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A. F. Morland

Das sechste Gebot

Heimatroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das sechste Gebot

Roman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

 

Eine heile Welt gibt es auch in der 4000-Seelen-Gemeinde Grüntal, in der Nähe von München, nicht. Bei Vitus und Johanna bahnt sich eine Katastrophe an, weil Vitus seine Ehefrau Johanna nach Strich und Faden betrügt. Sie erwischt ihn in flagranti und handelt kopflos.

Lena und Hugo müssen viele Schicksalsschläge erleiden und haben zudem keine finanziellen Möglichkeiten, Lenas schwere Krankheit durch eine Operation zu lindern. Eine Katastrophe bahnt sich an. Hugo beichtet dem Pfarrer, dass er sich strafbar machen will, um an das nötige Geld für die Operation zu kommen. Doch wie soll der Pfarrer helfen, denn er ist dem Beichtgeheimnis verpflichtet? Es müssen schnellstens Lösungen gefunden werden, um die sich anbahnenden Katastrophen abzuwenden...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover by pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Max, der Kater, war zwar nicht mehr der Jüngste, aber immer noch ungemein clever, wenn es darum ging, sich ein extra Leckerchen zu erschnurren.

Er strich so lange um die Beine der neunundfünfzigjährigen Pfarrhaushälterin, bis sie weich war, wobei er seinen Schwanz kerzengerade hochstreckte, als wollte er durch unübersehbares Aufzeigen dezent auf sich aufmerksam machen.

Die Frau und das Tier straften die Behauptung, Katze und Maus würden sich nicht vertragen, seit Jahren Lügen. Frau Maus und der schwarze Kater waren, abgesehen von gelegentlichen kleinen Meinungsverschiedenheiten, seit Jahren ein Herz und eine Seele. An diesem Morgen hatte Heide Maus es eilig, doch das konnte Max natürlich nicht davon abhalten, sich schnurrend an ihren Beinen zu reiben.

Frau Maus musste sehr genau aufpassen, wo sie hintrat, denn der samtpfötige Kater war überall ein lebendiges Hindernis, das sich an allen Orten unvermittelt aufbaute und über das man ziemlich böse stürzen konnte.

Die Köchin war beim Bäcker aufgehalten worden.

Nun musste sie sich sputen, denn Kaplan Hofer durfte nicht zu spät in die Schule kommen.

Er hatte gleich in der ersten Stunde Religionsunterricht und wenn er nicht pünktlich war, ging es in der Klasse drunter und drüber.

Hastig stellte Frau Maus das Körbchen mit den Brötchen auf den Tisch. »Der Kaffee ist gleich soweit«, sagte sie. Als sie sich umdrehte, stolperte sie über Max. »Heiliger Str...« Sie presste schnell die Lippen zusammen und schaute verlegen zur Tür, in der soeben der Pfarrer erschienen war.

Paul Kreutzer grinste breit. »Was höre ich da aus deinem Mund, Heide?« fragte er belustigt.

Frau Maus legte die Hand betroffen auf ihre Lippen und murmelte: »Mein Gott, jetzt sage ich es auch schon. Aber es ist ein Wunder, wenn man es von Ihnen täglich zu hören bekommt, weil Sie sich nicht beherrschen können?«

»Es befreit doch. Oder etwa nicht?«

»Es gehört sich nicht für einen katholischen Priester, so etwas zu...«

»Unser Herrgott wird es mir nachsehen«, fiel der grauhaarige Pfarrer seiner Haushälterin ins Wort und setzte sich zu Jürgen Hofer.

Endlich war der Kaffee durch die Maschine gelaufen. Frau Maus stellte die Kanne auf den Tisch, und als ihr der Kater abermals ein Bein stellen wollte, war für sie das Maß voll.

»Max!«, schrie sie erbost. »Jetzt reicht es aber!« Sie bückte sich, griff das Tier mit beiden Händen und trug es hinaus in den Küchengarten. »Du gehst jetzt ein bisschen an die frische Luft!«, sagte sie energisch.

»Miau!«, beschwerte sich Max.

»Jawohl, Miau! Und lass dich erst in einer halben Stunde wieder blicken, dann habe ich Zeit für dich, eher nicht.« Sie kehrte zu Pfarrer Kreutzer und Kaplan Hofer zurück.

»Sie waren schon mal netter zu Mäxchen«, meinte Jürgen Hofer schmunzelnd.

