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Anna Martach

Ein Herz kann man nicht stehlen: Roman

Cassiopeiapress Unterhaltung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Ein Herz kann man nicht stehlen

von Anna Martach

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses E-Book entspricht 97 Taschenbuchseiten.

 

Joachim Delgendörfer, ein bekannter Schriftsteller, lernt auf dem Fest seines Freundes Victor Fürst Emmerich die schöne und geheimnisvolle Gräfin Feodora von Hagendorff kennen. Obwohl er ihr Interesse spürt, weicht sie seinen Annäherungsversuchen immer wieder aus. Was verbirgt sie vor ihm? Und, was für Joachim noch wichtiger ist, wird Feodora hinter sein Geheimnis kommen?

 

1

Ein fahler Mond leuchtete durch die Nacht, bis sich eine Wolke davorschob. Fast schlagartig wurde es dunkel. So sah niemand die Gestalt, die sich im Schutz der Dunkelheit an das großzügige, geräumige Herrenhaus heranschlich. Aber wahrscheinlich hätte es auch ohne den Schutz der Dunkelheit niemand bemerkt. Denn immerhin hatte Graf Heimfeldt, der Besitzer des Anwesens, erst kürzlich eine teure, moderne und absolut sichere Alarmanlage einbauen lassen. Es befanden sich doch eine Menge Wertsachen im Haus, worunter die Originalgemälde namhafter Künstler nicht die einzigen waren.

Aber jetzt schien es so, als wäre doch der Schutz durch die neue Anlage nicht ausreichend, denn kein greller Ton jaulte auf, und auch kein Licht flammte auf, noch regte sich der lautlose Alarm bei der Polizei. Die Gestalt, die da durch die Nacht huschte, schien sich sehr gut auszukennen. Ohne zu zögern, schlug sie den Weg zu einem der Kellerfenster ein, überwand mühelos die einfache Sicherung und stand gleich darauf im Haus. Jetzt bestand keine Gefahr mehr. Mit festen Schritten ging die Person durch das Haus, bewunderte hier ein Bild, blieb dort vor einer Kristallvitrine stehen, in der Porzellanminiaturen standen, und hielt schließlich vor einem Waffenschrank. Der war verschlossen, doch durch eine Glasscheibe ließ sich erkennen, dass die Gewehre dahinter nicht nur der Jagd dienten, sondern auch alte und wertvolle Schmuckstücke waren. Ein hauchdünner Draht führte vom Schrank in die Wand hinein, eine zusätzliche Sicherung.

Ein Lächeln zeigte sich im Gesicht der Person, doch niemand konnte es sehen.

Ebenso geräuschlos, wie sie gekommen war, verschwand die Gestalt auf dem gleichen Wege. Der Hausherr merkte am nächsten Morgen nichts, doch einige Tage später tauchte nochmals ein Team der Firma auf, welche die Alarmanlage installiert hatte. Kostenlos wurde eine zusätzliche Sicherung im Keller eingebaut.



2

Die Party war wirklich interessant, wie Joachim Delgendörfer eingestehen musste. Nicht nur in einem der riesigen Räume spielte eine Kapelle, nein, auch für die jüngeren Semester gab es eine Art Disco, in der man sich mit merkwürdigen ruckartigen Bewegungen zur Musik bewegte. Der Lärm war fast ohrenbetäubend, und einen Sinn schien das auch nicht zu machen. Aber vielleicht, fand Delgendörfer, war er einfach zu alt für diese Art der Unterhaltung. Dabei war er gerade mal Mitte vierzig, doch die Rockbands aus seiner Jugendzeit hatten zumindest noch Musik gemacht, wie er betrübt feststellte. Dies hier, was unter dem Namen Techno kursierte, reizte seine Ohren und schreckte ihn einfach ab. Aber erstaunlich viele junge Leute schienen sich bei dem Krach auch noch unterhalten zu können.

Nein, Delgendörfer fand, dieser Ausflug in die Jugendszene hatte lange genug gedauert. Ohne Bedauern kehrte er zurück in den großen Saal im Schloss von Victor Fürst Emmerich, wo eine gute Kapelle gerade eine sanfte Rumba spielte. Elegant gekleidete Frauen tanzten mit Herren in teuren Smokings, perlendes Lachen klang auf, Gläser klirrten, und Stimmengemurmel verwischte zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch.

