cover
Bernd Skorczyk

John Dyson: Coldheart

Thriller


Für Irene


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Die Schläge des russischen Agenten prasselten wie Trommelfeuer auf John Dyson ein. Gegen den Kopf, in den Magen, Leberhaken. Alles, was Dyson tun konnte, war, es hinzunehmen, ohne die Besinnung zu verlieren. Die zuvor eingeschmissenen Schmerzmittel halfen ihm dabei wenig.

Er musste den Kampf schnell beenden. Nur wie? Der Russe war schneller als er. Nicht stärker, nicht größer, nur schneller.

Aber das reichte schon aus. Der menschliche Körper schaltete nun mal ab, wenn er von zu vielen Schlägen in zu kurzer Zeit an mehreren Stellen getroffen wurde, egal wie kräftig sie waren. Das Nervensystem überlastete das Gehirn mit Reizinformationen, bis man k.o. ging.

Dyson ließ sich zurückfallen, brachte Distanz zwischen sich und Vasily Gregorov. Dabei rammte er gegen den einzigen Tisch, der in dem kleinen Büro stand. Es gelang ihm, sich über die Tischplatte seitlich rüberzurollen, sodass er wieder in den Stand kam und nun ein vierbeiniges Hindernis aus Pressspan zwischen sich und Gregorov hatte. Die Kampfpause währte nur kurz, reichte aber aus, damit Dysons Gehirn sich erholen und die Reizüberflutung der vergangenen Sekunden verarbeiten konnte. Gregorov war klein, drahtig und agil, der Tisch würde kein unüberwindliches Hindernis für ihn darstellen. Dyson dagegen war groß, kräftig und massig. Zuvor hatte ihn der Russe durch einen Überraschungsangriff nahe an den Abgrund der Niederlage gebracht. Jetzt kam das Rückspiel.

Dyson ließ eine rechte Gerade in Gregorovs Gesicht krachen. Der Russe versuchte noch zu blocken, die Wucht des Schlages durchdrang jedoch die Barriere aus hochgehaltenen Armen problemlos, das Nasenbein brach. Das war nicht der einzige Bonus, den Dyson gewann. Durch den Schlag brachte er die Tränendrüsen seines Gegners dazu, wahre Fluten in den Augen zu entfesseln. Für einen kurzen Moment konnte Gregorov nichts mehr sehen. Dyson trat einen Schritt zurück und verpasste dem Pressspan- Tisch vor sich einen Tritt. Die Tischkante auf der anderen Seite rammte gegen Gregorovs Oberschenkel, der Mann taumelte. Dyson machte einen Ausfallschritt nach rechts und rannte nach vorne. Frontal in Gregorov hinein. Der Russe führte keinerlei Stich- oder Schlagwaffen mit sich, das war nicht sein Stil. Also konnte Dyson das eigene Körpergewicht weitestgehend bedenkenlos in den Gegner rammen und die Physik für sich arbeiten lassen.

Gregorov und er gingen zu Boden, Dyson begrub den Russen geradezu unter sich, packte mit beiden Händen dessen Kehle und drückte zu. Dabei legte er seine Daumen auf Gregorovs Kehlkopf. Der Russe wurde panisch, versuchte Dyson ins Gesicht zu schlagen, konnte die eigenen Hände aber nicht mehr so weit heben, da Dyson sie mit seinem Körper runterdrückte. Dysons Handmuskulatur spannte sich immer mehr an, ein leichtes Knacken erklang, wie wenn man auf ein leeres Schneckenhaus trat. Die Augen des Russen wurden glasig, ein starkes Zucken durchfuhr seinen Körper, um dann plötzlich zu verebben…

 

Bis John Patrick Dyson keuchend aus seinem Traum in der Dunkelheit aufwachte, am ganzen Körper zitternd, wie der Russe, den er vor dreißig Jahren in Kiew erwürgt hatte. Er brauchte einige Minuten, bis er wusste, wo er sich jetzt befand.

Aber erst, als er die Nachttischlampe angemacht, die dickglasige Brille auf der Nase sitzen hatte und sich umschaute, verstand er, was er heute war. Der Blick zu den Medikamenten auf seinem Nachttisch und auf die Datumsanzeige des daneben stehenden Digitalradioweckers verriet es ihm.

Heute war er sechsundfünfzig Jahre alt, stark kurzsichtig, litt unter Schlafstörungen, von den Panikschüben ganz zu schweigen. Dazu kamen noch Gicht und Arthritis, die inneren Organe arbeiteten nicht mehr so, wie sie sollten, oftmals schmerzte allein schon das Wachsein.

John Patrick Dyson war kein Top- Agent der CIA mehr, sondern nur noch ein abgehalftertes, ausgemustertes Wrack.

1. Kapitel

5:00 Uhr morgens Ortszeit, Mountain Standard Time (MST)

Das Flugzeug, eine dreißig Meter lange, klobige Frachtmaschine, wirkte mit seinen riesigen Tragflächen fast wie ein Monstervogel aus irgendeiner europäischen Sagenwelt. Wären da nicht die vier Turbopropeller- Triebwerke gewesen.

Zumindest sah Captain Will Hatfield es so, als er Hangar Drei auf dem Luftwaffenstützpunkt Westfield im US- Bundesstaat Montana betrat. Die hintere Ladeluke der Frachtmaschine stand weit offen, während mehrere Soldaten sich bemühten, eine zylinderförmige Isoliereinheit auf vier Vollgummireifen über die Rampe in den Bauch des Flugzeugs zu schieben.

