss doch irgendwo ein Lichtschalter sein“, hörte ich sie wieder. „Such doch einmal die Wände ab …“

Da fasste ich Mut und begann, behutsam meinen Oberkörper in den Raum zu schieben. Da ich, für einen Mann, sehr schmale Schultern habe, gelang mir dies ohne Schwierigkeiten. Doch schon im nächsten Augenblick blieb ich mit meinen außergewöhnlich breiten Hüften hängen. So geht das nicht – sagte ich mir und drehte mich auf die Seite, um zu versuchen, mich hineinzuwinden.

Ich nehme an, dass die zuckenden Bewegungen, die ich dabei mit dem Gesäß ausführte, in Tasso irgendeinen Instinkt geweckt hatten, denn er biss mich plötzlich so fest in die linke Kniekehle, dass ich laut aufschrie. Nahe daran, ihn energisch zurechtzuweisen, nahm ich mich jedoch zusammen, da hier mit Güte gewiss mehr auszurichten war.

„Tasso!“ rief ich in die Dunkelheit vor mir. „Kennst du mich denn nicht?“ – Und ich hatte Erfolg. Er knurrte leise, ahnungsvoll, und ich spürte, wie er meine Schenkel beschnupperte.

„Ja!“ ermunterte ich ihn. „Ich bin’s doch! Dein Herr!“

Da – biss er zum zweiten Mal zu.

Dass ich nun meine Beherrschung verlor, wird man verzeihlich finden. Und ich begann, da ich weder vor noch zurück konnte, mit den Beinen um mich zu schlagen, spürte aber nur, dass ich meine Frau und die Kinder traf, während es Tasso immer wieder gelang, mich zu fassen.

„So häng ihm doch endlich den Maulkorb um!“ schrie ich und zwängte mich in meiner Todesangst mit einem schmerzhaften, harten Ruck ganz in den Raum und – verlor das Bewusstsein.

Als ich erwachte, saß meine Frau vor mir auf dem Boden. Die Arme um die Schienbeine geschlungen, das Kinn auf die Knie gestützt, sah sie mich mit einem langen, ernsten, jedoch durchaus nicht unfreundlichen Blick an. An der Decke hing eine trübe Glühbirne. Dicht hinter mir hörte ich die Kinder streiten, doch ich war zu erschöpft, mich nach ihnen umzudrehen. Tasso war Gott sei Dank draußen geblieben.

„Aaach Gott, ach Gott!“ brachte ich endlich heiser hervor. „Mir ist, als hätte man mir den Hüftknochen abgehackt!“ Erst jetzt bemerkte ich, was ich angestellt hatte. Der Türstock war zur Hälfte weggerissen. Sein splitterndes Holz hatte meinen schönen Cutaway, ein Erbstück meines Oheims, an der rechten Seite buchstäblich zerfetzt. Und als ich nun auch noch feststellte, wie furchtbar Tasso meine schottischen Wollstrümpfe und meine Knickerbocker zugerichtet hatte, traten mir die Tränen in die Augen.

„Lass das!“ sagte meine Frau mit jener gütigen Stimme, die ich seit unserer Hochzeit nie mehr von ihr gehört hatte. „Was nützt es uns, jetzt zu jammern!“

„Ja, du hast recht!“ erwiderte ich. „Wir wollen lieber daran denken, dass wir endlich eine Wohnung haben. Für uns ganz allein. Ich kann es immer noch nicht fassen!“ Und voll Unternehmungslust stand ich auf.

In diesem Augenblick gab’s einen lauten Knall. Ich spürte einen heftigen elektrischen Schlag und einen so unsagbar harten Stoß gegen die Schädeldecke, dass ich sofort wieder in die Knie brach.

Es war stockfinster.

„Was hast du denn jetzt wieder angerichtet?“ kreischte meine Frau auf. Die Kinder fingen an zu weinen. Tasso schlüpfte herein und raste wie besessen zwischen uns herum.

„Ich … ich habe, glaube ich, mit meinem Kopf die Glühbirne gegen die Zimmerdecke …“, begann ich zu stammeln.

„Ach, schweig doch!“ herrschte sie mich an und überfiel mich mit einer solchen Flut von Schimpfworten, dass ich mich, in meiner Ehre verletzt, wortlos umdrehte und hinauskroch.

Zum Glück stieß ich im Stiegenhaus auf unsere Nachbarn. Sie nahmen sich meiner bereitwillig an und zogen mir, während ich mit fest zusammengepressten Lippen auf einer Stufe saß, die Splitter der Glühbirne aus dem Kopf. Wenn ich daran denke, was ich damals ausstand! Einige Male wurde mir schwarz vor den Augen. Doch was waren die körperlichen Schmerzen verglichen mit der Qual der Vorwürfe, die ich mir machen musste, als ich hörte, wie das Gejaule Tassos, das gellende Geschrei meiner Frau und meiner armen Kinder, die alle in der Wohnung zurückgeblieben waren, immer stärker anschwoll.