Delgendörfer war allein gekommen. Er war mit dem Fürsten befreundet, seit er ihn einmal in einem seiner Bücher als Vorbild benutzt hatte. Die zwei hatten sich zufällig in Ascona auf dem Golfplatz kennengelernt, und es war mehr daraus geworden als eine dieser üblichen oberflächlichen Bekanntschaften. Jedenfalls hatte Victor ihn zu diesem Fest eingeladen, aber der angesehene und wohlhabende Autor von Biographien und neuerdings Kriminalromanen fühlte sich etwas verloren. Die Gespräche waren zu oberflächlich, die Frauen zu sehr von sich eingenommen, und die Männer hatten einfach zu viel Geld, für das sie meist nicht arbeiten mussten. Es war ausgesprochen gut, dass der Fürst nicht wusste, womit Joachim sein Geld wirklich verdiente. Er wäre in Panik ausgebrochen, angesichts der Kostbarkeiten, die sich in seinem Besitz befanden.

Delgendörfer überlegte gerade, einfach zu gehen, ohne sich groß zu verabschieden, und wandte sich schon in Richtung der Flügeltüren. Genau in diesem Moment stieß eine Frau mit ihm zusammen, die sich gerade umgedreht hatte. Eine schöne Frau, wie Delgendörfer auf den ersten Blick feststellte. Pechschwarzes Haar, dem ein guter Friseur dezent zu mehr Glanz verholfen hatte, umrahmte ein schmales Gesicht, in dem leuchtend grüne Augen vorherrschten. Ein sinnlicher Mund öffnete sich, um eine Entschuldigung hervorzustoßen, als Delgendörfer aus einem Reflex heraus die Arme um die Frau legte, wie um sie vor einem Sturz zu retten.

„Hoppla, schöne Frau“, sagte er bewundernd. „Ich bin es ja gewohnt, von meinen Fans bedrängt zu werden. Aber so schöne Fans hatte ich lange nicht.“

Ein vernichtender Blick traf ihn.

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht belästigen“, sagte die Frau mit weicher, rauchiger Stimme, und dem Mann liefen eisige Schauder über den Rücken.

„Mein Name ist Delgendörfer, Joachim Delgendörfer“, stellte er sich vor und erwartete nun, dass auch sie sich vorstellte. Doch nur ein abweisender Blick traf ihn.

„Wie schön für Sie“, sagte sie trocken.

Der Autor musste auflachen. Da hatte er doch wirklich die älteste Anmache der Welt versucht, nur um gnadenlos abzublitzen. In seine grauen Augen trat ein amüsiertes Leuchten, und um seine schmalen Lippen spielte ein Lächeln.

„Das habe ich wohl falsch angefangen, ja?“, erkundigte er sich spöttisch, und nun lächelte auch die Frau. Für Joachim war es, als ginge an diesem Abend die Sonne auf.

„Ich bin Feodora von Hagendorff“, sagte sie dann mit einem bezaubernden Lachen.

„Wie schön für mich“, erwiderte er ironisch und fasste ihren Arm. „Würden Sie mit mir tanzen?“

Sie ließ sich von ihm auf die Tanzfläche ziehen und schien auch nichts dagegen zu haben, dass er sie eng an sich zog, als die Kapelle einen Slowfox spielte. Ihre Augen blitzten herausfordernd, und ihr Mund lächelte spöttisch. Augenscheinlich war sie zum Flirten aufgelegt, sofern es nur ein bisschen intelligent stattfand.

„Ich finde diese Party zum Einschlafen“, bekannte sie nach einer Weile, als Delgendörfer sich gerade daran gewöhnt hatte, diesen anschmiegsamen Körper im Arm zu halten.

„Mir geht es ähnlich“, bekannte er. „Noch dazu, da ich allein gekommen bin.“

„Ach, wirklich. Und deswegen versuchten Sie diesen trockenen Annäherungsversuch?“, fragte sie ironisch.

„Es war die einfachste Idee, nachdem Sie mich so bezaubernd umgerannt haben. Hätten Sie Lust, diesen Abend mit mir in einem anderen Lokal weiterzuführen?“, schlug er rasch vor.

„Dieser Abend ist noch lange nicht vorbei“, verkündete sie geheimnisvoll.

