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Über dieses Buch:

Tuscon, Arizona: Seit Jahren hatte Kali O'Brien keinen Kontakt zu ihrem Bruder, bis sie eines Nachts einen verzweifelten Anruf von John erhält: Er braucht ihre Hilfe. Am nächsten Morgen ist er tot, angeblich Selbstmord. Für die örtliche Polizei sind die Beweise erdrückend: John war der Hauptverdächtigte in einem brutalen Doppelmord und soll in das Verschwinden einer 16jährigen Ausreißerin verwickelt sein. Doch Kali ist sich sicher: John war kein Mörder. Sie beginnt, selbst zu ermitteln, und findet eine Spur, die sie ins brutale Milieu der Sexindustrie führt. Unterstützt wird sie dabei nur von Detective Erling Shafer – aber steht dieser wirklich auf ihrer Seite, oder folgt er ganz eigenen Interessen?

»Spannende Lektüre vom Allerfeinsten, die voller Überraschungen steckt!« Chicago Tribune

Über die Autorin:

Jonnie Jacobs ist eine amerikanische Krimi- und Thriller-Autorin. Sie hat ihren vormaligen Beruf als Rechtsanwältin aufgegeben, um sich voll auf das Schreiben zu konzentrieren und lebt mit ihrem Ehemann in der Nähe von San Francisco.

Jonnie Jacobs veröffentlicht bei dotbooks die Thriller »Tödliche Lüge« und »Der Witwer«.

Die Website der Autorin: www.jonniejacobs.com

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eBook-Neuausgabe Dezember 2019

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2007 Jonnie Jacobs

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »The Next Victim« bei Kensington.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2008 by RM Buch und Meien Vertrieb GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung zweier Bildmotive von © shutterstock / Plutus / Zwiebackesser

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96148-786-8

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Jonnie Jacobs

Tödliche Lüge

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl

dotbooks.

Kapitel 1

Der Anruf kam um kurz nach zwei Uhr morgens und riss Erling aus einem besonders schönen Traum. Als Ermittler bei der Mordkommission war er zwar daran gewöhnt, zu den unmöglichsten Uhrzeiten geweckt zu werden. Das Hirn einzuschalten kostete ihn trotzdem jedes Mal unsägliche Mühen. Mit geschlossenen Augen klammerte er sich an den letzten Rest Schlaf, bis der Kollege von der Leitdienststelle die Adresse des Tatorts durchgab – eine Adresse, die schmerzvolle Erinnerungen wachrief.

Im nächsten Augenblick war er hellwach.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, und unwillkürlich entfuhr seinen Lippen ein Laut, der Deena weckte. Obwohl sie sich schon lange nicht mehr von nächtlichen Anrufen aufschrecken ließ, warf sie Erling einen fragenden Blick zu. Er tat, als bemerkte er ihn nicht.

»Tut mir leid, Schatz«, sagte er. »Ich muss weg.«

»Was ist los?«

»Es gibt Arbeit für mich.«

»Was sonst.« Deena rollte sich mit einem Seufzer auf die Seite und wandte ihm den Rücken zu.

Das fahle Licht des Mondes beleuchtete ihre Konturen, und Erling nahm sich einen Augenblick Zeit, die vertrauten Rundungen ihres Körpers zu betrachten, den Wust rotbraunen Haars, das mit silbernen Strähnen durchzogen war. Manchmal, ganz selten, konnte er in ihr noch die fröhliche, anziehende Frau erkennen, die er vor zwanzig Jahren geheiratet hatte. Die meiste Zeit aber strahlte sie ihm gegenüber vorwurfsvolle Distanziertheit aus. Vor vier Jahren hatte das angefangen – als ihr Sohn Danny im Alter von elf Jahren mit dem Skateboard tödlich verunglückt war. Erling war sich nicht sicher, ob die Tragödie die Schwierigkeiten in ihrer Ehe verursacht oder nur Probleme ans Tageslicht gebracht hatte, die er nicht hatte sehen wollen.

Er steuerte das Badezimmer an, wo er rasch duschte, ehe er in eine Hose und ein Polohemd schlüpfte. Bevor er das Haus verließ, ging er noch einmal zu Deena, um sie sanft zu schütteln.

»Denk dran, Mindy muss um sieben aufstehen, weil sie noch für ihren Soziologietest lernen muss.« Ihre Tochter war inzwischen achtzehn, kam aber morgens immer noch nicht selbstständig aus dem Bett.

»Ich sorge dafür, dass sie rechtzeitig aufsteht.«

Er küsste Deena auf die Wange. »Einen schönen Tag.«

»Dasselbe würde ich dir auch wünschen, aber wenn der Tag mit einer Leiche anfängt, kann er wohl nicht mehr wirklich schön werden, oder?«

Vor allem, wenn man die Adresse des Tatorts bedenkt, dachte Erling, und sein Magen krampfte sich zusammen.

Dass das große Haus mit Ziegeldach im Canyon View Drive ein Tatort war, war nicht zu übersehen. Ein halbes Dutzend Polizeifahrzeuge standen davor. In der Einfahrt parkten der Gerichtspathologe mit seinem Transporter und die gesamte Spurensicherung. Der Hauseingang und Teile des Gartens waren mit gelben Polizeibändern abgesperrt. In der Luft kreiste bereits ein Hubschrauber mit Reportern.

Während Erling sich unter dem Absperrband hindurch bückte und ins Haus ging, überlief ihn ein Schauder aus Trauer und Sehnsucht. Bitte,flüsterte er, mach, dass es nicht sie ist.