»Immer, wenn ich es eilig habe, streicht er mir besonders aufdringlich um die Beine«, erwiderte Heide Maus barsch. »Das macht er extra.«

»Er liebt Sie.«

»Er liebt das Futter, das ich ihm gebe.«

»Sie tun ihm unrecht.«

»Na schön, vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich habe jedenfalls keine Lust, mir schon am frühen Morgen ein Bein oder einen Arm zu brechen«, sagte Frau Maus spröde. Damit war das Thema für sie beendet.

Paul Kreutzer goss Milch in seinen Kaffee. »Wie geht es in der Schule?«, fragte er den jungen Kaplan.

»Ganz gut.«

»Sind die Schüler sehr aufgeweckt?«

»Es sind ein paar Rabauken dabei, die ganz gern den Unterricht stören würden, aber ich habe sie recht gut im Griff.«

»Wenn Sie den Religionsunterricht interessant gestalten wollen, müssen Sie versuchen, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden.«

Jürgen Hofer biss von seinem Brötchen ab, das er mit zwei Scheiben Schinkenwurst belegt hatte. »Das tue ich und ich streue ab und zu einen Witz ein, um den ernsten Stoff ein wenig aufzulockern.« Der einunddreißigjährige Kaplan lächelte. »Heute werde ich zum Beispiel den erzählen: Ein Heide hat zum ersten Mal in seinem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen. >Wie war’s?<, wollen seine heidnischen Freunde neugierig wissen. >Sehr schön<, gibt der Gefragte Auskunft. >Zuerst hat der Pfarrer gesprochen und dann wurde ein Körbchen mit Geld herumgereicht ..: Ich hab’ mir auch zwanzig Mark genommen«

Paul Kreutzer lachte. »Wo haben Sie denn den her?«

»Der Totengräber hat ihn mir gestern erzählt.« Hofer leerte seine Kaffeetasse.

»Da wir gerade bei der Kollekte sind: Die letzte ist ziemlich mager ausgefallen«, sagte Pfarrer Kreutzer unzufrieden. »Ich muss bei der nächsten Predigt mal wieder die Gebefreudigkeit unserer Schäfchen ein wenig wachrütteln.«

Der Kaplan erhob sich. »Ich muss gehen.«

Er verließ das Pfarrhaus und ging zu Fuß zur Schule, denn es lohnte sich nicht, die paar Schritte mit dem Motorrad zu fahren. Schwester Innozentia, die das Martinsheim leitete, das sich gegenüber der Schule befand, kam ihm entgegen.

»Guten Morgen, Schwester«, grüßte er die Fünfzigjährige freundlich.

»Guten Morgen, Herr Kaplan. Schöner Tag heute.«

Jürgen Hofer blinzelte in die Sonne. »Ja, den sollte man frei haben.«

»Was würden Sie denn dann tun?«

»Mit dem Motorrad durch die Botanik fahren und mich an ihrem wunderschönen Anblick erfreuen.«

»Dafür haben Sie nach dem Unterricht ja immer noch Zeit«, gab Innozentia, eine resolute, aber auch sehr hilfsbereite Frau, zurück. Im Martinsheim kamen betagte alte Leute unter, um die sich sonst niemand kümmerte. Das Heim wurde von der Gemeinde und der Kirche zu gleichen Teilen unterhalten.

Jürgen Hofer streckte den Zeigefinger hoch.

»Falls nicht, wie so oft, irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt.«




2

In Grüntal war wohl niemand weniger beliebt als die Schwestern Sophie Jäger und Fanny Gressl. Das Gesetz hätte sie zum Tragen eines Schildes mit der Aufschrift »Vorsicht! Bissig!« verpflichten sollen, damit gleich jeder wusste, woran er mit ihnen war.

Ihnen an einem so wunderschönen Morgen über den Weg zu laufen, musste schon beinahe als Strafe Gottes angesehen werden und ausgerechnet Innozentia musste das passieren.

»Grüß Gott, Schwester«, sagte Sophie Jäger mit gespielter Freundlichkeit. »So früh schon unterwegs?«

»Ja, in die Apotheke.«

»Sie sind doch hoffentlich nicht krank.«

»Nein, einer meiner Schützlinge hat mich gebeten, ihm das Medikament, das Doktor Ackermann ihm gestern verschrieben hat, zu holen«, gab die Gemeindeschwester zurück und wollte gleich weitergehen, aber sie kam an den großen, rothaarigen, stetig Gift verspritzenden Frauen nicht vorbei.