Ein Großteil der Isoliereinheit bestand aus durchsichtigem, reißfestem Plastik, sodass Hatfield einen kurzen Blick auf den darin liegenden „Patienten“ werfen konnte, den man wie üblich narkotisiert und mit Gurten fixiert hatte: Es war ein Mädchen, höchstens siebzehn oder achtzehn. Hatfield meinte, bei ihr schwarze, kurz geschnittene Haare und leicht gebräunte Haut zu erkennen. Vermutlich war sie eine Indianerin oder eine Latina. Wie so oft zuvor. Zum wiederholten Male stellte sich Hatfield im Geist die Frage, warum die Wissenschaftler von Projekt Wechselbalg in den USA des einundzwanzigsten Jahrhunderts immer noch zuerst auf ethnische Minderheiten zurückgriffen, wenn es darum ging, unfreiwillige Versuchskaninchen zu beschaffen.

Einsame Menschen ohne Freunde oder Angehörige, die lästige Fragen nach ihrem Verbleib stellen konnten, gab es auch bei Weißhäutigen zuhauf. Das dachte sich Will Hatfield, der jeden Morgen, wenn er in den Spiegel sah, das wohlgeformte Gesicht eines Afroamerikaners erblickte, dessen kurz geschnittenen, schwarzen Haare ihn ebenso agil wie seriös wirken ließen.

Seit vier Jahren war er schon der Pilot für die Transportflüge von Projekt Wechselbalg. Zusätzlich zu seinem normalen, nicht gerade üppigen Sold brachte ihm das einen fünfstelligen Bonus ein. Pro Flug.

Worum genau es bei dem Projekt ging, wusste er natürlich nicht. Alles war so streng geheim, dass die momentan in Hangar Drei arbeitenden Soldaten nur eines vor Arbeitsbeginn erfahren hatten: Die Versuchspersonen in den Isoliereinheiten trugen keine ansteckenden Krankheiten in sich.

Unmittelbare Gefahr ging von ihnen also nicht aus. Warum sie dann überhaupt in den Isoliereinheiten steckten, blieb ein Geheimnis.

Und das war gut so.

„Zuviel wissen“ hieß „zum Sicherheitsrisiko werden“. Das überlebte auf die Dauer niemand.

Der aktuelle Flug war für Nullsiebenhundert morgens Ortszeit angesetzt. Also blieben Hatfield noch zwei Stunden, das Flugzeug vorzubereiten. Und seinem heute ausnahmsweise zu spät kommenden Co-Piloten, Seargent Joel Goldberg, eine Standpauke über Zuverlässigkeit bei Geheimoperationen zu halten. Ein einziges Mal unzuverlässig sein, das reichte unter Umständen schon, um aus dem Team zu fliegen.

 

2. Kapitel

4:45 Uhr morgens Ortszeit, Alaska Standard Time (AST)

Die Nacht war für John Patrick Dyson endgültig vorbei. Müde wie nach einem Achtundvierzig- Stundeneinsatz stand er mit steifen Gelenken auf und verließ das Schlafzimmer auf dem schnellsten Wege. Hier würde er jetzt erstmal keine Erholung mehr finden.

Der Albtraum von der Liquidation Gregorovs hatte die ersten Stunden Schlaf verseucht, danach war es nicht besser geworden. Während seines Versuches, die „erholsame“ Nachtruhe fortzuführen, bekam der Ex- Agent schließlich den Afghanistan- Einsatz 1987 in Traumbildern präsentiert und konnte noch einmal miterleben, wie sein damaliger einheimischer Führer, Sami, während einer Erkundungsmission im Hindukusch- Gebirge von einem Verräter aus dem eigenen Clan hinterrücks erschossen wurde.

Im echten Leben hatte Dyson Samis Mörder daraufhin entwaffnet und ihm nach einem kurzen Kampf die Kehle durchgeschnitten.

Verräter waren oft genug in John Dysons Leben aufgetaucht. Mit den meisten hatte er schnellen Prozess gemacht, ohne zu zögern. Jetzt verfolgten ihn ihre Gesichter. Manchmal im Schlaf, manchmal sogar, wenn er wach war. Genauso wie die Schatten jener Menschen, die ihm vertraut und dafür mit dem Leben bezahlt hatten.

Sami war einer von ihnen gewesen. 1987 hatte er gerade seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert. Und war voller Hass auf die Russen, die sein Land besetzt hatten. Deswegen meldete er sich sofort freiwillig, als Dyson nach jemandem suchte, der sich in den Bergen auskannte und wusste, wo die Russen ihre Stellungen hatten. Leider wusste Sami nicht, dass sein eigener Bruder, Farid, als geheimer Informant für den Feind arbeitete und die Aufgabe hatte, jeden ausländischen Spion zu melden. Blutsbande bedeuteten Farid nichts. Er wollte nur noch raus aus dem Scheißhaufen, der einmal seine Heimat gewesen war. Was immer die Russen ihm an Geld versprochen hatten, es reichte aus, um den jüngeren Bruder abzuknallen und zu versuchen, Dyson im Alleingang abzuführen. Es endete mit Farids Leiche, die Dyson direkt neben die von Sami legte. Sollte die Familie ruhig denken, beide Brüder seien vom „bösen Russen“ getötet worden. Das war allemal besser, als mit der Tatsache konfrontiert zu werden, dass einer von ihnen ein Verräter am eigenen Volk, am eigenen Clan war.

Jetzt, Jahrzehnte später, waren die Brüder wieder lebendig, zumindest in Dysons Träumen. Nur um noch einmal zu sterben. Genauso wie damals. Genau wie Gregorov und der Rest.

Kurz bevor Dyson in den Vorruhestand abgeschoben worden war, hatte er mit einem Psychologen über seine Einsätze reden müssen. Es war der letzte Test, um herauszufinden, ob der Agent wirklich am Ende war. Oder ob er nur in einem „Formtief“ steckte. Dyson hatte sich Letzteres mehr als alles andere auf der Welt gewünscht. Sein Job bei der CIA war das einzige, was er jemals wirklich hatte machen wollen. Trotz all der Gewalt, dem Misstrauen, das unverzichtbar war, wenn man überleben wollte.