Im Inneren empfing ihn ein Schlachtfeld. Die Schrankfronten aus Kirschbaum waren mit Fleischfetzen und Hirnmasse übersät. Die Terrakottafliesen verunzierte eine Pfütze aus dunkelrotem, klebrigem Blut. Eine blaue Vase, mundgeblasen, war vom Schreibtisch gestoßen worden, eine der Stehlampen war umgefallen, und der Schaukelstuhl lag auf der Seite. Erling verschlug es fast den Atem.

Auf der anderen Seite des Raums entdeckte er eine weibliche Gestalt, zusammengekauert an der Wand. Olivbraune Haut. Schwarze Locken, etwas mehr als schulterlang. Er spürte eine Welle der Erleichterung. Das war definitiv nicht Sloane.

»Die andere ist da drüben«, informierte ihn einer der uniformierten Beamten und deutete auf den Feldsteinkamin. Erling schoss ein Bild durch den Kopf: Sloane vor einem prasselnden Feuer, den Blick auf ihn gerichtet, langsam ihre blaue Seidenbluse aufknöpfend. Jetzt nicht daran denken,beschwor er sich. Cool bleiben und nicht daran denken.

»Sieht ziemlich schlimm aus«, warnte ihn der Polizist. »Ich konnte selber nur einen kurzen Blick darauf werfen.«

Erling schaute in die angewiesene Richtung und sah ein weibliches Bein mit einer Sandale am Fuß hinter dem Sofa hervorlugen. Eine Frau also, eine blonde Frau. Die Schuhe kannte er nicht, aber das hatte nichts zu heißen. Er hatte Sloane seit fünf Monaten nicht gesehen.

Im Nähergehen schickte er ein kurzes Gebet zum Himmel. Die Leiche lag ausgestreckt am Boden, Arme und Beine angewinkelt. Das Gesicht war weggeschossen. Erlings Magen zog sich im Krampf zusammen.

Es muss nicht sie sein. Man kann es erst mit Gewissheit sagen, wenn sie identifiziert ist.

In seinem Herzen aber wusste er es. Die Beuge ihres Nackens, das Muttermal auf ihrer Schulter, der Silberring mit dem Jadestein an ihrer rechten Hand. Mühsam versuchte er, den Kloß zu schlucken, der sich in seinem Hals bildete. Die zitternden Hände in seinen Jackentaschen verbergend, in der Hoffnung, dass niemandem etwas auffiel, bemühte er sich, die Erinnerungen aus seinem Kopf zu verbannen.

Erling überlief die vertraute Welle aus Wut und Trauer über diese sinnlose Tat. Man musste wohl so empfinden, in diesem Job. Doch diesmal kam hinzu, dass es ihm an professioneller Distanz fehlte. Dies war nicht irgendein anonymes Opfer. Das war eine Frau, die er in den Armen gehalten und geküsst hatte, mit der er gelacht, mit der er geschlafen hatte. Das war Sloane.

Michelle Parker – eine junge Kollegin mit der Hartnäckigkeit einer Bulldogge und seit einem halben Jahr seine Partnerin – hatte mit den Streifenpolizisten gesprochen, als er eintraf. Jetzt kam sie, ihren Notizblock in der Hand, von der Fensterfront im Wohnzimmer auf Erling zu, der im Durchgang zur Küche stand.

Sie strich sich eine kastanienbraune Strähne aus der Stirn. »Muss man einen Tag so beginnen?«

»Das gehört eben dazu«, blaffte er. Seine Brust war so eng, dass er kaum atmen konnte.

Michelles Miene verzog sich vor Erstaunen bei dieser unwirschen Reaktion. Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen ihnen, während sie ihn nachdenklich musterte. »Und manche ertragen es besser gelaunt als andere«, sagte sie schließlich.

Die Spannung, die plötzlich in der Luft lag, traf ihn mit der Schärfe einer Gummischleuder. Reiß dich am Riemen, Shafer. Sollen es vielleicht alle mitbekommen?

»Also, was haben wir?«, fragte er in verbindlicherem Ton.

Michelle sah auf ihre Notizen. »Die Meldung kam kurz nach Mitternacht rein. Einer Nachbarin war aufgefallen, dass die Beleuchtung den ganzen Tag über eingeschaltet war und niemand die Zeitung aus dem Briefkasten geholt hat. Sie rief im Haus an, und als niemand abnahm, ging sie rüber und klingelte an der Tür. Dann ging sie um das Haus herum und sah durch ein Fenster. Als sie auf dem Boden eine Frau entdeckte, wählte sie den Notruf.«

»Gibt es Hinweise auf die Identität der Toten?«

»Nichts Konkretes. Wahrscheinlich ist, dass die ältere der beiden Sloane Winslow ist. Es ist ihr Haus.«

Die ältere. Erling zuckte zusammen. Sloane war erst einundvierzig, zwei Jahre jünger als er, und viel zu schön, um als »älter« bezeichnet werden zu dürfen.

»Ihr Mädchenname war Logan.« Michelle wartete eine Sekunde. »Logan wie Logan Foods.«

Als er nicht gleich reagierte, fügte sie hinzu: »Die Lebensmittelkette.«

Erling ließ einen leisen Pfiff hören. Die Chance, einen Augenblick Zeit gewinnen. »Weißt du irgendwas über die Familie?«

»Ich wusste nicht mal, dass das ein Familienbetrieb ist, bis es mir die Nachbarin erzählt hat. Du?«

Der Augenblick der Wahrheit.

