CATHERINE WILKINS 

Aus dem Englischen von
Christine Spindler

Mit Illustrationen von Sarah Horne

Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe

Text copyright © 2015 Catherine Wilkins

Illustrations copyright © Sarah Horne

Titel der Originalausgabe: My Great Success and Other Failures

Die Originalausgabe ist erstmals 2015 bei

Nosy Crow ® Limited, London, erschienen.

This translation of My Great Success and Other Failures is published by arrangement with Nosy Crow ® Limited.

© 2016 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, 80801 München

Alle Rechte vorbehalten

Text: Catherine Wilkins

Übersetzung: Christine Spindler

Coverbild und Innenillustrationen: Sarah Horne

Covergestaltung: Grafisches Atelier arsEdition

eBook Umsetzung: Zeilenwert GmbH

ISBN ebook 978 - 3-8458 - 1553-4

ISBN Printausgabe 978 - 3-8458 - 1395-0

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Danksagung

Weitere Titel

Leseprobe zu "Mein (ganz und gar nicht) grandioses Schuldrama und andere Katastrophen"

Für Margaret, Eileen und Sheila,
meine großartigen Tanten.

C. W.

»Jessica!«, ruft Mum die Treppe hoch.

»Könntest du bitte mal runterkommen?«

»Ich bin beschäftigt«, rufe ich zurück. Ich zeichne gerade mit höchster Konzentration einen Cartoon, in dem die Schule von Außerirdischen eingenommen wird. (Das Thema der nächsten Ausgabe unseres Comics lautet: Die Zukunft.)

»Hast du mich gehört?«, ruft Mum noch lauter. »Komm endlich runter!«

»Ich kann nicht!«, kreische ich. »Ich bin gerade total beschäftigt.«

»Komm auf der Stelle her! Ich muss mit dir reden, und ich habe nicht vor, dabei durchs Treppenhaus zu brüllen!«

Wenn das so ist, warum kommt sie dann nicht einfach nach oben, um mit mir zu sprechen? Das wäre nur höflich. Ich lege den Bleistift beiseite. Das ist mal wieder so typisch. Die Erwachsenen heutzutage haben einfach keine Geduld. Ich vermute, das liegt an dem vielen Kaffee, den sie in sich hineinschütten.

Genervt stapfe ich die Treppe runter und seufze theatralisch, als ich unten ankomme. Mum empfängt mich mit meinem Zeugnis in der Hand. »Was gibt’s?«

»Sei nicht so frech«, sagt Mum offensichtlich genervt. Das ist seltsam, denn in Wirklichkeit wollte sie bestimmt sagen: »Danke, dass du deine wichtige Arbeit unterbrochen hast und den weiten Weg die Treppe herunter gekommen bist, um deiner launischen Mutter einen Gefallen zu tun.«

»Jessica, wir möchten mit dir über dein Zeugnis reden.« Dad kommt dazu und stellt sich neben Mum, dann bugsieren sie mich ins Wohnzimmer, als wäre es ihr Büro und ich ein Angestellter, der drauf und dran ist, gefeuert zu werden.

»Na gut«, erwiderte ich und lasse mich verwirrt aufs Sofa plumpsen.

Ich frage mich, ob alle von ihren Eltern so behandelt werden. Sitzen Joshua, Tanya, Amelia und meine beste Freundin Natalie an verschiedenen Stellen der Stadt ebenfalls auf Sofas herum und warten auf eine Standpauke?

Nun, auf Amelia trifft das wahrscheinlich nicht zu, da sie in allen Fächern mehr oder weniger Klassenbeste ist. Auch Natalie ist ziemlich gut. Meine Freundinnen Emily, Megan und Fatimah sind insgesamt etwas schlechter, weil sie ständig herumblödeln, aber ihre Eltern sind, soweit ich das einschätzen kann, genauso lebenslustig und lässig wie sie selbst, darum kriegen sie wahrscheinlich keinen Ärger.

Vermutlich habe ich als Einzige das Pech, in der Schnittmenge zwischen »Übereifrige Eltern« und »Noten nicht gut genug« gefangen zu sein. Das ist unfair. Ich meine, wo bleibt da die Menschlichkeit?

