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A. F. Morland

Unsichtbare Mission #6

Eine eiskalte Killerin





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Eine eiskalte KIllerin

Unsichtbare Mission - Band 6

von A. F. MORLAND

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Ein Agent von Doc Alpha, einem kriminellen, größenwahnsinnigen Milliardär, der die Weltmacht anstrebt, will dem Pentagon geheime Informationen liefern. Bevor der Abtrünnige sich jedoch mit dem Top-CIA-Agenten Mike Borran treffen kann, wird er ermordet. Borran hat nur einen Hinweis: dass es um den Diebstahl des Todesdiamanten - Eigentum des Inselstaates Thana - im Wert von zwei Milliarden geht, der in Washington ausgestellt werden soll. Der CIA-Mann muss den Raub unter allen Umständen verhindern, denn es geht um das weltpolitische Ansehen der Vereinigten Staaten. Doch eine eiskalte Killerin von Doc Alpha ist hinter Mike Borran her ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Bevor Mike Borran die alte Werft am Potomac River betrat, prüfte er den Sitz seines Smith &Wesson-Revolvers, der im Schulterholster steckte. Er war nicht sicher, ob er der friedlichen Situation, die er hier vorfand, trauen konnte.

Vertrauen ist gut - doch Vorsicht ist besser! Das war die Devise des CIA-Agenten.

Es war siebzehn Uhr an diesem kalten Januartag. Vor einer halben Stunde hatte die Dämmerung eingesetzt, und nun war es auf dem Werftgelände bereits stockdunkel.

Mike blickte sich gewissenhaft um. Alte Kähne, die keiner mehr reparieren konnte, lagen wie riesige Ungetüme auf Holzböcken. Von Zusammenstößen demolierte Hecks und Flanken, von Explosionen zerfetzte Rümpfe legten Zeugnis darüber ab, dass die christliche Seefahrt auch im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht ungefährlich ist.

Mike schritt zwischen zwei langen Booten hindurch.

Plötzlich vernahm er ein Geräusch!

Ein Knirschen. Mikes Hand zuckte sofort zum Revolver. Blitzschnell zog er die Waffe aus dem Holster. Eine Bewegung, die er so oft geübt hatte, dass es kaum jemanden gab, der das schneller konnte als er. In dieser Disziplin konnte er sich mit den Revolverhelden vom Western-Film messen.

Seine Augen verengten sich. Er blieb stehen und lauschte. Das Knirschen wiederholte sich. Schritte waren es. Sie entfernten sich. Jemand versuchte, sich davonzustehlen.

Mike folgte den Geräuschen, nachdem er sich umgewandt hatte. Er umrundete das Boot und entdeckte in der Dunkelheit eine schwarze Gestalt, die sich ihm näherte.

Mike wartete mit der Kanone in der Hand. Die Person war der Meinung, sich von ihm zu entfernen, aber das Gegenteil war der Fall.

Vier Schritte nur noch. Obwohl Mike ungedeckt war, sah ihn der näher kommende Mann nicht, denn er blickte fortwährend zurück.

Als der Unbekannte dann gegen den Agenten prallte, entrang sich seiner Kehle ein heiserer Schrei.

»Heilige Madonna!«, stöhnte er auf. »Mich trifft der Schlag!«

Gleichzeitig drehte er den Kopf in Mikes Richtung und hob beide Hände so hoch, als wollte er den schwarzen Himmel stützen. Er zitterte so heftig, dass Mike es trotz der Dunkelheit sehen konnte.

Verzweifelt blickte er auf den Revolver, der auf ihn gerichtet war.

»Nicht schießen!«, jammerte er. »Ich flehe Sie an, drücken Sie nicht ab! Ich habe nicht die Absicht, mich zu widersetzen! Ich werde fromm wie ein altes Lamm sein, das man zur Schlachtbank führt!«

Mike musste lächeln. »Wofür halten Sie mich?«

»Für einen Bullen. Wie haben Sie herausgekriegt, dass ich hier bin?«

Mike hob die Schultern, sagte nichts.