Oder auch nicht.

Er musste diese Ermittlungen abgeben, so viel stand fest. Er hatte mit einem der Opfer in Verbindung gestanden. In enger, emotionaler Verbindung. In hochemotionaler Verbindung. Die Vorschriften besagten, dass er die Ermittlungen jemand anders überlassen musste.

Aber das konnte er nicht. Nicht ohne sich zu erklären. Es würde sich herumsprechen. Deena würde davon erfahren. Sein Magen krampfte sich erneut zusammen. Er konnte nicht. Er konnte diesen Rettungsanker nicht ergreifen. Nicht nach Dannys Tod.

Außerdem wollte er den Dreckskerl, der das hier angerichtet hatte, höchstpersönlich zur Strecke bringen. Er musste das tun, für Sloane mehr noch als für sich selbst.

Michelle musterte ihn fragend. Sie wartete immer noch auf eine Antwort.

»Ich weiß auch nur, was in der Zeitung steht«, sagte er. Die Lüge brannte auf seiner Zunge. Vielleicht würden sie den Täter ja rasch finden und die ganze Sache schnell abwickeln.

»Na, dann schieß mal los.«

»Der Großvater hat die Firma hier in Tucson gegründet. Sloane Winslow und ihr Bruder Reed Logan besitzen zusammen eine Mehrheitsbeteiligung, aber Reed leitet die Firma. Winslow hat mit ihrem Mann in Los Angeles gelebt. Erst nach ihrer Scheidung vor ein paar Jahren ist sie nach Tucson zurückgekommen und hat sich in die Geschäfte eingemischt.«

»Hiesiger Name, hiesiges Geld.« Michelle furchte die Stirn. »Das gibt Schlagzeilen.«

»Das fürchte ich auch.« Sie tauschten einen Blick, und Erling sprach aus, was sie beide dachten. »Der Lieutenant wird uns vierteilen, wenn wir ihm nicht postwendend einen Verdächtigen präsentieren.«

»Können wir das denn?«

»Sag du's mir. Wie sieht's denn aus?«

Michelle blätterte ihre Notizen durch. »Von der Pathologie haben wir vorerst nur eine erste Einschätzung. Crawford meint, dass die Frauen zwischen vierundzwanzig und sechsunddreißig Stunden tot sind. Beide wurden von Schüssen aus geringer Distanz getroffen. Die ältere Frau in den Kopf. Die jüngere in Brust und Bein. Die Waffe war offenbar eine Schrotflinte.«

Erling spürte wieder, wie sich seine Brust verengte. Sloane, die Anmutige. Sie war immer hundertprozentig Frau, hundertprozentig sie selbst gewesen. Er mochte sich nicht vorstellen, welches Entsetzen sie empfunden hatte angesichts der Waffe, die sich auf sie richtete. Bilder schossen ihm durch den Kopf, Sloane, wie sie verzweifelt versucht, das Unvermeidliche abzuwenden. Einen Moment lang verschlug es ihm den Atem. Dann schüttelte er den Gedanken ab.

»Haben wir die Waffe?«, fragte er.

»Nein.« Michelle hielt inne und sah sich im Raum um. »Sieht so aus, als hätte ein Kampf stattgefunden, nicht? Aber auch zu zweit hatten sie keine Chance gegen diesen bewaffneten Scheißkerl.«

Erling brummte zustimmend. »Wer ist das zweite Opfer?«, fragte er und trat hinzu, um sich die Frau genauer anzusehen. Sie war um die zwanzig. Deshalb also war die andere »die ältere«.

»Die Nachbarin, die uns angerufen hat, ist die reinste Datenbank. Sie sagt, bei der Winslow habe eine junge Frau gelebt, eine gewisse Olivia Perez. Sie studierte hier an der Universität.«

»Verwandtschaft?« Soweit Erling wusste, hatte Sloane allein gelebt.

»Eine Untermieterin, denke ich.«

»Eine Untermieterin?«

»Ich weiß, das ergibt keinen rechten Sinn. Die Logans müssen steinreich sein.«

Mit Sicherheit mussten sie nicht untervermieten. »Was ist mit Spuren?« Erling betete im Stillen für einen minderbemittelten Täter. Einen, der Fingerabdrücke und Fasern hinterlassen hatte oder am besten gleich seinen Führerschein.

»Das wissen wir erst, wenn die Spurensicherung fertig ist. Aber ein älterer Herr aus der Nachbarschaft hat uns ein Fahrzeug beschrieben, das er am Dienstagabend hier gesehen hat. Ein silberner Porsche mit einem kaputten Rücklicht. Wenn Crawford mit seinem Todeszeitpunkt recht hat, würde das bedeuten, dass der Wagen zur Tatzeit hier war.«

Ein Augenzeuge war nicht ganz so gut wie ein Volltrottel als Täter, aber besser als nichts. Zumindest war ein Porsche kein Allerweltsauto. »Hat er irgendjemand gesehen?«

»Er meint, der Fahrer dürfte männlich gewesen sein, sicher war er aber nicht.«

»Was ist mit den anderen Nachbarn?«

»Nichts bislang. Die Häuser hier stehen ziemlich weit auseinander.«

Gerade das hatte Sloane an diesem Teil von Tucson geschätzt. Das Viertel war nicht so nobel wie einige der neueren, geschlossenen Wohnanlagen, dafür standen die Häuser auf riesigen Grundstücken – mit bis zu viertausend Quadratmetern –, und die Bepflanzung war inzwischen so weit gediehen, dass die Häuser voneinander durch einen natürlichen grünen Sichtschutz getrennt waren. Einmal hatten sie sich draußen im Garten geliebt, unter dem schwarzen sternenübersäten Firmament. Erling dachte an die warme Brise, die ihre Haut gestreichelt hatte, den Fliederduft in Sloanes Haar und die raue Struktur der Picknickdecke, auf der sie gelegen hatten.

