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Anna Martach

Alpendoktor Daniel Ingold #6: Musik des Herzens

Cassiopiapress Bergroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Musik des Herzens

Alpendoktor Daniel Ingold – Band 6

von Anna Martach

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.

 

Indianer in Hindelfingen? Die Waffe, mit der auf einmal im Gebirgswald gewildert wird, würde dazu passen. Wer aber wirklich der Sünder ist, stellt für fast alle Bewohner eine Überraschung dar, und es kommt zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Wobei letztlich auch der sympathische Bergarzt Daniel Ingold in Lebensgefahr gerät …

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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1

„Wennst net mal ein bisserl Klassik vernünftig spielen kannst, solltest vielleicht den Beruf wechseln“, sagte der Thomas Kirchberger scharf.

Die Frau an der Orgel ließ die Finger über die Tasten gleiten, und ein misstönender Akkord erklang.

„Was tät’ dir denn nun schon wieder net passen?“, fragte das bildhübsche Madl mit den goldblonden Haaren erbost.

Thomas Kirchberger, der als Kantor hier in Hindelfingen den Kirchenchor und auch den Singkreis betreute, schaute die Gabi Mittermayr aufgebracht an.

„Hast immer noch net verstanden, dass die Ode an die Freude ein getragenes Stück ist? Es soll ...“

„Wenn’s nach dir geht, dann tät’ das so schwermütig klingen wie ein Trauermarsch“, fuhr das Madl auf. „Aber man soll doch die Freude heraushören. Willst den Herrn Bischof vielleicht begraben damit?“

„Bist deppert? Was tät’ dir einfallen, in diesem Ton mit mir zu reden?“

„Kriegst genau den Ton, den du verdienst. Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt’s auch heraus. Kannst dich ja selbst hersetzen und die Orgel spielen“, fauchte sie zurück.

Der Thomas wurde ein bisserl kleinlaut. Er war ein hervorragender Chorleiter; er war in der Lage, jeden falschen Ton herauszuhören und konnte die Sänger auch immer wieder motivieren, ihr Bestes zu geben. Doch er selbst spielte kein Instrument perfekt, schon gar nicht die Orgel, die als relativ schwierig galt. Also war er auf die Gabi angewiesen, deren Finger auf der Klaviatur wahre Wunder vollbringen konnten. Doch die beiden jungen Leute taten sich immer schwer damit, ihre unterschiedlichen Ansichten unter einen Hut zu kriegen und einen Kompromiss zu finden.

Und hier waren sie mal wieder meilenweit davon entfernt, sich mit den Gegensätzen anzunähern. Dabei konnte doch alles recht einfach sein, wenn man sich daran hielt, was der gute alte Beethoven in seiner Partitur selbst geschrieben hatte. Es musste ja nur mal jemand nachschauen, Unterlagen gab’s genug darüber.

Das schien die beiden jedoch nicht zu interessieren, sonst gäbe es diesen sinnlosen Zank nicht.

Die Kollmannberger Vreni, die selbstverständlich zum Chor gehörte und auch eine sehr schöne Stimme besaß, spitzte natürlich die Ohren. Sie war offen und dankbar für jeden Klatsch, den sie aufschnappen und weiter verbreiten konnte; dies hier war ein Leckerbissen für die Frau, die in Gedanken schon überlegte, wie sie den Streit in Worte fassen konnte.

Die beiden Streithähne sahen jetzt allerdings auch ein, dass es so nicht weitergehen konnte. Immerhin stand der ganze Kirchenchor da und hörte zu. Es machte nicht nur einen schlechten Eindruck, es war auch nicht gut für die Gemeinschaft, wenn es nicht endlich zu einer Einigung kam.

Gabi zwang sich also zu einem Lächeln, und auch der Thomas beruhigte sich wieder. Er fing das Lächeln des Madls auf und fühlte sich plötzlich seltsam berührt. Sie war doch so ein fesches Madl. Warum nur, ach, warum nur musste sie immer so halsstarrig sein. Konnte sie denn net man ein Stückerl nachgeben, dann würd’ er es doch auch tun.

„Lass es uns noch mal probieren“, schlug das Madl vor und spielte ein paar Takte, nicht ganz so, wie der Thomas es wollte, aber schon anders, als sie es ursprünglich getan hatte. Es blitzte kurz in seinen Augen auf. Auch er konnte ein Stückerl nachgeben.

„Na also, geht doch“, nickte er und hob die Hände für den Einsatz der Sänger.

Die Gabi spielte drauflos, der Chor setzte ein, und die erhabenen Klänge der Musik füllten die St. Antonius Kirche aus.

„Das war schon recht ordentlich“, hallte dann die Stimme vom Pfarrer Raphael Feininger durch den großen Raum. Der Thomas und die Gabi schauten verblüfft und auch ein wenig erschreckt auf. Hatte der Priester vielleicht den ganzen Streit verfolgt? Das wäre beiden ausgesprochen peinlich. Aber natürlich hatte der Pfarrer jedes Wort mitgekriegt, wie das Lächeln auf seinen Lippen verriet. Nun, wahrscheinlich würde er später, wenn der Chor nicht mehr anwesend war, ein paar deutliche passende Worte dazu verlieren. Er war dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und mitunter recht drastische Formulierungen zu finden, die dem Betreffenden manchmal schwer zu schaffen machten.

Es dauerte nicht mehr lang, bis die Probe für diesen Tag beendet war. Die meisten Sänger entfernten sich rasch aus der Kirche, froh darüber, einem peinlichen Zwischenfall entgangen zu sein. Nur die Vreni hielt sich auffällig lang im Gang auf, wo sie so tat, als überlege sie, sich noch in eine der Bänke zu setzen und zu beten – oder was auch immer.