»Ich habe kein Glück«, beschwerte sich der Unbekannte. Er war mittelgroß und drahtig. Seine Nase war gekrümmt, und die kleinen Knopfaugen standen eng beisammen. »Mein Lebtag habe ich noch nie Glück gehabt. Immer nur Pech. Ich bin geboren, um zu verlieren.«

»Sie können einem richtig leidtun.«

»Ja, ja, spotten Sie nur. Machen Sie sich ruhig lustig über mich. Auch das gehört dazu. Ich bin’s gewöhnt.«

»Wie ist Ihr Name?«

»Wieso fragen Sie? Sie wissen es. Ich bin Sammy Scott.«

»Was haben Sie ausgefressen?«

»Herrgott, was soll denn das? Auch das wissen Sie doch. Ich habe heute Morgen diesen verdammten Panzerschrank geknackt. Der Teufel soll ihn holen. Ich dachte, er wäre vollgestopft mit Moos, und was fand ich? Wertpapiere, mit denen ich nichts anfangen kann und unbezahlte Rechnungen. Sagen Sie selbst - kann man mehr Pech als ich haben? Zu allem Überfluss ging auch noch die Alarmanlage los. Ich war den ganzen Tag auf der Flucht vor euch, wusste schon nicht mehr, wohin ich sollte, verkroch mich schließlich hier, doch nun haben Sie mich trotzdem gefunden. Vielleicht ist es sogar gut, dass die Sache ein Ende hat. Bei meinem Pech wäre ich in der Nacht vielleicht erfroren.«

»Sie rechnen jetzt mit einem Abtransport ins warme Polizeirevier, nicht wahr?«, sagte Mike.

»Klar.«

»Ich muss Sie leider enttäuschen.«

Sammy Scott riss die Augen auf. »Wie darf ich das verstehen?«

»Ich bin nicht von der Polizei.«

»Aber ... Aber Sie haben eine Kanone.«

»Nicht jeder, der einen Revolver besitzt, ist Polizist.«

»Ist auch wiederum wahr«, sagte Scott. »Aber wie ein Gangster sehen Sie nicht aus.«

»Sie sollten sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was ich bin, sondern sich lieber eine hübsche Verteidigungsrede zurechtlegen.«

»Bringen Sie mich zu den Bullen?«

Mike schüttelte den Kopf. »Sie werden selbst hingehen.«

»Sie denken wohl, ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Ich bin ein Pechvogel, aber kein Idiot.«

»Früher oder später erwischt man Sie doch«, sagte Mike. »Wenn Sie sich freiwillig stellen, bringt Ihnen das mildernde Umstände ein.«

»Ich pfeife auf mildernde Umstände.«

»Haben Sie heute Morgen etwas mitgehen lassen?«, fragte Mike.

»Es war ja nichts drin in dem gottverfluchten Safe«, antwortete Sammy Scott.

»Dann sind Sie mit mildernden Umständen bald wieder draußen«, sagte Mike. »Sie haben nicht die Härte, der Polizei lange zu trotzen. Sie drehen bestimmt durch, wenn Sie einen Cop auf der Straße sehen. Damit verraten Sie sich selbst. Der Polizist wird auf Sie aufmerksam, greift Sie sich und steckt Sie ins Loch ...«

Scott verzog das Gesicht, als hätte er Essig getrunken. »Hören Sie auf damit, ich kann das nicht hören.«

»Sie sollten der Realität ins Auge sehen«, sagte Mike eindringlich. Er merkte, dass Scott wankte, redete ihm weiter ins Gewissen, und nach zehn Minuten war der Mann so weich, dass er damit einverstanden war, das nächste Polizeirevier aufzusuchen und sich selbst zu stellen.

Bevor er das Werftgelände verließ, maß er Mike Borran mit einem gründlichen Blick und sagte: »Wissen Sie, was Sie hätten werden sollen?«

»Was?«

»Missionar. Sie haben das Zeug, sich sogar noch aus dem Kochtopf eines Kannibalen herauszureden, und nicht nur das. Ich bin davon überzeugt, dass Sie es sogar fertigbringen, aus dem Menschenfresser einen Vegetarier zu machen.«

Mike grinste. »Man hat eben so seine Qualitäten.«

»Ich werde im Knast an Sie denken.«

»Tun Sie das.«

»Verraten Sie mir Ihren Namen?«

»Borran. Mike Borran.«

»Was immer Sie hier vorhaben, Mr. Borran, ich wünsche Ihnen dazu gutes Gelingen.«

»Danke, Sammy«, sagte Mike, und der Ganove trollte sich. Er würde sich stellen, weil er eingesehen hatte, dass er auf diese Weise am besten fuhr.