Der Fotograf von der Spurensicherung griff in seine Zubehörtasche. »Ich wäre dann fertig, wenn Sie nichts Spezielles mehr brauchen.«

»Haben Sie Fotos und Videos?«, fragte Erling. Seine Stimme war rau, so sehr bedrängten ihn die Erinnerungen.

»Beides. Die Leichen auch, hab ich mit Crawford zusammen gemacht.«

»Wann können wir das sehen?«

»Reicht heute Nachmittag?«

»Schneller geht's nicht?«, hakte Erling nach.

Der Mann steckte die Verschlusskappe auf sein Objektiv. »Nein, tut mir leid.«

»Tja, dann muss es eben reichen.« Er wandte sich Michelle zu. »Hat schon jemand die Verwandten verständigt?«

»Boskin und Dutton sind auf dem Weg zu dem Bruder. Vielleicht weiß er ja etwas über das Mädchen.«

»Hoffen wir's.«

Sie machten sich unabhängig voneinander daran, den Tatort abzugehen, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen und Skizzen zu machen. Erling holte seine kleine Digitalkamera heraus und nahm den Raum aus zahlreichen Perspektiven auf. Der Mann von der Spurensicherung lieferte saubere Arbeit ab, aber Erling wollte zusätzlich eigene Bilder haben. Sie halfen seinem Gedächtnis auf die Sprünge und füllten die Lücken in seinen Skizzen.

»Und, was meinst du?«, fragte Erling zwischendurch. »Was ist dein erster Eindruck?«

Michelle balancierte zwischen Fersen und Ballen hin und her und legte die Stirn in Falten. Sie trug eine dunkle, eng anliegende Hose und eine cremefarbene Seidenbluse, die lose über ihre Brüste fiel – ihre Standardmontur, mit der sie grundsätzlich zur Arbeit kam, selbst wenn sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt wurde.

Er hatte ursprünglich nicht mit ihr zusammenarbeiten wollen, weil er sie für ungeeignet hielt, wenn nicht gar für unfähig. Doch letztendlich hatte er eingesehen, dass sie trotz ihres Traumkörpers und ihrer sanften braunen Locken genau so ernsthaft und engagiert arbeitete wie jeder andere. Manchmal sogar ein bisschen zu engagiert.

»Ich würde sagen, die Chancen stehen gut, dass Mrs Winslow ihren Mörder kannte«, fing Michelle an. »Entweder das, oder sie fand ihn so unverdächtig, dass sie ihn bedenkenlos hereinließ. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich der Täter gewaltsam Zutritt verschafft hat. Beide Opfer tragen Straßenkleidung, sie wurden also kaum mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Das Licht war an, und auf der Küchentheke steht eine offene Flasche Brandy.«

Ob sie einen neuen Liebhaber gehabt hatte?, überlegte Erling. Aber das Mädchen war im Haus gewesen. Da hätte Sloane sicherlich keinen Mann mitgebracht.

Michelle deutete auf Sloanes Leiche. »Sieht so aus, als wäre der Täter zuerst auf sie losgegangen. Während sie versuchte, ihn abzuwehren, kam die jüngere Frau überraschend hinzu. Er hat Mrs Winslow den Kopf weggeschossen, vermutlich stand er direkt neben oder vor ihr. Das Mädchen ... Ich schätze, die Autopsie wird ergeben, dass sie aus etwas größerer Entfernung erschossen wurde.«

»Nicht schlecht für ein Greenhorn«, lobte Erling. Michelle hatte zuvor in Phoenix als Assistentin gearbeitet, ehe sie nach Tucson kam, um die Stelle als Kriminalbeamtin beim Morddezernat der Polizei von Pima County anzutreten.

Sie quittierte das Kompliment mit einer kaum merklichen Kopfbewegung. »Heißt ja noch nicht, dass es auch stimmt.«

»Das nicht, nein, und man tut gut daran, das nicht zu vergessen.«

»Man verrennt sich zu leicht in eine bestimmte Richtung«, sagte sie und betete damit einen von Erlings Lieblingsleitsprüchen herunter, »und übersieht dabei das Wesentliche.«

»Sieht so aus, als hättest du den Spruch wirklich verinnerlicht.«

»Kann man so sagen«, gab sie zurück, diesmal mit dem leichten Anflug eines Lächelns. »Sollen wir jetzt den Rest des Hauses überprüfen?«

Erling machte einen tiefen Atemzug, um sein Herzklopfen zu beruhigen. Sloanes Haus. Sloanes Sachen. Zimmer, erfüllt von bittersüßen Erinnerungen. Ob er das schaffte?

Schließlich nickte er. »Ja, warum nicht.«

Eine Durchsuchung des Hauses gehörte bei Fällen wie diesem zur Standardprozedur. Die Spurensicherung inspizierte den Tatort selbst, doch eine sorgfältige Durchsuchung persönlicher Gegenstände offenbarte sehr viel über das Leben des Opfers. Manches war interessant, das meiste davon für den Mord irrelevant, doch manchmal hatte man Glück – und fand ein Rezept, eine Telefonnummer, ein Foto, irgendeinen winzigen Hinweis, der zum Mörder führte.