Mein kleiner Bruder Ryan hockt neben unserem neuen Hund Lady auf dem Boden und schiebt einen Spielzeuglaster hin und her. Er untermalt das nicht wie sonst mit den passenden Geräuschen, darum ist es ungewöhnlich leise. Meine ältere Schwester Tammy (die nicht mehr bei uns wohnt) sitzt am Küchentisch und benutzt frech unser Internet.

»Also«, fängt Dad an, »dein Zeugnis ist diesmal ein bisschen durchwachsen.«

»Cool.« Ich versuche, die Situation mit einem Witz aufzulockern. »Heißt es nicht, Abwechslung sei die Würze des Lebens?«

»Nein«, sagt Mum. »Deine Noten sind nicht gut genug. Du nutzt nicht dein volles Potenzial. Hör dir das hier an: Geschichte – Jessica benimmt sich im Unterricht ordentlich und passt meistens auf. Aber ihre Hausaufgaben enthalten mehr Zeichnungen, als unbedingt nötig wäre.«

»Das klingt in meinen Ohren nach einem Lob«, sage ich.

Mum fährt fort: »Erdkunde – Jessica hat die Folgen von Erosion hervorragend illustriert, die restlichen Fragen aber nicht beantworten können. Vielleicht sollte sie mehr Zeit mit Schreiben verbringen und weniger mit Malen. Was hast du dazu zu sagen?«, endet sie.

»Eigentlich mag ich Erdkunde nicht besonders«, erkläre ich. »Aber die, ich zitiere, hervorragende Illustration hat gezeigt, dass ich alles verstanden habe. Wo liegt also das Problem?«

Mum seufzt betrübt. »Jessica, du bist elf Jahre alt und damit aus dem Alter raus, wo man zu allem ein Bildchen malt. Du bist kein Kleinkind mehr wie Ryan.«

»Hey.« Ryan schaut auf, aber er hat nicht wirklich zugehört. Ich weiß, dass ich nicht mehr sechs Jahre alt bin, zum Kuckuck. Ich kann jetzt viel besser zeichnen als mit sechs.

»Du musst aufhören, dich so viel mit dem Zeichnen zu beschäftigen. Gib dir lieber mehr Mühe mit den schriftlichen Hausaufgaben«, sagt Mum und fordert Dad dabei mit strengem Blick auf, ihr Schützenhilfe zu geben. »Hab ich nicht recht?«

»Ja«, stimmt Dad hastig zu.

»Du kommst bald in die Mittelschule«, fügt Mum hinzu. »Dort werden sie dir das nicht mehr durchgehen lassen.«

»Lies vor, was meine Kunstlehrerin Mrs Cooper über mich schreibt«, bitte ich sie.

»Offensichtlich liebt sie dich. Und wir bestreiten ja nicht, dass du Talent hast«, sagt Mum.

»Lies es vor«, beharre ich.

Widerstrebend beginnt Mum. »Jessica ist eine großartige und begeisterungsfähige Schülerin, die mit jeder Herausforderung einfallsreich umzugehen versteht. Sie hat ein gutes Auge für Details und ihre Arbeit als Bühnenbildnerin für die Schulaufführung war herausragend. Jessica wird großen Nutzen aus den Materialien und Möglichkeiten der viel umfangreicheren Kunstabteilung an der Mittelschule ziehen, da wir ihr hier nicht mehr viel beibringen können. Ja, das klingt alles ziemlich gut«, räumt Mum ein. »Aber glaub nicht, dass du dir deswegen in anderen Fächern keine Mühe mehr zu geben brauchst.«

»Seid ihr denn auf mich und meine Kunst nicht stolz?«, frage ich.

»Oh doch, sogar sehr stolz«, sagt Dad eifrig.