Mike sah ihm nach, bis ihn die Dunkelheit verschluckt hatte. Er steckte den Smith & Wesson weg und rieb sich die Hände. Vom Potomac River wehte ein feuchtkalter Wind herüber.

Vereinzelt tanzten Schneeflocken über und zwischen den Schiffswracks, aber es waren zu wenige, um den Boden zu bedecken.

Mike zog sich an einen Ort zurück, wo es nicht so zugig war. Er stellte den Pelzkragen seiner Lammfelljacke auf und blickte auf das Zifferblatt seines CIA-Chronometers, der ein Wunderwerk - geschaffen von CIA-Spezialisten - war.

17.15 Uhr.

Der Mann, den Mike hier treffen wollte, hatte bereits eine Viertelstunde Verspätung. Kein gutes Zeichen.

Oder war der Typ, der sich mit A.B. vorgestellt hatte, bereits auf dem Gelände? Hatte er sich bloß wegen Sammy Scott noch nicht blicken lassen?

Mike dachte an den Anruf.

»Mr. Borran, hier spricht A.B.«

»Sie sind nicht zufällig mit C.D. oder E.F. verwandt?«, hatte Mike ärgerlich gefragt. Anrufer, die ihren Namen nicht nennen wollten, mochte er nicht. Sie hatten immer etwas zu verbergen, und wer etwas zu verbergen hat, der gehört zur Sorte der faulen Früchte.

Der CIA-Agent hatte nicht vergessen, das Gespräch mitzuschneiden, und so wurde alles auf Band festgehalten, was A.B. sagte.

»Lassen Sie die Albernheiten, Borran!«, hatte A.B. schroff geantwortet.

»Okay. Zur Sache. Was wollen Sie von mir?«

»Ich möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen, an dem Sie bestimmt interessiert sind.«

»Kommen Sie her. Wir können über alles reden.«

A.B. hatte gelacht. »Ich komme ganz bestimmt nicht in Ihr Hotel.«

»Warum nicht? Die Bar hat ausgezeichnete Drinks.«

»Ich kann es mir nicht leisten, mit Ihnen zusammen gesehen zu werden.«

»Aber Sie können es sich leisten, Geschäfte mit mir zu machen?«

»Das ist etwas anderes.«

»Welcher Fakultät gehören Sie an?«

»Das verrate ich Ihnen, wenn wir uns sehen.«

»Ich bin bis jetzt noch nicht scharf darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen, A.B.«, hatte Mike ehrlich erwidert.

»Das wird sich ändern. Kennen Sie die alte Werft am Potomac River?«

»Ja.«

»Seien Sie um siebzehn Uhr da.«

»Sie wollen wohl, dass ich mir einen Schnupfen hole.«

»Sie können sich ja lange Unterhosen zulegen.«

»Damit meine Freundin was zu lachen hat?«

»Siebzehn Uhr, Borran. Also in zwei Stunden.«

»Ich werde nicht da sein.«

»Und warum nicht?«

»Weil Sie es bis jetzt noch nicht geschafft haben, meine Neugier zu wecken.«

»Dann will ich das mal gleich nachholen«, hatte der Anrufer gesagt. »Ich sage nur ein Wort: Todesdiamant. Genügt das?«

»Das genügt«, hatte Mike geantwortet, und nun war er seit achtzehn Minuten auf dem Werftgelände, ohne dass A.B. sich blicken ließ. Zwei Minuten wollte er noch zulegen. Zwanzig Minuten bei dieser beißenden Kälte warten, musste reichen. Mehr konnte A.B. nicht verlangen.

Die neunzehnte und die zwanzigste Minute vergingen. Mike machte ein enttäuschtes Gesicht.

Als er sich anschickte zu gehen, vernahm er das dumpfe Brummen eines näher kommenden Wagens.

A.B. traf ein. Endlich!



2

Ben Copley, Mikes farbiger Freund und Kollege, war dabei gewesen, als der Anruf erfolgte. Der Schwarze hatte sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, wer A.B. war.