Doch normalerweise kannten sich Opfer und Ermittler nicht.

Erling und Michelle verbrachten die nächsten vierzig Minuten damit, Schränke, Ordner, Kommoden, Papierkörbe und Arzneischränke zu durchwühlen. Erling verspürte permanent die leise Furcht, etwas zu finden, das auf seine Besuche in diesem Haus hindeutete, und hatte gleichzeitig Angst, Sloane könnte die Erinnerung an ihn ausgelöscht haben. Es entlockte ihm beinahe ein Lächeln, als er in der mit lila Samt ausgekleideten Schmuckschublade den Anhänger aus Kupfer und Bronze fand, den er ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.

»Offenbar hatte sie was für modische Kleidung übrig«, bemerkte Michelle.

Erling zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.«

Er stoppte bei einem vertrauten Anblick auf Sloanes Schreibtisch: ein gerahmtes Foto von ihr mit ihrem Bruder Reed, das bei einer Grillfeier mit der Familie aufgenommen worden war. Ihr hellhäutiges Gesicht war praktisch faltenfrei, ihre blaugrünen Augen glitzerten vor guter Laune. So wie sie oft vor Schalk geglitzert hatten, erinnerte sich Erling. Er verspürte einen dumpfen Schmerz in der Magengrube, ein Sehnen tief in seinem Innern, das weniger mit ihrem Tod zu tun hatte als vielmehr mit dem Verlust, den dieser für ihn bedeutete.

Es war eine kurze Affäre gewesen, sechs Monate und vierzehn Tage hatte sie gedauert. Seit Mai war sie zu Ende. Er hatte sie umhechelt »wie eine dahergelaufene Promenadenmischung eine läufige Rassehündin« – das waren ihre Worte gewesen, und sie hatten sich ihm ebenso tief eingeprägt, wie sie ihn verletzt hatten. Auf sein Verhalten brauchte er wirklich nicht stolz zu sein. Das war ihm schon damals klar gewesen. Trotzdem hatte er versucht, sie dafür zu hassen, dass sie Schluss gemacht hatte. Und manchmal war ihm das fast sogar gelungen. Aber er hätte ihr niemals den Tod gewünscht.

Als Michelle und er mit ihrer Hausdurchsuchung fertig waren, ging die Sonne hinter den Bergen am Sabino Canyon auf. Der Morgen war Erlings Lieblingstageszeit. Dann war der Himmel blau und wolkenlos, weit und offen, die Luft mild und von der gleißenden Hitze des Tages noch nichts zu spüren.

Beim Verlassen des Hauses sah er, dass die Reporter sich schon in Stellung gebracht hatten. Ein Kameramann von einem der örtlichen Nachrichtensender streckte ihm ein Objektiv ins Gesicht. Sein Helfer hielt ihm ein Mikrofon entgegen.

»Detective Shafer«, rief der Reporter, »was können Sie uns zu dem Fall sagen? Wir wissen, dass in diesem Haus ein Doppelmord stattgefunden hat. War eines der Opfer Sloane Winslow?«

»Wir können zu diesem Zeitpunkt noch keine Verlautbarungen machen«, raunzte Erling.

Hoffentlich erreichten Boskin und sein Kollege Sloanes Familie, ehe sie aus dem Fernsehen von ihrem Tod erfuhren. Es bestand kein Zweifel, dass die Morde am nächsten Tag als Topmeldung über alle Sender gehen würden.

Kapitel 2

John O'Brien lenkte seinen Porsche 911 GT3 in die Tiefgarage von Logan Foods und bog vorwärts in den für ihn reservierten Parkplatz ein, sodass die Nase des Wagens auf das Schild an der Wand zeigte: FIRMENLEITUNG. Seine linke Kieferhälfte war immer noch taub von dem Besuch beim Zahnarzt am selben Morgen. Er prüfte sich im Rückspiegel auf Speicheltropfen und wischte ein Bröckchen Amalgam von der Wange, ehe er Aktenmappe und Jackett vom Beifahrersitz nahm.

Leicht verärgert stellte er fest, dass Reed Logans Stellplatz leer war. John war in Rekordtempo von der Zahnarztpraxis weg, um pünktlich um 13.00 Uhr zu ihrer Telefonkonferenz mit Goldman Sachs da zu sein – und Reed war noch nicht einmal vom Mittagessen zurück. Da Pünktlichkeit keine von Reeds hervorstechenden Tugenden war, überraschte ihn das nicht. Aber eigenartig war es trotzdem. Zumindest A. J. Nash, ihr Justiziar, würde da sein, wahrscheinlich wie immer besser vorbereitet als alle anderen zusammen.

John ließ den Haupteingang links liegen und nahm den kleinen Seiteneingang, über den man direkt zu den Büros der Führungsebene gelangte. Auf diese Weise ersparte er sich das höfliche Begrüßungslächeln für Empfangsleute und Bürokräfte. Als er sich seinem Büro näherte, tuschelte Alicia, seine Sekretärin mit den langen blutroten Nägeln, mit Reeds Sekretärin, deren umwerfende Figur den Zustand ihrer Fingernägel irrelevant machte. Die beiden Frauen tupften sich mit Papiertüchern die Augen. Bestimmt wieder mal Zoff mit einem Kerl, mutmaßte John. Es gab im Schnitt einmal im Monat einen neuen.