Mum wirft ihm einen Blick zu, der ihn offensichtlich kalt erwischt, denn er fügt hinzu: »Aber alles zu seiner Zeit. Im Kunstunterricht kannst du zeichnen. In den richtigen Fächern musst du ordentlich arbeiten.«

»Kunst ist ein richtiges Fach«, protestiere ich. »Kunst unterscheidet den Homo sapiens von den Neandertalern.«

Darauf fällt meinen Eltern so schnell nichts ein und sie blinzeln mich an. »Na ja, wie dem auch sei«, sagt Mum schließlich.

»Es ist ja nicht so, dass du nicht schlau wärst«, meint Dad.

»Es ist toll, dass du über Neandertaler und den Homo sapiens Bescheid weißt«, fügt Mum hinzu. »Aus genau diesem Grund reden wir mit dir. Es ist wichtig, dass du in deinen Hausaufgaben zeigst, wie überaus klug du bist.«

»Das ist auch schon alles, worum wir dich bitten«, steuert Dad bei.

»Denn letztlich ist es das, was über deine Zukunft entscheidet und dir hilft, beruflich erfolgreich zu sein«, sagt Mum. »Du bekommst keinen guten Job, indem du Cartoons zeichnest.«

»Jess!« Meine Schwester Tammy kommt ins Wohnzimmer gestürmt. »Ich habe einen wichtigen Job für dich. Du musst mir einen Cartoon zeichnen.«

Ich neige nicht dazu, das Wort »unbezahlbar« überzustrapazieren, aber das war unbezahlbar. Die Gesichter von Mum und Dad: unbezahlbar.

Ich habe noch nicht herausgefunden, ob Tammy uns belauscht und das mit Absicht gemacht hat – aber so oder so war das Ergebnis unbezahlbar. Ich könnte jetzt aufhören, das Wort zu benutzen. Ach, vielleicht noch ein letztes Mal. Unbezahlbar.

Die Stimmung beim Abendessen ist heikel. Mum wirft Tammy immer wieder böse Blicke zu. Ein Jammer, denn das Essen schmeckt heute richtig gut. Es gibt Makkaroni mit Käse und Salat, alles aus Markenprodukten, nicht das Superbillig-Zeug. (Ade, Sparkurs! Du bist vergangen, aber nicht vergessen.)

»Ryan, setz dich bitte aufrecht hin!« Mum lässt ihre miese Laune an meinem kleinen Bruder aus.

Ryan hebt sofort den Kopf und versteift sich, als ob er »Tanz und Stopp« spielt. »So, Mum?«

»Sitz einfach vernünftig«, ermahnt Dad ihn.

Ryan atmet aus und sinkt in sich zusammen.

»Puh«, murmelt er und stopft noch mehr Makkaroni mit Käse in sich hinein.

»Ach, Tammy«, sagt Mum, »da fällt mir ein: Ändere doch nicht ständig das Google-Logo. Ich mag die Originalversion.«

»Wie bitte?«, fragt Tammy verwirrt.

»Ich meine es ernst«, warnt Mum. »Es stört mich nicht, wenn du unser Internet benutzt, aber hör auf, darin herumzupfuschen.«

»Mum, das Logo von Google ändert sich von ganz allein, je nachdem, was für ein Tag es ist«, sage ich. »Tammy hat damit nichts zu tun.«

»Was?« Mum sieht verdattert und ein bisschen verärgert aus.

»Tut mir leid, denn ich weiß ja, wie gern du mir für alles die Schuld gibst«, sagt Tammy. »Übrigens«, fügt sie hinzu, »gibt es gerade ein Mem über ›Dumme Sachen, die Mütter sagen‹, und das mit Google steht auch auf der Liste.«

»Was ist ein Mem?«, fragt Mum, die kurz davor ist, richtig sauer zu werden.

»Ist doch egal, was ein Mem ist«, unterbricht Dad. »Können wir nicht einfach das Essen genießen?«

»Na gut«, schmollt Mum. »Jessica, setz dich bitte ordentlich hin.«

Als ich später mit Tammy in meinem Zimmer bin, erklärt sie mir, was das für ein Job ist, den sie für mich hat: »Es geht um eine Protestaktion. Eigentlich mehr eine Art Kampagne. Ich glaube, ein schlagkräftiger Cartoon könnte wirklich helfen, die Botschaft zu verbreiten und die Sache in den Köpfen der Menschen zu verankern.«

»Um welche Sache geht es?«, will ich wissen.

