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A. F. Morland

Die Agentin #21: Ein Bombenauftrag für Joe Pearson





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Ein Bombenauftrag für Joe Pearson

Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg

Band 21

von A. F. MORLAND

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Der CIA-Agent Sheridan Mortimer soll herausfinden, ob dem US-Wissenschaftler Derek Wayne, der von der türkischen Regierung eingeladen wurde, seine Arbeit auf dem Gebiet elektronischer Abhörsensoren vorzustellen, in der Türkei Gefahr droht. Doch Mortimer wird von einem fanatischen Killer kaltblütig ermordet. Daraufhin wendet sich der CIA an Charles Newton, Leiter einer US-Regierungsstelle für besonders heikle Einsätze, der seine Top-Agentin Natalia Ustinov nach Istanbul schickt, wo sie die Agentenszene gewaltig aufmischt. Als Wayne von der >Bruderschaft der Schwarzen Rose< entführt wird, setzt die schöne Agentin ihr Leben aufs Spiel, um den Wissenschaftler zu retten ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Sheridan Mortimer zuckte wie von der Tarantel gebissen herum. Automatisch glitt seine Hand ins Jackett. Seine Finger legten sich blitzschnell um die Walther PPK, die in seiner Schulterhalfter steckte. Er hatte das rasante Ziehen der Waffe schon so oft geübt, dass er es mit jedem Westernhelden hätte aufnehmen können. Die Pistole mit dem brünierten Lauf flog heraus. Mortimer legte den Sicherungsflügel um und tauchte in derselben Sekunde in die Dunkelheit einer Haustornische ein.

Hier wartete er mit angespannten Nerven.

Seit acht Stunden befand sich der CIA-Agent erst in Istanbul, und schon hatten die Bluthunde seine Spur entdeckt.

Acht Stunden harte Arbeit lagen hinter Mortimer. Kontakte mit geheimen Informanten. Gespräche mit Polit- Gruppenführern. Ein Essen mit türkischen Geheimdienstleuten. Verhöre von gegnerischen Spitzeln.

Und was war bei all diesen Anstrengungen herausgekommen?

Dass Korabon, eine der perfektesten Mordmaschinen des gesamten Ostblocks, zwar in Istanbul war, dass aber keiner wusste, wo man den Staragenten der Kälte finden konnte. Und keiner konnte Mortimer verraten, welcher Auftrag Korabon in die Stadt am Goldenen Horn gebracht hatte.

Schritte.

Mortimer fingerte aus einer Spezialtasche einen klobigen Schalldämpfer heraus und schraubte diesen mit schnellen Drehungen auf die Waffe. Dann lauschte er mit angehaltenem Atem.

Der CIA-Mann befand sich in der Altstadt. Ein Wirrwarr enger, finsterer Gassen lag um ihn herum. Ein Labyrinth, in dem man sich leicht verirren konnte, wenn man einen Augenblick die Orientierung verlor.

Eine schwarze Katze schlich an Sheridan Mortimer vorbei. Sie blieb kurz stehen, sah ihn mit ihren großen leuchtenden Augen an, lief weiter, war auf der Suche nach Mäusen und Ratten, von denen es in dieser Gegend mit Sicherheit jede Menge zu finden gab.

Ratten, dachte der amerikanische Agent grimmig, in gewisser Weise musste man auch Korabon und seinen zeitweiligen Handlanger Rashid Yalman zu dieser Spezies zählen. Yalman und Korabon wühlten sich oft durch den größten Dreck, ohne sich davor zu ekeln. Sie nahmen die schmutzigsten Jobs an und erledigten sie prompt und präzise.

Da!

Mortimer hob seine Pistole in Gedankenschnelle.

War da nicht eben ein schleifendes Geräusch zu hören gewesen? Ganz nahe! Sheridan Mortimer war nicht sicher. Sein Mund wurde zu einem dünnen Strich. Seine Augen funkelten kalt.

Er war ihnen unangenehm. Sie wollten ihn nicht in Istanbul haben. Da er die Stadt aber freiwillig nicht verlassen hätte, gab es für sie nur eine einzige Lösung: Mord.