»Oh, Mr O'Brien«, stieß Alicia schniefend aus, »ich bin so froh, dass Sie da sind.«

Vielleicht doch kein Kerl. Ob in einem der Märkte etwas passiert war? Das würde auch Reeds Abwesenheit erklären. John spürte, wie sich in seiner Brust alles zusammenzog. Er hatte ohnehin schon genug Probleme mit dem Vorstand.

»Ich hatte doch Bescheid gesagt, dass ich später kommen würde«, sagte John. Nur falls A. J. oder Reed sich über seine Abwesenheit beschwert hatten.

»Haben Sie es denn noch nicht gehört?«

»Was denn?«

»Na, von Mrs Winslow. Es war in den Nachrichten.«

»Sloane? Was ist denn mit ihr?«

Alicia erstickte einen Schluchzer. »Sie ist tot.«

In Johns Kopf begann sich alles zu drehen. Es dauerte einen Augenblick, bis die Information in sein Bewusstsein drang.

»Ermordet«, fügte Alicia hinzu.

Reeds Sekretärin stimmte mit ein, aber John hörte nichts von dem, was sie erzählte. Er hörte nichts als das Pochen seines Pulsschlags in seinen Ohren. Er klammerte sich an der Kante des Schreibtischs fest.

Sloane tot. Um Gottes willen.

Plötzlich bemerkte er, dass die Frauen verstummt waren und ihn prüfend ansahen. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Mr O'Brien?«, erkundigte sich Alicia. »Setzen Sie sich doch.«

»Mir geht's gut.« Er schluckte. »Ich stehe nur unter Schock, das ist alles.«

»So wie wir alle.«

»Wie ist das passiert?«

»Sie war zu Hause. Es soll irgendwann Dienstagnacht gewesen sein. Mr Logan musste sie identifizieren ...« Aus Alicias Augen quollen erneut Tränen. »Also, ihre Überreste. Man hat ihr den Kopf weggeschossen.«

»Dienstagnacht?«

Reeds Sekretärin nickte. »Mr Logan hat von zu Hause aus angerufen, um uns zu informieren. Er wird heute nicht kommen.«

»Nein, natürlich nicht.« Der Boden unter Johns Füßen drohte sich zu öffnen. Er murmelte etwas über Absagen der Telefonkonferenz, stürzte in sein Büro, wo er sich auf den Schreibtischstuhl fallen ließ, um blind an die Wand gegenüber zu starren.

Sloane war tot.

Sie war so lebendig gewesen, als er an dem Abend von ihr weggegangen war – hitzköpfig und ungeduldig wie üblich. Einen wahren Wirbelsturm aus Anklagen und Forderungen hatte sie entfacht. Wie konnte sie jetzt tot sein?

Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, von Sloane mit fünfzehn. Er war damals in seinem ersten Semester an der University of Southern California gewesen, und Reed hatte ihn an Thanksgiving zu sich nach Hause eingeladen. Sie waren Zimmergenossen gewesen, Blutsbrüder und so strotzend vor Selbstbewusstsein, dass sie mit den Füßen kaum mehr den Boden berührten.

Aber Sloane war nicht im Mindesten beeindruckt gewesen. »Ein Blender ist dein Kumpel«, hatte sie zu ihrem Bruder gesagt. »Genauso ein Hohlkopf wie du.«

Man hatte damals schon gesehen, dass sie eine Schönheit werden würde trotz der dicken Brillengläser, der Zahnspange und den Teenagerlaunen. John sah sie vor sich, eine Hüfte zur Seite geschoben, die Arme verschränkt, wie sie gegen die Übel des Kapitalismus wetterte und gegen engstirnige Menschen, die nach ihrem Dafürhalten etwa neunundneunzig Prozent der nationalen Bevölkerung ausmachten.

Mit achtzehn legte sie Brille und Spange ab, ebenso die meisten ihrer radikalen Ansichten. Und John machte die Erfahrung, dass sie im Bett nie launisch war.

Am Dienstag aber hatte sie ihn ganz schön angefaucht. Er zuckte zusammen bei dem Gedanken an diesen bitterbösen Schlagabtausch. Ihre letzte Begegnung, wie ihm mit Entsetzen klar wurde.

»Fahr zur Hölle, Sloane.«

Sie hatte ihn mit ihren meergrünen Augen angesehen und ihr Kinn ganz leicht gehoben. »Das kannst du jetzt leicht sagen. Es ändert aber nichts an den Tatsachen. Die eigentliche Frage lautet: Was für ein Bastard bist du?«

John presste die Handflächen gegen seine Augen und versuchte, nicht an das zu denken, was ihren Streit ausgelöst hatte. Diesmal würde er nicht weglaufen.

Er setzte sich auf und sah auf die Uhr. Volle Stunde. Er schaltete das Radio ein und wartete unerträglich lange fünf Minuten mit überregionalen Meldungen bis zur Wettervorhersage, bevor der Sprecher endlich zu den Lokalnachrichten kam.

»Die Polizei hat bestätigt, dass Sloane Logan Winslow sowie eine zweite weibliche Person in der Nacht zum Mittwoch im Haus von Mrs Winslow in Tucson ermordet wurden. Mrs Winslow war stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Logan Foods. Zusammen mit ihrem Bruder Reed Logan hielt sie eine Mehrheitsbeteiligung an der familiengeführten Lebensmittelkette, die vor allem im Südwesten der Staaten Filialen betreibt. Die Identität des zweiten Opfers wurde noch nicht bekanntgegeben. Die Polizei verfolgt mehrere Spuren, hat aber noch keinen Tatverdächtigen. Die Anwohner fürchten um ihre eigene Sicherheit und wurden von der Polizei zu besonderer Vorsicht aufgerufen. Allerdings gehen die Behörden bislang davon aus, dass es sich bei dem Täter um eine Person aus dem Umfeld der Opfer handelt.«

Damit wandte sich der Sprecher anderen Themen zu.