»Um den Klimawandel«, antwortet meine Schwester. »Menschen und Firmen haben einfach nicht kapiert, wie wichtig es ist, dass sie ihren Klima-Fußabdruck verkleinern. Wir verschleudern Energie und richten eine Menge Schäden an. Höchste Zeit, dagegen etwas zu unternehmen. Der Meeresspiegel wird steigen, und wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die das noch verhindern kann.«

»Also, das klingt sehr ernst«, finde ich.

»Es ist ernst«, stimmt Tammy zu. Dann studiert sie meinen Gesichtsausdruck. »Ist das ein Problem?«

»Normalerweise sind meine Cartoons eher witzig«, antworte ich. (Ich weiß, dass Eigenlob stinkt, aber fast die ganze Klasse 6c ist derselben Meinung.) »Ich bin nicht sicher, ob ich über ein so ernstes Thema etwas Lustiges zeichnen könnte. Wäre das nicht … irgendwie … unpassend?«

»Genau darin besteht deine Herausforderung.« Tammy sieht aus, als wäre sie von mir enttäuscht. »Darum geht es schließlich bei Satire.« Sie seufzt.

»Echt?«

»Natürlich. Du nimmst ein ernstes Thema, das die Leute normalerweise meiden, weil es ihnen Angst einjagt – und dann findest du einen schlauen Weg, es sie in einem neuen Licht sehen zu lassen. Und – Bingo! – der Humor entfaltet seine Wirkung. Bevor sie wissen, wie ihnen geschieht, sind sie auf dem besten Weg, verantwortungsbewusste Bürger zu werden.«

Ich muss zugeben, dass ich ihr nicht ganz folgen konnte, aber ihre Argumente klangen so, als würden sie einen Sinn ergeben. Trotzdem bin ich mir noch nicht sicher, ob meine Einwände bei ihr angekommen sind. »Es geht nur darum, dass –«

»Hör mal, Jess«, unterbricht mich Tammy. »Wenn du dieser Aufgabe nicht gewachsen bist, ist das in Ordnung. Aber du solltest wissen: Wenn du nicht Teil der Lösung bist, bist du Teil des Problems.«

Dieser Aufgabe nicht gewachsen? Wie kann sie es wagen? Weißt du nicht, mit wem du es zu tun hast? Ich bin eine begnadete Cartoonistin. Mein Idol ist Matt Groening. Wenn ich mal groß bin, will ich ein Künstler werden, so wie er. Ich bin jeder Aufgabe gewachsen. Immer. (Ich meine, jeder Cartoon-Aufgabe.)

»Na klar bin ich der Aufgabe gewachsen!«, platze ich heraus. Ich versuche, nicht zu entrüstet zu klingen.

»Super.« Tammy grinst und schüttelt meine Hand. »Willkommen an Bord.«

Wisst ihr noch, wie ich behauptet habe, ich wäre der Aufgabe gewachsen? Tja, ich bin mir doch nicht mehr so sicher, ob ich der Aufgabe gewachsen bin. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Aufgaben sind schwierig. Vor allem dann, wenn man nur die Hälfte von dem, auf das man sich eingelassen hat, überhaupt kapiert hat.

Als ich am nächsten Morgen im Schulbus sitze, schießt mir die Frage durch den Kopf, ob die Sache nicht eine Nummer zu groß für mich ist (wie Dad es formulieren würde. Zugegeben, er hat das über Lady gesagt, als die einen wirklich dicken Knüppel im Maul hatte und damit nicht durch das Tor zum Park passte, aber ich bin ziemlich sicher, dass man den Ausdruck auch im übertragenen Sinne benutzen kann.). Gestern Abend habe ich an meinem Schreibtisch gesessen und versucht, mir etwas Witziges zum Thema Überflutungen einfallen zu lassen. Ich hatte keine Idee, nicht die allerklitzekleinste. Außer vielleicht, dass so eine Flut unsere direkten Nachbarn, die VanDerks, wegspülen könnte (unheimlich hochnäsige, voreingenommene Leute. Seltsamerweise denken meine Eltern, dass sie mit ihnen mithalten müssen. Ihre Tochter Harriet ist in meinem Jahrgang und hat kürzlich versucht, mir das Leben zur Hölle zu machen, als ich das Bühnenbild für die Schulaufführung gestaltet habe.).