„Du, das Oberhaupt der Familie, du sitzt hier!“ sagte ich mir voll Grimm. „Lässt deine Angehörigen allein und denkst nur an dein persönliches Wohl!“ Und die Tränen liefen mir die Wangen hinunter in meinen Backenbart.

Wie lange das nun schon zurückliegt!

Es mag den Anschein haben, als wäre ich leicht geneigt zu klagen, als wäre ich ein Mensch, der – unduldsam und herrschsüchtig – stets nur die Schattenseiten der Dinge betrachtet. Ich habe mich nicht beklagt. Im Gegenteil, ich möchte sogar behaupten, dass diese wenigen und harmlosen Hindernisse unsere Freude über unsere Wohnung nur gewürzt hatten. Und seien wir ehrlich: Welcher Einzug geht ohne Hindernisse vor sich? Und wie unbedeutend erscheinen sie mir, wenn ich mich erinnere, mit welchem Eifer, mit welcher Lust wir ans Werk gingen.

Wir sägten, wir hämmerten und schraubten, wir vergipsten, malten aus und wuschen immer wieder ab und – waren am Abend oft sehr müde, aber immer froh wie seit Jahren nicht mehr.

Meinen ursprünglichen Plan, die Wohnung durch eine Gipswand zu teilen, ließen wir fallen, da meine Frau kleine Räume nicht liebt. So stellten wir unser Bett an die Wand links vom Eingang. „Es ist zwar ein kurzes, jedoch äußerst hartes Bett, das nur den Nachteil hat, dass es schmal ist“, pflegen unsere Nachbarn scherzhaft zu sagen.

Ich überhöre solche Bemerkungen, da ich als ernsthafter Mensch keinerlei Art von Humor zugänglich bin: Und wenn sie gegangen sind, versuche ich, meine Frau zu trösten: „Hochstapler sind das, reg dich nicht auf, schläft jeder in seinem eigenen Bett, als ob er ein Minister wäre.“

„Ach, halt doch deinen Mund!“ fährt sie mich unter Tränen an. „Wenn ich dich nur ansehe, kommt mir schon die Galle.“ Und so unbegreiflich es ist, war sie stets nach so einem Vorfall ausgesprochen streitsüchtig und pflegte mich bis tief in die Nacht, ja manchmal noch im Schlaf zu beschimpfen.

„Mich greifst du an? Und nicht die Nachbarn, die dich gekränkt haben?“ dachte ich dann voll Schwermut und grübelte lange und vergeblich nach der Ursache ihres Zorns.

Dass unser Bett übermäßig breit wäre, habe ich nie behauptet. Doch haben wir, wenn wir die Kinder fest an die Wand pressen, alle miteinander Platz darauf. Zudem bist nicht du, sondern ich der Benachteiligte. Denn du liegst in deiner ganzen Schwere die ganze Nacht auf mir, der ich beträchtlich über die Ränder unseres Bettes hinausrage.

Weißt du überhaupt, dass ich noch keine Nacht durchgeschlafen habe? Dass meine Hüfte noch immer schmerzt? Und dass ich jeden Biss jeder Wanze genau spüre, ohne mich wehren zu können? Weißt du, dass ich bestenfalls gegen Morgen in eine Art Halbschlaf verfalle, knapp bevor du mich weckst, das Frühstück zuzubereiten? Sogar Tasso ist besser dran. Er liegt wenigstens quer über unsere Beine.

Solche, ich muss gestehen, unschöne Gedanken gingen mir, allerdings nicht oft, durch den Kopf, während ich wach unter der heißen Last meiner dicken, schnarchenden Frau lag.

Ich will aber nicht ungerecht sein, verdanke ich doch anderseits gerade diesen Nächten meine Doktorarbeit, die ich in den vielen wachen Stunden im Kopf bis ins Detail entwerfen konnte, um sie am Morgen niederzuschreiben. Deshalb kam ich immer erst am Nachmittag dazu, mit geschlossenen Augen in einem Winkel hockend, den versäumten Schlaf nachzuholen.

So verlief unser Leben in ruhigem Gleichmaß. Sind wir doch ausgesprochene Stubenhocker, und wäre Tasso nicht gewesen, wir wären oft Monate nicht aus dem Haus gekommen.

Übrigens, wenn es nach meinem Willen ginge, hätten wir den Hund längst verkauft. Nicht, dass ich ihn nicht gern gehabt hätte. Er war ein großes, edles Tier, gutmütig, zärtlichkeitsbedürftig. Aber er konnte auch wild werden. Dann bellte er mehrere Stunden ohne Unterbrechung, sprang gegen die Wände und die Decke oder jagte kreuz und quer durch unseren Raum.