Ein Eilbote brachte das Tonband nach Langley ins CIA-Hauptquartier.

Kurz nachdem Mike Borran das Hotel verlassen hatte, rief Johnnie McIntire an. Ben hob ab.

»Hallo!«, meldete er sich.

»Unser Voiceprinter hat sich wieder einmal bezahlt gemacht«, sagte der rothaarige, sommersprossige Ire am anderen Ende der Leitung.

Mit Hilfe dieses Geräts ließ sich im Vergleichsverfahren einwandfrei feststellen, um wessen Stimme es sich handelte, selbst dann, wenn der Unbekannte seine Stimme verstellte. Vorausgesetzt, man hatte ihn schon mal auf Band.

»Wer ist A.B.?«, fragte Ben Copley sofort.

»Anthony Brass.«

Ben dachte kurz nach. »Moment mal, ist das nicht ein Alpha-Mann?«

»Dein Gehirn ist phänomenal.«

»Und so etwas muss einmal verfaulen.«

»Bis es so weit ist, wird es aber noch unzählige Geistesblitze produzieren.«

»Hoffen wir’s.« Bens schwarze Brauen zogen sich zusammen. »Ein Alpha-Agent lockt Mike auf ein einsames Werftgelände, um ihm - angeblich - ein Geschäft vorzuschlagen. Mann, das gefällt mir nicht.«

»Mir auch nicht«, gab Johnnie McIntire zu. »Zumal unser Computer noch etwas Interessantes herausgefunden hat.«

»Was?«

»Brass hält sich seit einer Woche in Washington auf.«

»Bestimmt nicht, um in der Nähe seines Präsidenten zu sein.«

»Du sagst es. Und er ist nicht allein nach Washington gekommen.«

»Sondern?«

»Er hat Tamara Till mitgebracht.«

»Ach du Schreck!«

»Sie haben ein Haus gemietet.« Johnnie McIntire gab die Adresse durch. Ben Copley schrieb sie auf. Er nagte nervös an der Unterlippe.

Tamara Till war ein ganz und gar außergewöhnliches Mädchen. Eine Supersexbombe mit King-Size-Maßen, und dabei so kalt wie ein Eisblock.

Sie arbeitete ebenfalls für die Vierte Macht, die Doc Alpha und seine Organisation verkörperten.

Sie becircte, spionierte und ... killte für den Alpha-Trust. Jawohl, sie schreckte selbst vor einem Mord nicht zurück.

Man sagte ihr nach, sie hätte kein Herz im Leibe, besäße keine Seele - sie sei die hübscheste Verkleidung, die sich der Teufel jemals zugelegt habe.

Ein Alpha-Agent und eine Alpha-Killerin in Washington. Ein Rendezvous auf einem einsamen, finsteren Werftgelände. Das roch nach Falle.

Mike Borran hatte der Alpha-Organisation schon zu vielen Niederlagen verholfen. Er war ihr erbittertster Feind.

Es lag deshalb in der Natur der Sache, dass jeder Alpha-Agent versuchte, ihn zu kriegen, denn das hätte ihm zu großem Ansehen und zu einer steil nach oben führenden Karriere in der Organisation verholfen.

Wer Mike Borran killte, wurde von Doc Alpha persönlich ausgezeichnet.

»Mike allein auf dem Werftgelände zu wissen, liegt mir wie ein Stein im Magen«, sagte Ben Copley.

»Kann sein, dass Brass mit ihm gar kein Geschäft machen will«, sagte Johnnie McIntire.

»Du denkst ebenfalls an eine Falle, was?«

»Ich kann das jedenfalls nicht mit Sicherheit ausschließen.«

»Dann werde ich unserem Freund Mike gleich mal kräftig in die Seite treten.«

»Halt mich auf dem Laufenden!«, verlangte McIntire.

»Okay«, sagte der Schwarze und legte auf. Er schob den Zettel in die Hosentasche, auf dem Brass’ derzeitige Adresse stand, schlüpfte in seine wattierte Natojacke und verließ wenig später das Hotel, um Mike Borran beizustehen, falls dies nötig sein sollte.

Insgeheim hoffte er, dass er die Werft nicht zu spät erreichte ...