Leider kam bei der psychologischen Bewertung folgendes heraus: „Erstens: Posttraumatische Belastungsstörung. Zweitens: Schweres Überlebenden- Syndrom.“

Das war es gewesen. Dyson hatte zu viele Menschen durch die eigene Hand sterben sehen, was laut Seelenklempner zu Diagnose Nummer Eins führte. Nummer Zwei resultierte aus Erlebnissen wie dem mit Sami, der erschossen worden war, als Dyson nur einen halben Meter von ihm entfernt stand.

Wäre nur seine Psyche reif für die Müllabfuhr gewesen, John Dyson hätte irgendwie damit leben, es vor anderen verbergen können. Leider gab es da noch die körperlichen Beschwerden, die der damals Zweiundvierzigjährige aufwies. Zunehmende Körpermasse und schlechter werdende Augen ließen sich ebenso wenig verbergen wie kaputte Gelenke. Dyson brauchte nur eine Kniebeuge machen, das Knacken konnte man bis zum Pentagon hören.

Die Agency ließ Dyson von einer Horde Ärzte durchchecken, um den Abschuss des vormals so wertvollen Agenten perfekt zu machen. Natürlich schrie das Ergebnis geradezu nach Vorruhestand: „Abnormale Fett- und Muskelgewebsvermehrung, resultierend aus jahrelangem Medikamentenmissbrauch zur Leistungssteigerung und Schmerzreduktion bei Einsätzen. Außerdem zu vermerken ist eine beginnende Arthritis in Knie- und Armgelenken, Bluthochdruck sowie Gicht in den Zehgelenken. Auslöser sind höchstwahrscheinlich oben genannte Medikamente und genetische Disposition.

Zusätzlich weisen beide Augäpfel des Patienten eine degenerativ voranschreitende Fehlbildung auf. Daraus resultiert Kurzsichtigkeit. Auslöser: Siehe oben.“

Teufel, natürlich hatte Dyson Medikamente eingeschmissen, besonders wenn es um Einsätze ging, die mit Kampfhandlungen verbunden waren.

„Überleben und Berichterstatten“, das war schon das Motto von Dysons Ausbilder gewesen.

Und um das zu gewährleisten, musste man stärker als der Gegner sein, mehr Schmerzen aushalten, um am Ende noch stehen zu können.

Dyson war nie so naiv gewesen, zu glauben, dass die Medikamente, die er nahm, ohne Folgen blieben. Trotzdem fühlte er sich überrumpelt, ja sogar geschockt, als es dann soweit war.

Das abschließende Urteil von Psychologen und Ärzten war eindeutig: „Agent John Patrick Dyson ist für den weiteren Außeneinsatz ungeeignet.“

Die Agency machte kurzen Prozess. Immerhin gewährte sie ihm eine großzügige Rente, als „Dank für all die Jahre treuen Dienstes für Ihr Land.“ Ihren Feierabendpatriotismus konnten sich die Penner an den Hut stecken. Dyson hatte nie viel auf die USA gegeben, dort stank Scheiße genau so wie woanders. Zwar wollte er auch in keinem anderen Land leben, aber zur CIA war er mehr aus Zufall gekommen, nachdem er sich bei der Army als lumpiger Private durch „Insubordination“ und „Nichtanerkennung der Befehlskette“ unbeliebt gemacht hatte. Ein Ausbilder der Agency wurde auf ihn aufmerksam, Dyson machte einen mehrtägigen Eignungstest. Und war plötzlich Außendienst- Mitarbeiter der CIA. Er als High School- Abbrecher hatte einen gut bezahlten Job, reiste in die unterschiedlichsten Länder, führte ein aufregendes Leben (laut Seelenklempner „zu aufregend“) und dachte, es mache ihm nichts aus, das zu tun, was er tun musste. Hinterher war man immer schlauer.

Nach seiner Pensionierung wollte Dyson nur noch weg. Alaska kam dabei raus. Er kaufte sich ein kleines, mit vier Zimmern ausgestattetes Blockhaus in den Wäldern, nahe der Kleinstadt Story´s End, deren dreihundert Einwohner allesamt Indianer des so gut wie ausgestorbenen Tashian- Stammes waren, und führte fortan das Leben eines Einsiedlers.

In die Stadt ging er nur, wenn er etwas brauchte, waren es nun Lebensmittel, Medikamente oder andere Dinge.

Ansonsten bemühte er sich, den Rest der Welt von sich fernzuhalten, Wanderungen in den Wäldern zu machen, wenn es Arthritis oder Gicht zuließen, und haufenweise Bücher über alle möglichen Themen zu lesen, die ihn mittlerweile interessierten.

In seiner Jugend war Dyson nie wild auf Bücher oder Zeitungen gewesen, geschweige denn auf irgendeine Form von Allgemeinbildung, bei der Army und nachher als Agent nahm er nur Informationen auf, die den aktuellen Auftrag betrafen. Das allein konnte schon mal Grundrisse von Gebäuden, Namen und Bedeutung politischer Fraktionen bestimmter Länder oder Vokabeln anderer Sprachen beinhalten. Für das Wissen der großen, weiten Welt blieb da kein Platz mehr in seinen Synapsen.

Er hatte kaum fünf Monate als Rentner in seinem Blockhaus vor sich hinvegetiert, da verspürte er zum ersten Mal den Hauch einer Lust, in die kleine Bibliothek von Story´s End zu gehen, um sich umzuschauen.

Von sich selbst überrascht war Dyson mit seinem gebraucht gekauften Geländewagen in die Stadt gefahren, um schließlich ins Blockhaus mit drei Büchern im Gepäck zurückzukehren: Ein Bildband über die Tierwelt Alaskas, eine Biographie über Martin Luther King und ein Ratgeber für Hobbyköche. Alles Literatur auf Empfehlung des hektischen Bibliothekars Emil Scared Fish.