Ich fürchte, die Vorstellung, dass sie von einer Flut weggespült werden, finde nur ich komisch. Allenfalls noch Ryan und Tammy könnten darüber lachen, aber so oder so hat der Witz eine viel zu kleine Zielgruppe. Darüber hinaus wäre der Gag ja Werbung für den Klimawandel, kein Protest dagegen. Seufzend steige ich aus dem Bus und gehe aufs Schulgebäude zu.

Dann fällt mir ein, dass heute in der Mittagspause ein Comic-Meeting stattfindet, in dem ich den anderen meinen genialen Zukunftscartoon mit den Außerirdischen zeigen kann, und schon steigt meine Laune wieder. Sie wird sogar noch besser, als Nat mich sieht und begeistert ausruft: »Du meine Güte, Jess, du kommst genau richtig!« (Ich finde, das ist eine ziemlich nette Begrüßung.)

»Was gibt’s?«, frage ich und gehe zu dem Pult rüber, an dem Natalie (meine beste Freundin seit der Sandkastenzeit) und Amelia, meine Ex-Freindin (und jetzt ganz normale Freundin) sitzen.

»Weißt du, wir arbeiten gerade am Jahrbuch«, erklärt Nat, »und wir brauchen witzige Einfälle, um Leute zu beschreiben, zum Beispiel: Hat die besten Chancen, einmal Millionär zu werden, aber alberner. Und da dachte ich, du bist ja irgendwie witzig. Du kannst uns bei der Ideensuche helfen.«

»Na klar«, sage ich lächelnd. Seht ihr, ich habe Talente. Und die sind nützlich. (So, da hört ihr’s, Mum und Dad.) »Als zukünftige Millionärin nominiere ich Tanya Harris.« (Und das sage ich nicht nur, weil sie mit mir an meinen Comics arbeitet oder weil ich im Grunde immer noch ein bisschen Angst vor ihr habe. Ach, wisst ihr was, ich habe heute eigentlich fast gar keine Angst mehr von ihr.)

Tanya »das Tier« Harris hat sich vom ungezogensten Mädchen unseres Jahrgangs (eigentlich der ganzen Schule) zu einer fantastischen Unternehmerin und Geschäftsfrau entwickelt. Anstatt die Autos der Lehrer zu zerkratzen und anderen im Flur ein Bein zu stellen, ist sie jetzt Chefredakteurin unseres Comics und kümmert sich auch um den Vertrieb. Ich glaube ernsthaft, dass sie das Zeug dazu hätte, einmal Millionärin zu werden.

»Außerdem musst du uns noch ein cooles Foto von dir geben und dir etwas einfallen lassen, was wir bei dir als herausragende Leistung eintragen sollen«, sagt Amelia.

Es kommt mir immer noch etwas seltsam vor, dass Amelie und ich jetzt Freundinnen sind, wo sie mich doch früher so gepiesackt hat. Sie war herablassend und hinterhältig: Sie wollte Natalie ganz für sich allein haben; ständig machte sie passiv-aggressive Bemerkungen über meine Haare und beleidigte meine Intelligenz.

Doch als wir gemeinsam am Bühnenbild für das Theaterstück gearbeitet haben, hat uns das merkwürdigerweise regelrecht zusammengeschweißt (was zum Teil daher kam, dass Harriet VanDerk uns beide tierisch genervt hat), und so habe ich endlich Amelias nette Seite kennengelernt. Ja, sie hat eine! (Wer hätte das gedacht?) Und sie hat sogar zugegeben, dass sie mich gemobbt hat, und sich dafür entschuldigt. Aber ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ich es geschafft habe, ihre Freundin zu werden. Ich bin wohl einfach ein toller Mensch, der leicht verzeihen kann.