Der CIA-Agent strengte seine Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen. Er glaubte, die Silhouette eines Menschen zu sehen, war aber nicht sicher. Außerdem durfte er nicht schießen, bevor er das Ziel nicht identifiziert hatte. Es hätte womöglich ein Unschuldiger dran glauben müssen.

Ohne den Blick von der reglosen Gestalt zu nehmen, ging Sheridan Mortimer langsam in die Hocke. Seine Linke tastete über den schmutzigen Boden. Er fand ein daumennagelgroßes Steinchen, richtete sich vorsichtig wieder auf und warf es nach dem Mann.

Der Getroffene erschrak und reagierte so, wie man es ihm im Ausbildungscamp beigebracht hatte. Er zuckte nach unten, federte zur Seite und drückte gleichzeitig dreimal kurz hintereinander ab.

Plopp! Plopp! Plopp!

Auch Mortimers Gegner verwendete einen Schalldämpfer.

Auseinandersetzungen zwischen feindlichen Agenten sollten möglichst ohne großes Aufsehen abgewickelt werden, sonst sind die Diplomaten hinterher gezwungen, scharfe Protestnoten hin und her schwirren zu lassen, um den Schein zu wahren.

Die drei Mündungsblitze zuckten jedes Mal an einer anderen Stelle auf. Das hieß, dass der andere nach jedem Schuss sofort die Position wechselte, denn es ist in der gefährlichen Agentenbranche ein alter Hut, dass derjenige, der sich durch sein Mündungsfeuer verrät und auf diesem Fleck stehen bleibt, schon in der nächsten Sekunde ein toter Mann ist.

Sheridan Mortimer erwiderte das Feuer.

Mit vier Schüssen trieb er den anderen hinter die nächste Hausecke zurück. Dann schnellte er sich aus der Nische und eilte weiter.

Niemand folgte ihm. Zumindest konnte er hinter sich keine Schritte mehr hören. Atemlos schlug er in der Altstadt zwischen den schäbigen Häusern mehrere Haken, ehe er sich nach Norden wandte, wo er in einer kurzen Sackgasse seinen Wagen abgestellt hatte.

Mit brennenden Fußsohlen und ziemlich ausgepumpt erreichte er den Straßenstummel.

Er marschierte nicht sofort auf seinen Leih-Cadillac zu, sondern vergewisserte sich zuerst, dass niemand in der Nähe war, der ihm Übles wollte. Zwei betrunkene Touristen zogen grölend die Straße entlang. Franzosen. Sie sangen die Internationale, umarmten einander, küssten sich auf die Wangen, tanzten - und fluchten, als ein zerbeulter Wagen kam und sie beinahe über den Haufen fuhr.

Sheridan Mortimer wartete, bis die Männer weg waren.

Dann überquerte er die Straße. Die Walther PPK steckte längst wieder in der Schulterhalfter. Mortimer war froh, sie nicht mehr zu brauchen. Er war kein Freund von nächtlichen Schießereien, bei denen es zumeist nur so von Zufällen wimmelte, weil man fast alle Schüsse auf gut Glück abgeben musste.

Der CIA-Agent erreichte seinen Caddy.

Er stieß den Wagenschlüssel ins Schloss, in diesem Augenblick passierte es. Er vernahm, wie sich Stoff an Stoff rieb.

»He, Amerikaner!«, knurrte eine hohle Stimme.

Korabon!

Sheridan Mortimer versuchte seine Haut zu retten, indem er schneller zu sein versuchte als Korabons Abzugsfinger. Das war jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Mortimer wollte das nicht einsehen. Solange sein Herz noch schlug, hoffte er. Nur Tote resignieren. Das war seine Devise. Und er war noch nicht tot.

Noch nicht!

Er schraubte sich herum und nach unten, ging in Combat-Stellung, stieß die Walther PPK nach vorn ... Aber er kam nicht mehr dazu, den Stecher durchzuziehen, denn in diesem Augenblick machte Korabon kurzen Prozess mit ihm.

Er hörte keinen einzigen Schuss.

Er sah es nur mehrmals aufblitzen, und nach jedem kurzen Wetterleuchten spürte er einen verdammt harten Schlag. Es war ihm, als würde ihm jemand mit einem schweren Hammer auf die Brust hauen.

Kein Schmerz!