John war wie betäubt. Er hätte jetzt zu Reed gehen müssen, um ihm sein Beileid auszusprechen. Aber zuerst musste er seine eigenen Gefühle unter Kontrolle bekommen. Schock, Unglaube, Trauer, die sich in seinem Innern zu einem zähen Brei verdichteten.

Und – ja, in einem Hinterstübchen seines Hirns regte sich noch etwas anderes. Ein Gedanke wie ein Funke, da und schon wieder weg. Um ihn schließlich zu erfassen wie ein Waldbrand, angepeitscht von stürmischem Wind.

Er würde selbst in die Sache hineingezogen werden.

In seinem Magen breitete sich ein Gefühl des Unbehagens aus.

Sollte er Kali anrufen? Seine kleine Schwester, die Überfliegerin, war Rechtsanwältin in Kalifornien. Sie standen sich nicht unbedingt nahe, aber sie würde ihn auch nicht hängenlassen. Andererseits wollte er nicht, dass sie dachte, er riefe sie nur an, weil er Hilfe brauchte.

Er brauchte keine Hilfe. Noch nicht.

Schließlich gab er Alicia durch, dass er jetzt zu Reed fahren werde.

John stand vor der stattlichen Villa im mediterranen Stil. Es war Reeds Frau Linette, die ihm die Tür öffnete.

»Störe ich?«, fragte John. »Ich habe von Sloane gehört.«

»Nein. Ich denke, es wird Reed guttun, dich zu sehen.« Linette Logan trat zurück und ließ John in das kühle Innere treten. Sie war Anfang dreißig, über zehn Jahre jünger als ihr Mann, und hatte ein zartes Gesicht, umrahmt von glatten, kohlrabenschwarzen Haaren. Obwohl der Tag sicherlich konfus begonnen hatte, sah sie aus, als hätte sie sich mit ihrer Erscheinung richtig Mühe gegeben. Ihre Baumwollbluse und die khakigrünen Caprihosen waren frisch gewaschen und gebügelt, der blaue Gürtel, Ohrringe und Sandalen sorgfältig aufeinander abgestimmt. Ihre Lippen schimmerten rosa.

»Wie geht's ihm?«, erkundigte sich John. Wahrscheinlich hätte er Linette auch kondolieren sollen, allerdings bezweifelte er, dass Sloanes Tod sie überhaupt tangierte. Er hatte bislang immer den Eindruck gehabt, dass sie sich sowieso für niemanden interessierte außer für sich selbst.

Sie machte eine unbestimmte Geste. »Ich glaube nicht, dass er es schon richtig begriffen hat. Komm rein«, sagte sie und ging voran. »Er ist im Garten hinten. Streicht den Pavillon.«

»Er streicht den Pavillon?«

»Frag nicht. Ich schätze, es ist seine Art, mit der Situation klarzukommen.«

Sie traten in den Garten hinaus, und John war wie immer beeindruckt von der Weite und der grünen Üppigkeit dieser parkähnlichen Landschaft. Ein ländlicher Garten im englischen Stil mitten in der Wüste von Arizona.

Reed rutschte auf den Knien herum und verteilte mit einem breiten Pinsel wild Farbe auf den Bodendielen. Sein dünner werdendes blondes Haar klebte ihm an der Stirn, und der Rücken seines Hemdes war nass von Schweiß.

»Schatz«, sagte Linette, »John ist da.« Sie schwieg verunsichert. »Ich lass euch beide allein. Ruft, wenn ihr was braucht.« Dann ging sie ins Haus zurück.

Reed hockte sich auf die Fersen und wischte sich mit dem gesprenkelten Unterarm über die Stirn. Sein längliches Gesicht war übersät mit Farbtupfern. »Es ist viel zu heiß, um draußen zu arbeiten.«

»Ja, das stimmt.« John räusperte sich. »Ich habe es aus dem Radio erfahren. Ich war heute Morgen beim Zahnarzt. Unfassbar, ich kann es einfach nicht glauben.«

»Du nicht, ich auch nicht«, erwiderte Reed ruppig. »Zum Kotzen.« Trotz seiner Klage über die Hitze tauchte er den Pinsel wieder in die Dose und setzte seine Arbeit fort.

John fühlte sich hilflos. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Du bist gekommen. Das sagt schon viel. Das meine ich im Ernst.«

»Weißt du, was passiert ist?«

»Ich weiß nur, dass heute Morgen in aller Frühe die Polizei hier aufgekreuzt ist, um mir mitzuteilen, dass Sloane ermordet wurde. Sie und eine andere Frau, vermutlich Olivia Perez, das Mädchen, das für sie geputzt hat. Ich musste mitgehen und Sloanes Leiche identifizieren.« Reed stieß wütend den Pinsel gegen den Eckpfosten und stand auf. Seine große, knochige Gestalt wirkte auf einmal zerbrechlich.