»Na klar, ich bringe ein Foto. Was für Bilder nehmt ihr denn für euch?«, sage ich.

»Oje, die Auswahl ist riesig!«, sagt Natalie. »Schau mal.« Sie holt ihr Handy raus und beginnt durch Unmengen von Fotos zu scrollen, auf denen sie als Dorothy aus Der Zauberer von Oz verkleidet ist, dem Schulmusical, das wir neulich aufgeführt haben.

»Das da gefällt mir.« Amelia deutet aufs Display von Nats Handy. »Ich habe für mich schon eine Vorauswahl getroffen.« Sie scrollt auf ihrem Handy durch jede Menge Fotos von sich als Glinda, die Gute Hexe. (Obwohl sie auch am Bühnenbild mitgearbeitet hat, bekam Amelia eine kleine Rolle. Man muss schon sagen, dass sie eine schreckliche Streberin ist.)

»Ihr habt so tolle Bilder«, sage ich zu den beiden und beginne mich zu fragen, was für ein Foto ich denn verwenden kann. Ich habe eins, auf dem ich stolz vor der gelben Ziegelsteinstraße stehe, die wir als Kulisse gemalt haben, aber auf dem Foto sind auch Amelia und Harriet drauf.

Ich habe nämlich die meisten Bühnenbilder entworfen, darum liebt meine Kunstlehrerin Mrs Cooper mich zurzeit auch so sehr. Aber ich habe keine Fotos, auf denen das eindeutig zu sehen ist.

»He, Leute«, sage ich, als ich mich auf einen der gemütlichen Sessel in der Lese-Ecke vor der Bibliothek setze. »Ich habe einen tollen Cartoon über unsere Schule in der Zukunft gezeichnet und –«

»Hast du schon deine herausragende Leistung?«, unterbricht mich Tanya. »Fürs Jahrbuch?«

»Äh, noch nicht, aber –«

»Tja, ich auch noch nicht«, meint sie nachdenklich und wirkt so besorgt, wie ich es gar nicht von ihr kenne.

»Falls es dich tröstet, ich habe dich als diejenige nominiert, die es am wahrscheinlichsten zur Millionärin bringen wird«, verrate ich ihr.

Sofort strahlt Tanya. »Oh, das ist ja großartig! Danke, Toons!«

(Tanya nennt mich Toons, weil ich Cartoons zeichne. Kapiert? Toons – car TOONS. Wieso erwähne ich das überhaupt? Mir könnt ihr das jedenfalls nicht ankreiden, weil es nicht auf meinem, sondern auf Tanyas Mist gewachsen ist.)

Joshua kichert. »Ha, dafür hätte ich Lewis nominiert.«

Joshua und Lewis sind die beiden anderen Mitglieder des Comic-Teams. Als ich mich am Anfang des sechsten Schuljahrs mit Natalie verkracht hatte, hat sich Joshua mit mir angefreundet. Er spielt Basketball und hält sich für cool, und das ist er sogar wirklich ein bisschen. (Allerdings nicht so cool, wie er meint.) Aber er ist witzig. Er hat im Schulmusical die Vogelscheuche gespielt, und ich hatte keine Ahnung, dass er so eine Begabung für Slapstick hat.

Von den dreien kenne ich Lewis immer noch am wenigsten, obwohl wir gezwungen waren, eng zusammenzuarbeiten, als Tanya und Joshua Starallüren bekamen und die Comic-Meetings geschwänzt haben. Lewis ist schüchtern, übergenau und von Star Wars besessen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er das Zeug zum Millionär hat. Unter Umständen.

»Bestimmt kann man mehr als nur einem Kind eine Zukunft als Millionär voraussagen«, entgegne ich freundlich.

»Ich würde mir darüber keine großen Gedanken machen«, sagt Joshua zu Tanya. »Wir haben eine Menge Erfolge vorzuweisen, die wir als besondere Leistung hervorheben können. Wir haben beide Belobigungen für den Zauberer bekommen.«