Darüber war Sheridan Mortimer am meisten erstaunt. Er hatte immer geglaubt, ein gewaltsames Ende wäre mit unsagbaren Qualen verbunden, aber das war es nicht. Er spürte überhaupt nichts, merkte nur, wie er kraftlos wurde, seine Hand sich öffnete und die Pistole auf die Straße fiel. Seine Knie wurden weich, und er sank langsam nach unten ...

Es war vorbei.



2

Ted Schwartz, der Chef der CIA-Leitstelle New York, warf den Telefonhörer wütend in die Gabel. Er sprang auf, als wäre soeben ein Stromstoß durch die Sitzfläche seines Schreibtischstuhles gefahren, und begann ruhelos in seinem Office auf und ab zu gehen. Nachdem er fast einen Kilometer gelaufen war, blieb er am Fenster stehen und blickte nach draußen.

New York.

Sheridan Mortimers Heimatstadt. Er würde sie nie mehr wiedersehen. Schwartz ballte in ohnmächtiger Wut die Fäuste. So ist das Leben von Agenten. Keiner weiß, ob er jemals den wohlverdienten Ruhestand erreichen wird. Und einige von ihnen erreichen ihn nur als Krüppel.

Schwartz drehte sich auf den Absätzen ruckartig um, stakste zum Schreibtisch und drückte auf einen Knopf der Sprechanlage.

»Ja, Sir?«, kam es aus dem Apparat.

»Haben Sie einen Moment Zeit, Dee?«

»Selbstverständlich, Chef.«

Dee kam gleich darauf zur Tür herein. Eine Wasserstoffblondine mit unwahrscheinlich langen Beinen, ausladenden Hüften und strahlenden veilchenblauen Augen. Sie hatte ein niedliches Gesicht, und mit ihrem Intelligenzquotienten stellte sie einen Großteil ihrer männlichen Kollegen in den Schatten. Sie hatte nur einen Makel, unter dem sie insgeheim litt: einen ganz und gar flachen Busen. Sie hatte beinahe den Brustkorb eines Mannes. Früher hatte sie mit Schaumgummi Abhilfe geschafft, doch darüber war sie inzwischen hinweg. Sie hasste es, alle Welt zu täuschen. Wer sie nicht so akzeptierte, wie sie von Natur aus war, der sollte hingehen, wo der Pfeffer wächst. Das hatte ihr ein Psychiater in vielen Sitzungen beigebracht und danach lebte sie heute.

Sie blieb in der offenen Tür stehen. »Chef?«

»Kommen Sie herein und machen Sie die Tür zu«, sagte Schwartz mit düsterer Miene.

»Ist etwas passiert, Chef?«

»Das kann man wohl sagen«, antwortete Ted Schwartz gallebitter.

Dees fragender Blick verriet Unsicherheit.

Er sagte mit belegter Stimme: »Sheridan ist tot.«

Dee erschrak. »Oh, mein Gott. Wie ist das passiert?«

»Man hat ihn statt Phil Jagger nach Istanbul geschickt. Sie kennen Jaggers Auftrag.«

Dee nickte. »Jagger war sehr unglücklich darüber, dass er kurz vor der Abreise die Gelbsucht bekam.«

Schwartz schüttelte den Kopf. »Wie das Leben doch so spielt, was? Jetzt ist Jagger über seine Gelbsucht bestimmt heilfroh, denn ohne sie wäre vermutlich er tot und Sheridan Mortimer würde noch leben.«

»Armer Sheridan«, sagte Dee traurig. »Ich habe ihn sehr gemocht.«

»Wir alle haben ihn sehr gemocht.« Schwartz rümpfte die Nase. »Was für ein Ende. Zusammengeschossen in irgendeiner finsteren Sackgasse.« Er gab sich einen Ruck. »Verbinden Sie mich mit Charles Newton. Ich will die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen!«



3

Wie ein Silberpfeil schoss die McDonnell Douglas F4 Phantom II über den azurblauen Himmel, der sich über das Floyd Bennett Field spannte. Der zweisitzige Abfangjäger vollführte dort oben die tollkühnsten Kunststücke. Charles Newton, der dicke Geheimdienstchef, beobachtete den Düsenjäger, der ohne Außenlasten in einer Höhe von dreihundert Metern eine Höchstgeschwindigkeit von 1464 km/h oder Mach 1,2 und in einer Höhe von 12.200 Metern sogar eine Höchstgeschwindigkeit von 2414 km/h oder Mach 2,27 erreichte.