Der Tanz war zu Ende. Noch bevor Delgendörfer weiter in sie dringen und vielleicht ihre Adresse erfahren konnte, verschwand sie. Er konnte nicht wissen, dass die Frau ihn in Gedanken mit einem anderen verglich, mit Tom Krüger, ihrem Auftraggeber, der sie auf eine ungewisse Art faszinierte und anzog. Aber niemals hätte sie das vor einem anderen, noch vor sich selbst zugegeben. Vor ihrem geistigen Auge blitzten die braunen Augen Toms auf, und der unwiderstehliche, rauchige Klang seiner Stimme elektrisierte sie für einen Moment. Aber gleich schüttelte sie die Empfindung ab. Es konnte einfach nicht sein. Nein, es durfte nicht sein, verbesserte sie sich selbst. Dann ging sie wie zufällig durch die Räume und betrachtete dabei doch aufmerksam alles, was ihr noch nützlich sein konnte.

Eine halbe Stunde später sah Delgendörfer sie noch einmal, als sie sich herzlich von ihrem Gastgeber verabschiedete. Aber bis er sich durch das Menschengewühl zu ihr durchgearbeitet hatte, war sie endgültig verschwunden.

„Wer ist sie?“, fragte Delgendörfer den Fürsten, als beide bewundernd hinter der Frau hersahen.

„Sie gefällt dir wohl“, scherzte dieser. „Sie ist Gräfin Hagendorff, ungebunden, selbstständig, eigensinnig, teuer. Nichts für dich, lieber Freund.“

Delgendörfer beschloss, nun endgültig zu gehen.



3

Es war schon früher Morgen, die letzten Gäste waren längst gegangen, das Personal hatte die restliche Beseitigung der Überreste auf den Morgen verschoben, als sich eine dunkel gekleidete Gestalt durch die Räume bewegte. Auf dem Boden waren getrocknete Lachen von verschütteten Getränken zu sehen, Glasscherben, Papierfetzen, ein vergessener Schal.

Die Gestalt schritt sicher durch die Räume, bis sie in die intimeren Zimmer kam, die auch privat vom Fürsten benutzt wurden und wo das Publikum, das täglich seinen Rundgang durch das Schloss machte, keinen Zugang hatte. Zwei, drei Räume durchquerte die Person, dann hielt sie inne und ging zielsicher auf eine Vitrine zu. Doch kaum hatte sie die Hand ausgestreckt, wie um etwas herauszunehmen, gellte ein durchdringendes Geräusch durch das ganze Schloss.

Einbrecher!

Die Gestalt stand wie erstarrt, aber nur für einen winzigen Augenblick. Ein Lachen erklang, dann verschwand die Person ungesehen, wie sie hereingekommen war.

Am nächsten Tag, als Victor Fürst Emmerich einen Einbruch bei der Firma meldete, die die Alarmanlagen herstellte, wurde ihm schnellstens jemand zugesagt, der gleich alles wieder sichern würde, nachdem die Polizei ein ziemliches Chaos angerichtet hatte.

Und Tom Krüger hakte auf einer Liste einen weiteren offenen Posten ab.



4

Drei Wochen später kam es zu einem erneuten Zusammentreffen zwischen Delgendörfer und Gräfin Feodora, doch es geschah unter sehr merkwürdigen Umständen.

