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Anna Martach

Unsere Liebe wäre perfekt, gäbe es da nicht zwei Probleme

Cassiopeiapress Bergroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Unsere Liebe wäre perfekt - gäbe es da nicht zwei Probleme

Bergroman von Anna Martach

 

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

 

1

„Nein, danke schön, das schaffe ich allein.“ Elisabeth Kannegießer, die neue Angestellte der Gaststätte „Zum Löwen“, die gleichzeitig auch Restaurant und Hotel unter einem Dach vereinte, trug ihre Reisetasche allein ins Zimmer, ohne die Hilfe von Daniel, dem Pagen, in Anspruch zu nehmen. Die schöne blonde Frau war neu in St. Johann. Sepp Reisinger hatte über mehrere Anzeigen jemanden gesucht, der nicht nur bereit war, die zunehmende Büroarbeit auf sich zu nehmen; diese Person sollte auch in der Lage sein, an der Rezeption auszuhelfen und sich ab und zu um die Extrawünsche der Kunden zu kümmern. Nach Ansicht des Pfarrers von St. Johann, Sebastian Trenker, handelte es sich bei einer solchen Person um eine Eier legende Wollmilchsau, gleichzusetzen mit einem Wolpertinger - schlicht und einfach unmöglich, weil - ein Fabelwesen.

Aus St. Johann und Umgebung hatte sich auch niemand gefunden, der diesen anstrengenden Dienst auf sich nehmen wollte, doch tatsächlich meldete sich eine junge Frau aus München. Elisabeth Kannegießer konnte hervorragende Zeugnisse vorweisen, war jedoch seltsam wortkarg, als der Sepp sie fragte, warum sie unbedingt in den kleinen Ort wechseln wollte, wo sie mit ihren Referenzen als Hotelfachkraft überall in großen Häusern eine Anstellung finden würde.

„Ich hab dafür persönliche Gründe“, hatte sie ruhig gesagt. „Bitte, sind Sie mir net böse, aber das möchte ich gern für mich behalten. Ich kann und will arbeiten, und ich habe auch keine Probleme, wenn es mal ein bisserl mehr wird.“

Das war Musik in den Ohren vom Reisinger, er hatte keine weiteren Fragen, dafür aber eine neue Angestellte.

Lisa, wie Elisabeth meist nur gerufen wurde, hatte sich vorgenommen, ein neues Leben anzufangen, und viel Arbeit war in diesem Fall sicher die beste Medizin, um alles, was vorher war, vergessen zu machen.

Sie schaute sich um. Ihr Zimmer war gemütlich und freundlich, der Empfang im Hause herzlich. Eigentlich sollte ihr Dienst erst am Montag beginnen, heute war Freitag, doch sie war der Meinung, dass es nicht schaden konnte, sich schon mal mit dem zukünftigen Arbeitsplatz vertraut zu machen.

So kam es, dass sie schon gut eine halbe Stunde später in der Gaststube auftauchte, wo sie endgültig den Respekt vom Sepp erlangte, als sie ohne große Umstände ein Tablett nahm, um beim Servieren zu helfen.

 

 

2

Das vornehme Auto hielt mitten auf der Straße, und eine Dame stieg vom Rücksitz, unterstützt von einem jungen Mann mit braunen Haaren und einem fröhlichen Gesicht.

„Komm, Tantchen, das sind nur ein paar Schritte, und niemand wird dich sehen“, sagte er und bot ihr weiterhin galant die Hand.

„Jeder wird mich erkennen und sich fragen, warum ich so schauerlich aussehe“, fuhr sie ihn ungnädig an, doch er ließ sich durch ihren offensichtlichen Unmut nicht beeindrucken.

„Ach, nun stell dich nicht so an. Du bist in jeder Lage und mit jedem Aussehen eine wunderbare Frau, Tante Theresa. Du solltest stolz darauf sein, wenn dich alle erkennen.“

Nur bei näherem Hinsehen war zu erkennen, dass die Haut der etwa fünfzigjährigen Frau hässliche Pusteln und Flecken aufwies, die jedoch durch eine gute Kosmetik überdeckt worden waren.

Diese Frau war Theresa Semler, eine bekannte und beliebte Schauspielerin am Theater, die seit Jahren von vielen Menschen geschätzt wurde. Sie war im Grunde eine patente und klug Frau, die nur selten Starallüren zeigte. Doch seit fast zwei Monaten wurde sie von diesem hartnäckigen und hässlichen Ausschlag geplagt, der sie regelrecht unleidlich machte.

Der junge Mann an ihrer Seite war ihr Neffe Hannes, der die Arbeit als persönlicher Assistent, Sekretär, Berater und was auch immer ausübte. Er nahm ihre kleinen Schrullen mit Humor, besaß eine schier unendliche Geduld und war in seiner Arbeit ungeheuer tüchtig. Seiner Tante zu Liebe hatte er seine Arbeit in einer Bank aufgegeben, und diese Entscheidung hatte er bis heute nicht bereut.