Das war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem Ex- Agenten und dem geschriebenen Wort gewesen.

 

5:00 Uhr morgens Ortszeit, AST

Dyson setzte sich an den Küchentisch, um seine morgendliche Medikamentenration aus der Sieben- Tage- Tablettenbox herauszupulen und mit einem großen Glas Vollmilch runterzuspülen.

Sobald er im Badezimmer seine üblichen Verrichtungen abgeschlossen hatte, einschließlich des Stutzens seines graumelierten Vollbartes, würde ein ausführliches Frühstück folgen.

Obwohl ihm nach den Albträumen eher zum Kotzen als nach Essen war. Leider fühlten sich die eingenommenen Medikamente gegen Arthritis, Gicht, Depressionen und Bluthochdruck auf die Dauer so allein im Magen unwohl.

Und ein Magengeschwür oder gar eine -blutung waren das letzte, was sich Dyson antun wollte. Da machte er sich lieber ein Sandwich, zog die dunkelbraune Winterjacke an und stellte sich mit seinem übersichtlichen Frühstück vor die Haustür, um den morgendlichen Sternenhimmel zu genießen. Die Sonne ließ sich im Januar sowieso erst ab zehn Uhr blicken. Blieb also noch genug Zeit für den Ex- Agenten, um die Traumgeister der Nacht zu verdrängen und zu hoffen, dass der Tag angenehmer verlief.

 

3. Kapitel

9:00 Uhr morgens Ortszeit, MST

Pünktlich um nullsiebenhundert Uhr Mountain Standard Time war die Frachtmaschine von der Landebahn des Luftwaffenstützpunktes Westfield gestartet, durch die morgendliche Dämmerung über Montana hinweg geflogen und passierte gerade die Staatsgrenze zwischen den USA und Kanada. Das Ziel des Flugzeugs war, wie immer, ein geheimer Gebäudekomplex an der Nordküste von Alaska.

Bislang verlief der Flug an sich ohne besondere Vorkommnisse.

Anders als die Zeit davor. Seargent Joel Goldberg war eine Stunde vor dem Start endlich auf dem Stützpunkt erschienen, mit erschöpftem Gesichtsausdruck und einer fadenscheinigen Ausrede in petto, er habe vergangene Nacht seinen Freigang zu sehr genossen und verschlafen. Natürlich hätte er wissen müssen, dass Captain Will Hatfield als sein Vorgesetzter darauf nicht hereinfiel und mit der Androhung von Disziplinarmaßnahmen unerbittlich den wahren Grund aus seinem Co-Piloten herauspresste. Goldberg war frisch verlobt und scheinbar redseliger, als gut für ihn war. Er hatte seiner Freundin von den Sonderflügen erzählt, die er zusammen mit Hatfield machte. Von der großen Geheimhaltung, dem zusätzlichen Sold, den er dafür bezog. Er hatte nicht verraten, was transportiert wurde (ansonsten hätte Hatfield ihn sofort gemeldet), aber seine Freundin Sondra Colby, eine sozialistische Spinnerin, setzte ihm nun die Pistole auf die Brust: Entweder beendete er die Sonderflüge, die, so hatte sie es laut Goldberg formuliert, „nur die imperialistischen Bestrebungen der Vereinigten Staaten“ unterstützten. Oder sie trennte sich von ihm.

Goldberg war gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt und in vielen Dingen unreif. Das erklärte, wie er als Angehöriger der U.S. Air Force an eine sozialistische Pazifistin geraten konnte.

Jedenfalls war ein waschechter Beziehungsstreit der Grund für Goldbergs Unpünktlichkeit gewesen.

Hatfield hatte dem Co- Piloten den Marsch geblasen und gewarnt, dass dieser mit seinem und Sondras Leben spielte, wenn er Geheiminformationen an sie weitergab. Darüber hinaus ließ Goldbergs Unpünktlichkeit beide Piloten in den Augen der Leiter von Projekt Wechselbalg unzuverlässig werden, wodurch sowohl der junge Seargent als auch Hatfield unter Umständen ihren lukrativen Zusatzverdienst bald in den Wind schreiben konnten.

Jetzt, in der Luft, verhielt sich Goldberg wie gewohnt ruhig und professionell. Seine Fähigkeiten als Pilot waren laut Dienstakte überdurchschnittlich, das hatte ihm auch diesen Sonderauftrag eingebracht. Deswegen beschloss Hatfield, nicht mehr auf den Disput von vor dem Start einzugehen.

Er fühlte sich gerade sowieso nicht fit genug, um die Rolle des nachtragenden Vorgesetzten zu spielen.

Beide Piloten trugen ein kabelloses Headset, bestehend aus ohrmuschelgroßen Kopfhörern und Kehlkopfmikrofon, über das sie trotz des Fluglärms per Funk sowohl miteinander als auch, wenn nötig, mit der Bodenstation sprechen konnten.

„Seargent, übernehmen Sie das Steuer“, sagte Hatfield, wobei er spürte, wie sich sein Adamsapfel unterm Kehlkopfmikro bewegte.

Goldberg sah ihn verunsichert an, wahrscheinlich noch als Nachwirkung der Standpauke.

„Verstanden, Sir!“, hörte Hatfield schließlich die Stimme des jungen Seargents über seinen Kopfhörer.

Während Goldberg so eifrig wie nie zuvor das Steuerhorn des Co- Pilotensitzes ergriff, schnallte sich Hatfield los, stand auf und ging in den Laderaum, um sich etwas die Beine zu vertreten. Dabei kam er an der wie ein Sarg wirkenden Isoliereinheit vorbei, die in der Raummitte stand.