Wieder einmal war Delgendörfer zu einem Fest geladen. Da er sich bisher für keine Frau hatte entscheiden konnte, luden ihn seine Gastgeber auch allein ein, in der Hoffnung, er würde doch endlich die passende Partnerin finden. Aber zu dieser Feier wäre er auf jeden Fall gekommen. Es war sein Verleger, Hermann Steiger, der eine rauschende Ballnacht zum Besten gab, wobei der Begriff rauschende Ballnacht sicher übertrieben war. Doch eine ziemlich große Party war es auf jeden Fall. Auch andere Autoren waren anwesend, und schnell bildete sich ein Grüppchen, in dem heiß diskutiert wurde über Bücherthemen, Verkaufszahlen und Zusammenarbeit mit Lektoren und Verlag. Delgendörfer fand all diese Diskussionen, die er immer wieder in dieser oder ähnlicher Form hörte, uninteressant und langweilig. Seiner Meinung nach waren Autoren generell unterbezahlt, abgesehen von einigen ganz großen. Und die konnten den größten Müll zusammenschreiben, der wurde immer noch mit Handkuss aufgekauft. Doch er gehörte ebensowenig dazu wie die anderen Kollegen, die hier versammelt waren, auch wenn er in seiner Branche einen sehr guten Ruf genoss. Aber schreiben war sein Leben, wie er sich eingestand, oder zumindest ein Teil davon. Der andere Teil seines Lebens spielte sich eher auf der kritischen Seite des Gesetzes ab, und niemand durfte davon wissen. Aber Delgendörfer rechtfertigte sich vor sich selbst. Wie sollte er denn sonst seinen Lebensstil aufrechterhalten, der einigermaßen kostspielig war. Und im Übrigen handelte er doch wie Robin Hood, er hatte noch nie einem Armen... Aber was war das? Gräfin Feodora von Hagendorff schwebte wie eine Feengestalt, nicht durch seine Gedanken, sondern durch den Raum.

Joachim lief auf die Frau zu, die jetzt statt der glänzenden schwarzen Haare eine haselnussbraune Pagenfrisur trug, um sie festzuhalten und mit ihr zu reden. Sie sollte ihm nicht wieder wie im Märchen Aschenputtel entwischen. Doch sie schien ihn plötzlich zu sehen. Etwas wie Erschrecken glitt über ihre Züge, und mit unnachahmlicher Schnelligkeit verschwand sie im Gewühl der Menschen, bis Delgendörfer sie nicht mehr entdecken konnte.

„He, hast du gerade einen Geist gesehen?“, fragte Hermann Steiger, der Verleger, von der Seite. Ihm war nicht entgangen, dass sein bester Autor wie vom Donner gerührt dastand.

„Nein, eine Göttin, wie ich fürchte, bildschön und doch unnahbar“, erwiderte Joachim.

„Komm zurück auf den Boden der Menschheit und beschreibe sie mir. Ich weiß schließlich, wen ich eingeladen habe“, forderte Steiger.

„Grüne Augen wie eine Wiese in Irland, volle, sinnliche Lippen wie Rosenknospen, brauner Pagenkopf, eine Figur wie...“

„Ist schon gut, du kannst aufhören mit deiner Schwärmerei. Du meinst die Gräfin Felicitas. Mein Lieber, dein Geschmack ist wirklich außergewöhnlich, aber wohl kaum zu befriedigen. Jedenfalls habe ich noch nie gesehen, dass sie einem Mann mehr als einen Tanz geschenkt hätte. Sie kommt und geht allein, aber jeder scheint von ihr begeistert. Und deshalb wird sie auch immer und überall eingeladen. Außerdem scheint sie sehr geheimnisvoll, kaum jemand weiß etwas über sie. Und das macht sie besonders interessant."

„Hast du ihre Adresse?“, erkundigte sich Joachim hastig, doch Steiger schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe die Einladung über Tom Krüger zustellen lassen. Du weißt, den, der die besten Alarmanlagen herstellt. Scheinbar kennen die beiden sich gut. Nun ja, kein Wunder, Krüger gehört zu einer der großen Patrizierfamilien, und die haben nie Wert auf Adelstitel gelegt. Aber sie kennen jeden, das kannst du mir glauben. Und wen sie nicht kennen, der ist ein Niemand.“

Delgendörfer zuckte die Schultern. Augenscheinlich war er in eine Sackgasse geraten und konnte jetzt nur auf den unwahrscheinlichen Zufall hoffen, die Frau noch einmal zu treffen. Oder er musste sich etwas einfallen lassen.



5

Gräfin Feodora Felicitas Friederike Feride Flora von Hagendorff war nicht wenig erschrocken, dass sie erneut auf diesen Mann getroffen war, der sie scheinbar in sein Herz geschlossen hatte. Er beunruhigte sie auf eine seltsame Art und Weise, denn er schien interessant zu sein.

Aber Freddie wollte keine nähere Bekanntschaft, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht. Zuerst einmal ging sie in der Arbeit bei Tom Krüger auf. Und der war nun wirklich ein Mann nach ihrem Herzen.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Arbeit. Es wurde Zeit, sich umzuziehen und den nächsten Auftrag auszuführen.