Der Feininger lächelte. „Möchtst noch ein Gespräch mit dem Herrgott oder gar mit mir halten, Vreni?“, erkundigte er sich. „Dann solltest vielleicht vorher noch beichten, um auch wirklich eine reine Seele zu haben. Wart’, ich komm zum Beichtstuhl. Soviel Zeit muss sein.“

Die Frau schaute ihn erschreckt an. Sie hatte eigentlich nur ein bisserl lauschen und etwas von dem anstehenden Gespräch aufschnappen wollen. Und nun machte der Herr Pfarrer Ernst daraus. Das war nun ganz und gar unnötig.

„Nein, ist schon gut, machen S’ sich net die Mühe. Ich hab ja nur gedacht, da wär’ ein großer Fleck auf dem Boden“, entgegnete sie ausweichend.

Der Feininger grinste in sich hinein. „Du weißt ja, Vreni, dass Heuchler und Lügner unserem Herrgott ein Gräuel sind“, gab er trocken zu bedenken.

Die Frau nickte und verschwand mit auffallender Schnelligkeit. Der Geistliche lächelte jetzt nur noch sparsam, als er den Thomas und die Gabi intensiv musterte.

„Und nun zu euch beiden. Was tät’ euch denn wohl einfallen, aus meiner Kirche einen Affenstall zu machen und vor dem gesamten Chor einen Streit anzufangen? Habt’s ihr net mal dran gedacht, dass der Komponist, der dieses wundervolle Stück Musik geschrieben hat, sich selbst was dabei gedacht hat? Aber da tät’ dann ja wohl der Unterschied liegen. – Kunst kommt von Können. Und wie’s ausschaut, habt’s ihr zwei heut’ damit nix am Hut. Ich sag’s euch nur einmal: Wenn ihr noch mal verschiedener Meinung seid, dann tragt das vorher oder nachher aus. Aber net in meiner Kirche, und auch net vor dem gesamten Chor. Es ist ja wohl so, dass unser Herrgott praktisch alles verzeiht. Das tät’ aber net heißen, dass ich das auch tun muss.“

Der Thomas wollte etwas sagen, doch der Feininger machte ihm ein energisches Zeichen zu schweigen. „Sei stad, ich bin noch net fertig mit euch beiden.“



2

Ein wundervoller Herbstmorgen brach heran. Der erste Streifen Helligkeit zeigte sich im Osten am Horizont, Tau lag auf Gräsern und Bäumen, Spinnennetze glitzerten vom ersten leichten Frost in der Nacht in bezaubernder Schönheit, und die ganze Welt schien seltsam unberührt und rein.

Das alles kümmerte die Gestalt nicht, die gut verborgen in einem Hochsitz hockte und fast unbeweglich geduldig wartete. Ein dicker Pullover schützte vor der morgendlichen Kühle, eine Mütze hielt auch den Kopf warm. Nur die Hände waren ungeschützt. Die hielten nämlich einen sportlichen Bogen, und direkt neben der Gestalt lag griffbereit ein Köcher mit Pfeilen, an deren Spitzen sich rasiermesserscharfe Klingen befanden. Eine absolut tödliche Waffe, die so in dieser Form grundsätzlich im ganzen Land verboten war. Kein ordentlicher Waidmann würde zulassen, dass jemand damit hier auf die Jagd ging, auch wenn’s in anderen Ländern gang und gäbe war.

Aber auch das interessierte die einsame Gestalt hier draußen nicht. Die Augen der Person hingen aufmerksam an einer Lichtung. Schon seit drei Tagen kam dort jeden Morgen ein kapitaler Zwölfender zum Äsen; warum sollte das an diesem Morgen anders sein?

Wenige Minuten später betrat das große Tier die Lichtung, witterte und schaute sich um. Erst als der Hirsch sicher war, dass sich keine Gefahr in der Nähe befand, senkte er den Kopf mit dem schweren Geweih und begann zu fressen. Bald darauf trat der Rest des Rudels ebenfalls aus dem Wald.

Die Gestalt im Hochsitz griff nun nach einem Pfeil, legte ihn lautlos ein und hob den Bogen in den Anschlag. Ein Visier, welches auch das dämmrige Licht noch etwas verstärkte, zeigte dem Schützen sein Ziel zum Greifen nah.

Das Geräusch der Sehne, als der Pfeil abgeschossen wurde, war so leise, dass es im Gesang der Vögel fast unterging. Dennoch hob der Hirsch alarmiert den Kopf. Aber es war schon zu spät. Unbeirrt raste das tödliche Geschoss mit einem leisen Surren durch die Luft und schlug schließlich in einen warmen lebenden Körper ein.

Eine der Hirschkühe brach wie vom Blitz gefällt zusammen, und der Rest des Rudels rannte in wilder Panik davon.

Die Gestalt im Hochsitz packte zufrieden die Ausrüstung zusammen und kletterte herunter. Ein Auto stand nicht weit entfernt, darin saß dösend eine andere dunkel gekleidete Gestalt, die erschreckt auffuhr, als die erste Person sie an der Schulter berührte.

Die Hirschkuh wurde verladen, und der Wald lag wenig später wieder ruhig und still da. Aber natürlich bemerkte der Jagdaufseher der Forstbehörde das Fehlen einer Hirschkuh, schließlich war jedes Tier ordnungsgemäß gezählt.