»Kann er das nicht selbst tun? Sie sind viel zu gut, Schwester Innozentia. Dadurch nutzen alle Sie aus.«

»Ich fühle mich nicht ausgenutzt, wenn ich einem alten Menschen, der nicht mehr gut laufen kann, einen kleinen Gefallen tue.«

»Es muss ziemlich anstrengend sein, das Martinsheim zu leiten«, sagte Sophie Jäger. Man konnte wirklich nicht mit Sicherheit feststellen, wer das bissigere Luder war - sie oder ihre Schwester.

»Ich schaff das schon«, erwiderte Innozentia, die die roten Schwestern ebenso wenig mochte wie die übrigen viertausend Einwohner von Grüntal und sie machte auch keinen Hehl daraus.

»Sie sollten mal ausspannen. Sie sehen müde aus«, tat Fanny Gressl besorgt.

Im hellen Schein der Morgensonne glichen die Haare der Schwestern brennenden Dornenbüschen.

»Ja, wirklich. Diese Schatten unter Ihren Augen sollten nicht sein«, meinte Sophie Jäger voller falscher Anteilnahme.

»Wann haben Sie zum letzten Mal Urlaub gemacht?«

»Voriges Jahr.«

»Dann wird’s mal wieder Zeit, würde ich sagen. Oder noch besser: Lassen Sie sich von Doktor Ackermann auf Kur schicken. Dann machen Sie Urlaub und brauchen nichts dafür zu bezahlen.«

»Wie die Espachers zum Beispiel«, wusste Fanny Gressl sofort zu berichten. »Die kosten unsere Krankenkasse einen hübschen Batzen Geld. Vor zwei Monaten war Vitus Espacher zur Kur jetzt fährt seine Frau. Und was fehlt den beiden? Nichts.«

Sophie Jäger zog die Mundwinkel nach unten. »Ein bisschen Rheuma haben sie.«

Ihre Schwester winkte ab. »Das haben wir alle. Aber lassen wir es uns deshalb gleich auf Krankenkassenkosten gutgehen? Nein. Wir kurieren unsere Wehwehchen zu Hause aus.«

»Weil wir dumm sind«, sagte Sophie Jäger.

»Während andere sich gratis ein schönes Leben machen«, setzte Fanny noch dazu.

Sophies Augen wurden schmal. »Wenn der Vitus keinen Kurschatten hatte, fresse ich einen Besen.«

Fanny lachte schadenfroh.

»Jetzt hat seine Frau Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen.«

»Und wir bezahlen dieses Lotterleben auch noch mit unseren Beiträgen. Eine Schande ist das.«

»Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit«, setzte Sophie noch eins drauf. »Dass Doktor Ackermann so etwas unterstützt, ist mir unbegreiflich.«

»Wo gibt es heutzutage noch Sitte, Anstand und Moral?«, fragte Fanny Gressl anklagend. »Als ich jung war, wurde auf so etwas noch geachtet, da wurden diese Werte noch hochgehalten, aber heute...«

»Saudumm und Gomorrha.«

»Sodom«, korrigierte Sophie ihre Schwester.

»Genau«, sagte Fanny, die ehemalige Lehrerin, die das Lehramt aufgegeben hatte, weil sie sich nicht länger mit der »heutigen Jugend« herum argem wollte.

Sophie nickte grimmig. »Vielleicht sollten wir Doktor Ackermann auch mal bitten, uns einen Gratisurlaub zu verordnen.«

»Gleiches Recht für alle.«

Die Gemeindeschwester bat die roten Schwestern, sie zu entschuldigen. »Ich habe noch vieles zu erledigen«, sagte sie, »und so ein Vormittag ist schnell herum.«

»Sie sollten sich Ihre Zeit besser einteilen«, empfahl Sophie Jäger.

»Und sich vor allem nicht von jedem in die Apotheke oder sonst wohin schicken lassen«, meinte Fanny Gressl. »Die Leute, die in Ihrem Heim wohnen, sind alt. Sie haben jede Menge Zeit, mit der sie ohnedies nichts Rechtes anzufangen wissen.«

»Die Bewohner des Martinsheims sind alt, arm und zum Teil schon sehr gebrechlich, aber sie sind mir lieber als Leute, die an ihren Mitmenschen kein gutes Haar lassen«, gab die Gemeinde-Schwester spitz zurück und setzte ihren Weg fort.

Fanny Gressl sah ihr mit gefurchter Stirn nach. »Wen hat sie damit gemeint? Doch nicht etwa uns?«

»Nein«, gab Sophie Jäger kopfschüttelnd zurück, »uns nicht, denn wenn wir über jemand schlecht reden, dann ist es die Wahrheit und die wird man ja wohl noch ungeniert sagen dürfen.«