Theresa hatte nach dem ersten Auftreten ihrer Krankheit sofort ihren besonderen Doktor konsultiert, der ihr jedoch nicht weiterhelfen konnte. Nun war Dr. Huber in Wirklichkeit kein Mediziner, sondern hatte seinen Doktor in Semantik gemacht, doch ein hastig absolvierter Kursus in Homöopathie befähigte ihn wenigstens, den menschlichen Körper zu erkennen. Und ein Doktortitel machte sich immer gut.

Doch er hatte in diesem Fall nicht weiter geholfen, nicht helfen können. Statt die Frau nun aber zu einem ordentlichen Arzt zu schicken, hatte er ihr eingeredet, dass nur ein Mann ihr helfen konnte - Alois Brandhuber in St. Johann, der Wunderheiler.

Das war der Grund, warum die Schauspielerin nun hier einkehrte. Hannes hatte Zimmer vorbestellt, und als Dame von Welt kam für sie nur das erste Haus am Platz infrage, das Hotel „Zum Löwen“, das gehobene Hotellerie zu bieten hatte.

Einige Leute auf der Straße blicken sich tatsächlich nach der ungewöhnlichen Frau um, doch niemand sprach sie an.

Im Gastraum saßen drei Männer am Stammtisch und unterbrachen kurz ihr Gespräch, einige andere Gäste tuschelten, offenbar hatte man Theresa Semler erkannt.

Hannes ging zielstrebig zum Tresen, wo Sepp Reisinger eifrig Gläser spülte.

„Semler ist mein Name, Grüß Gott. Ich habe Zimmer vorbestellt...“

„Ach, richtig, zum Hotel haben Sie aber den falschen Eingang, doch das macht nix. Grüß Gott auch, willkommen in St. Johann. Ist das Ihr erster Besuch hier? Dann will ich doch hoffen, dass Sie sich wohl fühlen werden. Kommen S', ich zeige Ihnen den Weg.“

Er warf Theresa einen milde neugierigen Blick zu und streckte die Hand aus.

„Herzlich willkommen, gnädige Frau. Wir werden alles tun, um Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Unsere Lisa wird sich darum kümmern, dass Ihnen jeder Wunsch erfüllt wird.“

Theresa wusste, was sie sich und ihrem Ruf schuldig war, sie erhob sich von den Stuhl, auf den sie sich gesetzt hatte, und schenkte dem Mann ein strahlendes Lächeln.

„Ich bin sicher, es wird mir gefallen.“

Sepp führte seine Besucher bis zur Rezeption, wo Lisa gerade eifrig in einer Akte schrieb. Sie war ganz vertieft in ihre Arbeit, blickte dann aber hoch und sah unvermittelt in das Gesicht von Hannes Semler. Zarte Röte färbte ihre Wangen. Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Ihm gefiel augenblicklich, was er sehen konnte.

Schulterlange blonde Haare umrahmten ein schmales regelmäßiges Gesicht, aus dem leuchtend blaue Augen jetzt etwas verlegen in die Welt starrten.

„Oh, Entschuldigung, grüß Gott, meine Herrschaften. Herzlich willkommen in St. Johann.“

„Schön, Sie kennen zu lernen...“, sagte Hannes und strahlte die Frau an. Erwartete, dass sie ihren Namen nannte.

„Lisa Kannegießer, aber Sie können natürlich Lisa zu mir sagen. Ich werde zusehen, dass Ihr Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.“

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, und sie fühlte sich seltsamen zu diesem Fremden hingezogen. Sie war jetzt seit zwei Wochen hier und fühlte sich ausgesprochen wohl, auch wenn sie noch wenig Kontakt zu anderen Menschen pflegte. Eigentlich fand in St. Johann jedermann Anschluss oder wenigstens Bekannte, mit denen die Freizeit verbracht werden konnte. Lisa ging wie die meisten Einwohner der Gemeinde zur Kirche, aber nicht einmal Pfarrer Sebastian Trenker, der gute Hirte von St. Johann, vermochte etwas über sie zu erfahren. Auffällig schien jedoch, dass sie jeden Tag lange Telefongespräche führte, nach denen sie manchmal ausgesprochen deprimiert wirkte.

Sepp Reisinger hatte versucht, sie zum Reden zu bringen, aber Lisa hatte sich der freundschaftlichen Annäherung entzogen. Es war dies das erste Mal, dass sie mehr als ein professionelles Lächeln zeigte, aber ihre Miene verschloss sich sofort wieder.

Hannes bemerkte den Rückzug, und er war enttäuscht. Hatte etwas falsch gemacht? Diese junge Frau gefiel ihm auf den ersten Blick, und er würde gern eine nähere Bekanntschaft pflegen, aber vielleicht war es auch noch zu früh dafür.

Seine Tante zog seine Aufmerksamkeit wieder voll auf sich, als sie im auftrug, dafür zu sorgen, dass ihrem Gepäck nichts passierte. Ein letzter Blick auf die bezaubernd schöne Frau, dann hatte Hannes wieder mehr als genug zu tun.