Bei allen anderen Flügen hatte sich Hatfield stets bemüht, Distanz zu den Personen in der Isoliereinheit zu halten. Nicht weil sie für ihn gefährlich wurden, sie waren alle so stark narkotisiert gewesen, dass noch nicht mal ein Flugzeugabsturz sie hätte aufwecken können.

Sondern damit er keinerlei persönliches Interesse an ihnen entwickelte. Was auch immer die Wechselbalg- Wissenschaftler mit den Versuchspersonen anstellten, es war bestimmt nichts Menschenwürdiges.

Dieses Mal jedoch ließ Hatfield seine Neugierde eine Ausnahme machen. Er stellte sich an das Kopfende der Isoliereinheit und betrachtete den „Patienten“.

Das Mädchen trug eine Art grünen Pyjama, dessen Farbe in einem seltsamen Kontrast zu der der dunkelbraunen Lederriemen stand, mit denen das Mädchen an Hand- und Fußgelenken fixiert worden war. Seine Augen waren geschlossen, die Augäpfel darunter bewegten sich wie bei einem Tennismatch hin und her. Ab und zu zuckten seine nackten Füße, so als wolle das Mädchen davon laufen.

Laut Hatfields Laienwissen schien es in der REM- Phase zu sein und zu träumen.

Dabei wirkte sein hellbraunes, flaches Gesicht entspannt. Lediglich die Flügel der kleinen, gedrungenen Nase weiteten sich ab und zu leicht, so als ob es etwas Angenehmes riechen würde.

Je länger Hatfield das Mädchen studierte, umso sicherer war er sich, dass die „Patientin“ keine Latina war, sondern Indianerin. Obwohl das eigentlich keinen Unterschied machte. Hatfields plötzliches Interesse am Mädchen war nicht durch dessen ethnische Herkunft entflammt, sondern durch dessen… Ausstrahlung.

Es hatte irgendetwas an sich, das den Piloten dazu brachte, sich mit ihm zu beschäftigen.

In Hatfields Geist entstanden die unterschiedlichsten Fragen: Wer war das Mädchen? Wie hieß es? Wie war es an die Wechselbalg- Wissenschaftler geraten? Hatten sie es entführt? Oder dem Mädchen vorgegaukelt, es würde an einer medizinischen Studie teilnehmen, die ihm leicht verdientes Geld einbrachte?

Zum ersten Mal in seinem Leben wollte Captain Will Hatfield tatsächlich mehr wissen, als seine Vorgesetzten ihm bereit waren mitzuteilen. Und es beunruhigte ihn nicht einmal. Nicht solange er sich in der Nähe des Mädchens aufhielt.

 

4. Kapitel

10:00 Uhr morgens, MST

8:00 Uhr morgens Ortszeit, AST

Als die Frachtmaschine über die Eliasbergkette hinweg fliegend die Grenze zwischen Kanada und dem neunundvierzigsten Bundesstaat der USA, Alaska, passierte, wechselte der Bordcomputer des Flugzeugs automatisch seine Zeitangaben auf die ab hier geltende Alaska Standard Time.

Auf dem Westfield- Stützpunkt in Montana dagegen gingen die Uhren dank der dort geltenden Mountain Standard Time genau zwei Stunden vor.

Normalerweise gönnte sich Captain Will Hatfield in solchen Momenten ein amüsiertes Grinsen darüber, was für eine abstruse Erfindung die unterschiedlichen Zeitzonen waren, wenn man manchmal sogar innerhalb der USA früher irgendwo ankam, als man losgeflogen war.

In diesem Moment aber nicht.

Denn kurz zuvor hatte Hatfield noch all seine Willenskraft gebraucht, um nach unglaublichen sechzig Minuten endlich den Blick vom Indianermädchen in der Isoliereinheit abzuwenden.

Auf direktem Wege, die Augen stur nach vorne gerichtet und verwirrt über das eigene, untypische Verhalten kehrte Hatfield nun ins Cockpit zurück, übernahm das Steuer und schickte den müde wirkenden Seargent Goldberg in die Pause, der mit schlurfendem Schritt Richtung Laderaum ging.

Sobald sich Hatfield auf die Instrumente und Anzeigen konzentrierte, das Steuerhorn der Frachtmaschine zwischen seinen Fingern spürte, nahm das Interesse an der „Patientin“ so schnell ab, wie es gekommen war. Nur noch die Gänsehaut an seinem gesamten Körper erinnerte Hatfield an das seltsame Gefühlschaos von eben.

Er kam nicht mehr dazu, genauer darüber nachzudenken. Denn wie aus dem Nichts erschien direkt neben der Frachtmaschine auf Cockpithöhe ein schwarzes Flugzeug ohne Kennungszeichen. Beinahe hätte Hatfield es trotz der Positionslichter übersehen, da in Alaska noch dunkelste Nacht herrschte. Die Verwirrung dauerte jedoch nur ein paar Sekunden und der Pilot erkannte schließlich sogar die Bauart der anderen Maschine: Es handelte sich bei ihr um ein sogenanntes Kipprotorwandelflugzeug. Dessen Hauptmerkmal stellten zwei große Rotoren an den Enden der Tragflächen dar. Diese waren in der Lage, ihre Ausrichtung um neunzig Grad von der Vertikalen in die Horizontale zu ändern, um das Flugzeug aus dem Stand heraus in die Luft zu befördern, wie einen Helikopter, und dann, nachdem die Rotoren zurück in die Vertikale ausgerichtet worden waren, es anzutreiben wie eine Hochleistungspropellermaschine.

Das Kipprotorflugzeug beschleunigte und stieg nach oben, bis es direkt vor der Frachtmaschine flog.

Hatfield aktivierte den Sprechfunk, um die Geheimbasis in Alaska zu kontaktieren. Normalerweise war er angehalten, Funkstille bis kurz vor der Landung zu halten. Ein unbekanntes Flugzeug, das direkt vor seiner Nase in achttausend Metern Flughöhe seltsame Manöver ausführte, reichte aber als potentielle Bedrohung aus, um weitere Anweisungen zu erbitten.