Der Mann, der neben Newton stand, schüttelte bewundernd den Kopf. »Kaum zu glauben, dass der Vogel von einem Mädchen geflogen wird.«

Der Dicke, der sehr viel Ähnlichkeit mit Buddha hatte, schmunzelte. »Natalia Ustinov ist ein Teufelsmädchen. Habe ich das nicht immer schon gesagt?«

»Dass sie keine Angst hat ...«

»Es gibt nichts, wovor dieses Mädchen sich fürchtet.« Newton sagte das sichtlich mit Stolz, als wäre Natalia seine leibliche Tochter, und tief in seinem Herzen hegte er für dieses einmalige Mädchen tatsächlich so etwas wie väterliche Gefühle.

Die Phantom II setzte zur Landung an.

Wenig später jagte die Maschine heulend über die Landepiste. Der 5385 kp starke Umkehrschub bremste das Flugzeug auf kurze Distanz. Der Abfangjäger schwenkte von der Landepiste ab und rollte auf das Betongebäude zu, vor dem Charles Newton stand.

Kurz darauf sprang die Top-Agentin des Dicken elastisch auf die Betonpiste herab. Sie trug einen silbergrauen Overall, in dem sie verdammt gut aussah. Jetzt hob sie mit beiden Händen den Helm ab, und ihr langes schwarzes Haar ergoss sich über ihre Schultern. Sie winkte Newton. Er nickte und lächelte.

Natalia drehte sich um und wartete auf ihren Copiloten.

Er hatte sie den ganzen Flug und auch die Landung allein machen lassen, und er hatte nicht das Geringste auszusetzen gehabt.

»Im Ernstfall«, wurde Natalia von ihm abschließend informiert, »wird der Vogel mit folgender Bewaffnung bestückt: 20mm-Revolverkanone, vier oder sechs Luft-Luft-Lenkwaffen AIM7E Sparrow IIIB plus vier Luft-Luft-Lenkwaffen AIM9D Sidewinder.«

Die Agentin lächelte. »Ob da noch jemand anders eine Chance hat?«

»Das hängt natürlich auch bis zu einem gewissen Grad von der Besatzung ab. Wir beide wären vermutlich ein unschlagbares Team. Das sage ich nicht nur, um Ihnen eine Freude zu machen.«

Natalia bedankte sich mit einem warmen Blick. Ihre Kohleaugen funkelten. »Ich liebe schnelle Flugzeuge. Und mir gefallen schnelle Männer.«

Der Copilot grinste. »Wenn das so ist, dann kann ich Sie ja mal anrufen.«

Natalia nickte. »Tun Sie das. Meine Nummer ist Richmond 2000.«

»Die merke ich mir bis an mein Lebensende.«

Sie lachte. »Hoffentlich lassen Sie sich mit Ihrem Anruf nicht so lange Zeit.«

»Bestimmt nicht.«

»Ich nehme Sie beim Wort, Frank.«

»Das können Sie.«

Natalia gab ihm zum Abschied die Hand, dann begab sie sich zu Newton, der sich seinerseits von dem Mann verabschiedete, mit dem er Natalias Kunststücke beobachtet hatte. Die junge Agentin drückte dem Dicken einen schnalzenden Kuss auf die Wange und sagte schmunzelnd: »Danke schön.«

»Wofür?«, fragte Newton, etwas verlegen.

»Dafür, dass Sie mir diesen Flug ermöglichten.«

Der Dicke lachte. »Was tut man nicht alles, um seine beste Agentin bei Laune zu halten.«

Natalia nickte. »Zumeist folgt darauf ohnedies schon wieder ein harter, nervenverschleißender Job.«

»Volltreffer«, sagte Charles Newton.

Natalia Ustinov schaute ihn mit großen Augen an. »Was wollen Sie damit zart andeuten, Chef?«

»Dass ich einen neuen Job für Sie habe.«

Die Agentin zuckte seufzend die Achseln. »Da sieht man mal wieder, wie gut ich Sie kenne.«