3

„Frau Tappert, ich möchte mit den Buben aus dem Hubertusbrunn einen Ausflug auf die Kandereralm machen.“ Pfarrer Trenker kam in die Küche des Pfarrhauses und schaute seiner Haushälterin bittend an.

„Und ich soll für die Bande die Brotzeit richten?“, fragte die Haushälterin, deren Kochkünste überall berühmt waren. „Wie viele Buben werden es denn sein?“, erkundigte sie sich gutmütig.

„Sagen wir mal, ein gutes Dutzend„, schmunzelte Trenker, der recht gut wusste, dass die gute Seele ohnehin so viel vorbereiten würde, dass auch noch mehr Teilnehmer versorgt werden konnten. „Morgen früh geht es dann los.“

„Weiß denn der Franz schon Bescheid? Dann kann er die Jungen gleich in die Arbeit nehmen, dann lernen die mal das anpacken.“

„Frau Tappert“, rief er gespielt empört. „Die Kinder sind hier, um Urlaub zu machen.“

„Das eine schließt doch das andere net aus“, gab sie trocken zurück. „Das täte selbst unser Herrgott sagen, Hochwürden, schließlich war unser Herr Jesus Zimmermann im alten Galiläa.“

Er schaute sie verblüfft an. „Geht es Ihnen gut, Frau Tappert?“, erkundigte er sich dann behutsam.

„Freilich geht es mir gut, wie sollte es mir auch anders gehen?“

Jetzt begann der Pfarrer sich ernsthafte Sorgen zu machen. Die gute Seele des Pfarrhauses schien in einer Krise zu stecken. Hatte er vielleicht manches als zu selbstverständlich hingenommen? Frau Tappert war eigentlich immer im Dienst, ebenso wie er selbst, sie hielt das Haus in Ordnung, sorgte täglich für ein hervorragendes Essen und verwöhnte die Gäste rundum, wie auch den Pfarrer selbst.

„Brauchen Sie vielleicht ein paar Tage Urlaub?“, fragte er vorsichtig und zuckte förmlich vor dem zornigen Blick zurück.

„Ich brauche keinen Urlaub net“, erklärte sie kategorisch.

„Kann ich sonst etwas für Sie tun?“

„Hochwürden, es gibt nix zu tun. Ich weiß gar nicht, was Sie im Moment haben. Also, ich werde die Brotzeit für die Buben vorbereiten, dann können Sie morgen aufsteigen.“

Nachdenklich ging der Pfarrer in sein Arbeitszimmer und beschloss, mit seiner Sonntagspredigt anzufangen, um danach noch auf eine Maß in den „Löwen“ zu gehen.

Rein zufällig fiel sein Blick auf den Terminkalender, auf dem für heute nichts eingetragen war - bis auf eine kleine Randnotiz, die er fast übersehen hatte. Geburtstag Tappert, stand da, und er schlug sich an die Stirn.

Wie hatte er das nur vergessen können? Seit Jahren war es ihm nicht mehr passiert, dass er einen so wichtigen Tag übersehen hatte. Wie hatte ihm nur ein solcher Fehler unterlaufen können? Kein Wunder, dass die Haushälterin so unleidlich wirkte. Normalerweise wäre er schon in der Frühe mit Blumen und einem Geschenk aufgetaucht. Jetzt hatte er so getan, als wäre es ein Tag wie jeder andere.

Ein Schmunzeln zog über das attraktive Gesicht des Geistlichen. Er würde Frau Tappert auch weiterhin im Glauben lassen, diesen Termin vergessen zu haben. Aber insgeheim wollte er dafür sorgen, dass noch eine Überraschungsparty zu Stande kam, wie sie die gute Frau Tappert noch nicht erlebt hatte.

Fröhlich schrieb er die ersten Zeilen seiner Predigt in das Buch, das er stets für seine Predigten benutzte, und dann machte er sich auf den Weg, um seinen Bruder Max in der kleinen Polizeistation aufzusuchen.

Max Trenker lachte seinem Bruder jedoch aus. „Was, du hast tatsächlich ihren Geburtstag vergessen? Unglaublich. Ich habe natürlich schon ein Geschenk. Mit der Frau Tappert mag ich es nicht verderben, die lässt mich sonst womöglich verhungern.”

Wohlig strich er sich über dem Bauch.

„Ein schöner Bruder bist du“, schimpfte Sebastian gutmütig. „Hättest ja auch mal was sagen können.“

„Ich? Hochwürden etwas sagen? Niemals“, lachte Max fröhlich auf.

„Also gut, ich hab's vergessen, aber da lässt sich bestimmt noch was tun.” Sebastian erläuterte seinen Plan und fand die Zustimmung von Max.

„Ich sage der Claudia Bescheid, dann werden wir uns schon darum kümmern, dass alles zusammenkommt. Die Frauen sind im organisieren ganz groß, und wenn so etwas aus heiterem Himmel kommt, dann haben sie erst richtig Spaß, auch wenn sie das nicht zugeben.”

Nachdem er hier schon einmal etwas in die Wege geleitet hatte, konnte der Pfarrer zum Löwen hinübergehen und bei einem Bier die nächsten Gäste für Überraschungsparty einladen.