Als Belohnung für seine Mühen empfing er allerdings nur statisches Rauschen in seinem Kopfhörer, obwohl laut Steuerpultanzeige die Frachtmaschine volle Funksendungs- und Empfangskapazität besaß.

„Goldberg, kommen Sie sofort ins Cockpit!“, befahl Hatfield daraufhin, ohne das schwarze Kipprotorflugzeug aus dem Blick zu verlieren, wobei er kurz seinen Hals betastete. Das Kehlkopfmikro befand sich immer noch an der richtigen Stelle, sein Co-Pilot konnte ihn also hören.

Hatfield drehte das Steuerhorn nach rechts, sodass die Frachtmaschine ausscherte, weg vom unbekannten Flugzeug. Dieses korrigierte prompt seinen Kurs und setzte sich wieder vor die fast doppelt so große Frachtmaschine.

Hatfield steuerte nach links, auf den alten Kurs. Und wieder folgte das Kipprotorflugzeug.

„Goldberg!“, sagte Hatfield erneut, presste sich mit einer Hand das Kehlkopfmikro noch enger an den Hals. „Kommen Sie endlich ins Cockpit. Wir haben ein Problem!“ Vielleicht funktionierte auch der bordinterne Funk nicht mehr. Vielleicht…!

„Sie haben tatsächlich ein Problem, Captain Hatfield!“, meldete sich plötzlich eine für den Piloten unbekannte, männliche Stimme über den Kopfhörer zu Wort. „Fakt ist: Ich blockiere Ihre Funkverbindung zum Bodenpersonal. Fakt ist: Ich habe den GPS- Sender Ihrer Maschine deaktiviert. Fakt ist: Ich hülle Sie gerade mittels eines Gerätes in eine sogenannte Stealth- Blase ein, die Ihr Flugzeug für jegliches Radar unsichtbar macht. Fakt ist: Ich verfüge, wie Sie sehen, über ein Kipprotorwandelflugzeug, das in den Bereichen Manövrierfähigkeit und Schnelligkeit Ihrer plumpen Frachtmaschine weit überlegen ist. Sie, Captain Hatfield, haben jetzt also nur noch eine Option: Sie tun, was ich Ihnen sage.“

Die hintere Ladeluke des schwarzen Flugzeugs öffnete sich und gab den Blick auf das erleuchtete Innere frei, sodass Hatfield vier schwarz gekleidete Männer erkennen konnte, die mit auf Ständern montierten, kanonenartigen Gegenständen die Frachtmaschine anvisierten.

„Andernfalls“, redete die Stimme weiter, „werden meine Leute Ihr Flugzeug mit Hochgeschwindigkeits- Uraniumgeschossen zum Absturz bringen. Sie haben dreißig Sekunden, meiner Forderung zuzustimmen. Und verschwenden Sie die nicht damit, sich zu fragen, wie ich Sie hören kann. Der Bordfunk Ihres Flugzeugs ist für mich leicht zu manipulieren.“

Hatfield konnte nicht glauben, was gerade geschah.

„Goldberg!“, rief er nun zum dritten Mal, brüllte schon, drehte sich dabei sogar zu der halb geöffneten, wie üblich arretierten Metalltür um, die den Laderaum vom Cockpit trennte.

Aber sein Co-Pilot kam immer noch nicht. Hatfield schluckte einen Fluch herunter. Selbst wenn die Funkverbindung zwischen den Headsets direkt nicht funktionierte, dieser Idiot Goldberg musste ihn doch auch so hören. Was er augenscheinlich nicht tat.

Es blieb also an Hatfield hängen, über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Ein simpler Fluchtversuch mit der Frachtmaschine fiel als Option schon einmal weg. Wie der unbekannte Gegner schon gesagt hatte, war das Kipprotorflugzeug tatsächlich mindestens ebenso schnell und viel wendiger. Es würde jedes Manöver problemlos mitmachen. Noch dazu würden die Uraniumgeschosse, wenn sie wirklich existieren, aus Hatfields Maschine einen Schweizer Käse machen, noch bevor an eine Landung überhaupt zu denken war.

Ein Luftgefecht kam ebenso wenig infrage, da das Frachtflugzeug keine Bordwaffen besaß, sondern lediglich Täuschkörper aus Phosphor, die nach dem Abfeuern gleißend hell und heiß abbrannten, um so infrarotgelenkten Raketen ein falsches Ziel vorzugaukeln.

„Die dreißig Sekunden sind um, Captain!“, unterbrach die Stimme im Kopfhörer Hatfields Gedankenspiele. „Wie lautet Ihre Antwort?“

„Was wollen Sie?“, fragte Hatfield, obwohl es an Bord nur eines gab, das besonders war.

„Ihre vorgespielte Ignoranz bringt Ihnen nichts“, antwortete die Stimme. „Die Testperson für das Wechselbalg- Projekt natürlich.“

„Natürlich“, wiederholte Hatfield und fügte einen, wie er fand, müden Bluff hinzu: „Aber selbst, wenn ich kooperieren wollte, ich habe nicht die Befugnis, sie an Sie zu übergeben. Außerdem wüsste ich gar nicht, wie ich das unter den jetzigen Umständen anstellen sollte.“

„Da werde ich Ihnen helfen“, erklang in Hatfields Kopfhörer die zittrige Stimme Joel Goldbergs über den Bordfunk, ein paar Sekunden später erschien der junge Seargent persönlich im Cockpit und setzte sich auf den Co- Pilotensitz.

In Hatfield verkrampfte sich alles. „Seargent? Wie meinen Sie das?!“

„Er hat Sondra, Sir!“, jammerte Goldberg und nestelte dabei an seinem Kehlkopfmikro herum, so als ob es ihm die Luft abschnüren würde. Mit dem Resultat, dass seine nächsten Aussagen alle mit einem knackenden Störgeräusch untermalt waren. „Dieser Typ im anderen Flugzeug hat meine Freundin. Ich hab´s auch erst heute Nacht erfahren. Er und seine Leute haben in Sondras Wohnung auf mich gewartet, zeigten mir ein Video, in dem sie sie folterten. Wenn ich denen helfe, unsere Ladung zu übernehmen, lassen sie Sondra frei.“

Hatfield wusste nicht, ob er Mitleid mit diesem unreifen Idioten neben sich haben oder ihn als Landesverräter und Feigling aus der nächsten Luke schmeißen sollte.

„An die Person im Kipprotorflugzeug“, sagte er stattdessen. „Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind. Aber wir können Ihnen nicht einfach unsere Fracht übergeben. Abgesehen davon, dass wir auf keinem der vier offiziellen Flughäfen Alaskas eine Landeerlaubnis erhalten, sind wir Soldaten der US Air Force. Wir haben einen Eid geleistet…“

„Der Sie nicht vor der unangenehmen Realität schützt“, unterbrach die Stimme des Unbekannten Hatfield. „Sie beide befinden sich in einem sechsunddreißig Tonnen schweren Transportflugzeug ohne Bewaffnung, ohne Aussicht auf irgendeine Hilfe von außen. Entweder kooperieren Sie mit uns oder wir schießen Sie vom Himmel.“

„Dann würden Sie aber auch unsere Fracht zerstören.“

„Ein einzelner Strang Wechselbalg- DNA würde für meine Zwecke vollkommen ausreichen“, zerstörte die Stimme mit kalter Effizienz jegliche Hoffnung Hatfields auf eine Verhandlungsbasis. „Die Isoliereinheit besteht aus feuerfestem Material. Auch wenn Ihr Flugzeug brennend zur Erde stürzt, die Wahrscheinlichkeit, dass genug Zellgewebe Ihrer Fracht erhalten bleibt, beträgt fünfundsiebzig Prozent.“

„Nein!“, begann Goldberg zu schreien. „Tun Sie das nicht. Wir machen, was Sie wollen. Tun Sie Sondra nichts, bitte…!“

Hatfield konnte nicht anders. Er verpasste seinem Co- Piloten mit dem Handrücken einen Schlag ins Gesicht, sodass dieser sofort verstummte.

„Reißen Sie sich zusammen, Seargent!“, zischte er dabei.

Statt sich zu beruhigen, funkelte Goldberg den Captain wütend an. Und zog aus einer der Taschen seiner Fliegermontur eine kleinkalibrige Pistole, um sie auf den Piloten zu richten.

„Ich tue das nicht gern, Sir!“, sagte er mit ehrlichem Bedauern. „Aber wenn ich die Wahl habe zwischen einem unbekannten Mädchen im Frachtraum und meiner Freundin, dann wähle ich Sondra.“

Hatfield musterte kurz die Waffe.

Dann schaute er wieder nach vorne, zur schwarzen Kipprotormaschine, ihrer geöffneten Ladeluke, den Männern mit den kanonenartigen Waffen. Ein Teil von Hatfield wollte nur zu gern überleben, nahm die Drohungen der unbekannten Stimme ernst. Genauso wie die Waffe, die Goldberg auf ihn gerichtet hielt. Es war Wahnsinn etwas anderes zu tun, als die Testperson im Laderaum zu übergeben. Egal, auf welche Weise das geschehen sollte.

Die Testperson…, sobald Hatfield nun an sie dachte, wallten in ihm abstrus starke Gefühle von Sympathie und Zuneigung auf. Das, was er zuvor während seiner Pause dem bewusstlosen Mädchen in der Isoliereinheit gegenüber empfunden hatte, verblasste dagegen zu einer leichten Verstimmung. Er verstand nicht, was gerade mit ihm passierte.

Und traf dennoch eine Entscheidung.

„Werden Sie kooperieren, Captain?“, fragte wie auf Stichwort der Unbekannte über Funk nach.

„Nein!“, sagte Hatfield und schlug seine rechte Faust seitlich gegen Goldbergs Hand mit der Waffe. Dabei löste sich ein Schuss. Die Kugel bohrte sich in die Instrumentenkonsole, eine Mischung aus Funken und schwarzem Qualm explodierte, während ein schriller Alarm das ganze Flugzeug zum Vibrieren brachte.

Ehe Goldberg sich wehren konnte, entriss ihm Hatfield wie im Blutrausch die Waffe und drückte ohne Zögern ab. Der Seargent wurde direkt in die Brust getroffen und sackte leblos in sich zusammen.

So schnell es ging, betrachtete Hatfield den Schaden an der Instrumentenkonsole. Der Höhenmesser auf der Pilotenseite war zerstört, ebenso die Geschwindigkeitsanzeige. Trotz allem schien die Maschine an sich immer noch genauso stabil zu fliegen wie zuvor. Also hatte die Systemsteuerung keinen großen Schaden erlitten.

Hatfield aktivierte den Autopiloten und schaltete den Alarm aus. Die Stille kurz danach war so überwältigend, dass er glaubte taub geworden zu sein.

Er stand vom Pilotensitz auf, packte Goldbergs leblosen Körper und zerrte ihn vom Platz des Co- Piloten.

Die Instrumente auf dessen Seite waren gottseidank unbeschädigt und zeigten alle normale Werte an.

„Was tun Sie da? Waren das gerade Schüsse?“, fragte die unbekannte Stimme im Kopfhörer des Piloten.

Hatfield schenkte ihr keine Beachtung mehr. Stattdessen setzte er sich auf den Co- Pilotensitz, ergriff das Steuerhorn dort und deaktivierte den Autopiloten.

Was er jetzt tun wollte, grenzte an Selbstmord. Ihm war es egal. Irgendetwas trieb ihn in den Kampf, ließ ihn seine Feinde…, die Feinde des Mädchens attackieren.

Eine leise Stimme in Hatfield meldete sich zu Wort, ermahnte ihn, dass er seinen Co- Piloten nicht hatte erschießen müssen. Den Mann bewusstlos zu schlagen oder ihm auch nur die Waffe zu entreißen, wäre genug gewesen. Später, wenn sie wider aller Erwartungen doch noch lebten, hätte Hatfield Goldberg dann erklären können, dass die Leute, die sie beide gerade bedrohten, sowieso nicht vorhatten, sie oder irgendwelche Geiseln am Leben zu lassen. Entweder waren die Gegner feindliche Agenten oder Terroristen. In beiden Fällen machte es keinen Sinn, ihnen auch nur ein Wort zu glauben.

Aber die leise Stimme in Hatfield verstummte schnell, als ein Schwall Aggression gegen die Insassen des Kipprotorflugzeugs sie übertönte.

Hatfield legte seine linke Hand auf die vier Schubhebel. Er visierte das schwarze Flugzeug an, das immer noch direkt vor der Nase der Frachtmaschine in ungefähr zehn Metern Entfernung flog, die vier Männer in der geöffneten Ladeluke werkelten an ihren Kanonen herum, schienen sich bereitzumachen zu feuern.

Hatfield drückte die Schubhebel nach vorne, sodass seine Maschine mit ihren vier Turbopropeller- Triebwerken beinahe einen Sprung machte, so stark war die Geschwindigkeitszunahme.

Die Distanz zum schwarzen Flugzeug verringerte sich schlagartig. Die Männer in der Ladeluke gestikulierten panisch, dann feuerte der erste von ihnen seine Kanone ab. Hatfield konnte das Mündungsfeuer sehen, da perforierten die angekündigten Uraniumgeschosse auch schon den Bug unterhalb des Cockpits. Der durchdringende Alarm von vorhin quäkte wieder los. Dieses Mal jedoch kam Hatfield nicht so gut weg. Anders als die Kugel aus Goldbergs Waffe hatten die Uraniumgeschosse einen Volltreffer gelandet. Die Frachtmaschine verlor an Geschwindigkeit, die Triebwerkspropeller drehten sich langsamer, stotterten.

Für das Kipprotorflugzeug gab es dennoch kein Entkommen. Obwohl die Männer aus seiner geöffneten Ladeluke weiterfeuerten, kam ihnen ihr Ziel weiter entgegen. Der Pilot der schwarzen Maschine wollte abdrehen, da rammte der um einige Tonnen schwerere Stahlbug des Frachtflugzeugs gegen die Ladeluke, presste sie wie ein Blatt Papier zusammen. Quietschendes Metall verband sich mit dem Geräusch von zersplitterndem Glas, als durch den Aufprall bei der Frachtmaschine die Scheiben des Cockpits barsten.

Instinktiv duckte sich Hatfield und bekam so nicht mit, wie alle vier Männer mitsamt ihren Kanonen gegen den Bug seines Flugzeuges geschleudert wurden, um danach den achttausend Meter tiefen Fall in Richtung Alaska anzutreten.

Um Hatfield herum sprühten Funken aus Instrumentenpanelen und durch die zerstörten Cockpitfenster dringender, eisiger Wind drohte alles einzufrieren. Trotzdem besaß der Captain genug Konzentration, um das Steuer nach vorne zu drücken und die Frachtmaschine nach unten absinken zu lassen. Dabei wurde die Ladeluke des Kipprotorflugzeugs herausgerissen.

Die schwarze Maschine begann zu trudeln und seitlich wegzudriften, was Hatfield mit Befriedigung erfüllte. Vielleicht hatte er durch seine Rammaktion diese ominöse Stealth- Blase gestört, von der die Stimme geredet hatte, und man konnte seine und die gegnerische Maschine auf dem Radar ausmachen.

Ein paar hundert Meter tiefer brachte er das Frachtflugzeug wieder in eine stabile Horizontallage, deaktivierte den Alarm und machte eine Bestandsaufnahme: Beinahe alle Instrumente und Anzeigen hatten ihren Geist aufgegeben, darunter die Funkanlage und das Radar. Auch das elektronische Display blieb dunkel, auf dem normalerweise die Global Digital Map Unit die genaue Position des Flugzeuges anzeigte.

Die Triebwerke liefen mit verminderter Leistung. Den Geräuschen nach, die sie von sich gaben, stand ein Totalausfall unmittelbar bevor.

Wenigstens Höhen- und Seitenruder funktionierten noch. Selbst wenn alle vier Propeller stillstanden, würde man die Maschine noch eine gewisse Zeit lang in der Luft halten können.

Was ein schwacher Trost war, da der Zielflughafen eindeutig zu weit entfernt lag, um ihn rechtzeitig zu erreichen. Darüber hinaus bestand die Landmasse, die man bis dorthin überflog, hauptsächlich aus hohen Bergketten, großen Waldgebieten und unzähligen Seen. Wenig geeignet für eine erfolgreiche Notlandung.

Trotzdem hatte Hatfield keine Wahl, die Gefühle, die er für das narkotisierte Mädchen in der Isoliereinheit empfand, ließen ihm keine. Irgendwo musste er den fast sechsunddreißig Tonnen schweren Stahlkoloss mit zwei Tragflächen voller Kerosin runter bringen. Irgendwo…

Da er sowieso niemanden von der Bodenstation mehr erreichen konnte, nahm er das Headset ab und schmiss es achtlos auf den Boden. Wenn die Notlandung schief ging, dann starb er wenigstens ohne dieses verflucht unbequeme Kehlkopfmikro, das sich gerade nur noch wie eine Galgenschlinge anfühlte.