»Es war schrecklich«, sagte er. »Schlimmer als alles, was du dir vorstellen kannst.«

Schon das, was er sich vorstellte, erschien ihm schlimm genug. Er spürte, wie er zitterte. »Wie ist es dazu gekommen? Haben die irgendeine Idee? Im Radio klang es, als wäre es auf jeden Fall kein Raubüberfall gewesen.«

Reed schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig die Schultern. »Die haben mir nicht viel gesagt. Ein Detective Shafer kam vorbei und stellte noch ein paar Fragen. War sie mit einem Mann liiert? Wer könnte Interesse an ihrem Tod haben? Hat sie Drogen genommen? Hatte sie irgendwelche abartigen Neigungen? Solches Zeug. Der hat mir nichts gesagt, gar nichts, außer, dass er meinen Verlust bedauert. Das sollte mich wohl trösten.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass die Polizei bis jetzt selbst noch nicht viel weiß.«

Reed seufzte und wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab. »Nein, wahrscheinlich nicht. Aber offenbar hat ein Nachbar am fraglichen Abend ein Auto vor dem Haus gesehen, das er nicht kannte.«

»Das könnte ja etwas sein.« John spürte ein beunruhigendes Flattern in der Magengrube.

»Sie haben auch Fragen über die Firma gestellt«, fuhr Reed zögernd fort. Er schwieg einen Augenblick. »Ich musste ihnen sagen, dass Sloane dich raushaben wollte. Das hätten sie sowieso früher oder später erfahren.«

»Es ist ja kein Geheimnis, dass wir über die Expansion unterschiedliche Ansichten hatten«, entgegnete John. Sloane hatte nie damit hinter dem Berg gehalten, dass sie ihn aus der Firma haben wollte. Für die Polizei wäre das natürlich das Motiv schlechthin. Das Unbehagen in seinem Innern verstärkte sich.

»Es war mir trotzdem unangenehm, es sagen zu müssen.«

John nickte. »Wir waren zwar vielleicht wie Feuer und Wasser, aber im Grunde habe ich sie immer wie eine Schwester geliebt.«

»Nicht immer wie eine Schwester«, korrigierte Reed mit einer Grimasse, die unter anderen Umständen ein Lächeln gewesen wäre. »Komm, wir gehen rein, da ist es kühler.«

Sie ließen sich in dem zum Garten gewandten Wohnzimmer nieder, und Reed holte zwei eisgekühlte Flaschen Bier aus dem Barkühlschrank. »Manchmal wünschte ich, es wäre besser gelaufen zwischen euch«, sagte er. »Du hättest einen wesentlich besseren Schwager abgegeben als dieser Klugscheißer, den sie geheiratet hat.«

»Wir waren jung«, meinte John lahm. Ein bisschen komplizierter war es natürlich schon gewesen. Komplizierter, als sie alle damals geahnt hatten.

»Ach, du warst dumm. Mit ihrer besten Freundin ins Bett zu steigen. Mannomann, ich kann's immer noch nicht glauben, dass du das getan hast.«

John hob die Hände in gespielter Kapitulation. »Ich war ein Mistkerl. Ich geb's zu. Sloane hatte etwas Besseres verdient.« Etwas Besseres, als ermordet zu werden, allemal.

»Weißt du noch, wie sie beim Reden immer den Faden verlor?« Reed gluckste. »Ihre veganische Phase, dann die Phase, als sie nichts kaufte, was nicht gebraucht, recycelt oder zumindest dem Ablaufdatum gefährlich nahe war?«

»Vergiss nicht ihren Kreuzzug gegen das Aussterben irgendeiner bedrohten Mausart.« John begann zu lachen, verstummte aber gleich wieder. »Mein Gott, ich kann es einfach nicht fassen.«

Reed nickte düster, auf sein Bier starrend. »Sie konnte manchmal eine ganz schöne Plage sein. Vor allem nachdem sie wieder in Tucson war und beschloss, in der Firma mitzumischen. Aber sie gehörte eben zur Familie. Geschwister sind schon komisch. Man kann sich streiten, dass die Fetzen fliegen, aber letztendlich fühlt man immer diese Bande.«

»Bei euch ist das vielleicht so.« John und seine Schwestern stritten nicht. Sie redeten nicht einmal miteinander. Wobei – mit Sabrina war es so, dass sie redete und er zuhörte und hin und wieder versuchte, ein Wort einzustreuen. Aber Kali und er hätten ebenso gut auf verschiedenen Planeten leben können. Kali war Sloane ein bisschen ähnlich, fand John, jetzt da er darüber nachdachte. Beide dominant und kritisch. Kluge, attraktive Frauen, richtig tolle Frauen eigentlich, solange man nicht zu oft mit ihnen zusammentraf. Vielleicht lag der Fehler ja auch bei ihm. Das hatten ihm beide oft genug vorgehalten.

Früher hatte ihm das alles nichts ausgemacht, aber mit zunehmendem Alter begann er zu bedauern, dass er nicht engere Familienbande hatte. Er wusste nur nicht, wie er die Kluft überbrücken sollte, ob das nach all den Jahren überhaupt noch möglich war.

»Bei euch doch auch«, beharrte Reed. »Sobald du sie brauchen würdest, wären sie da.«

John hoffte, dass Reed recht hatte. So wie es aussah, stand die Theorie kurz vor dem Praxistest.

»Sloane hatte mir erzählt, dass ihr an dem Dienstag essen gehen wolltet«, fuhr Reed fort.

Die Polizei würde also auch davon erfahren. »Das war keine große Sache«, erklärte John. »Nach der Arbeit. Ich war um zehn schon wieder zu Hause.« Nachdem er wutschnaubend aus dem Restaurant gestürmt war. John fühlte wieder das Flattern im Magen. Bestimmt gab es Zeugen für ihre Auseinandersetzung.

»Komische Vorstellung, ihr zwei zusammen beim Essen.« Reed setzte ein Grinsen auf, doch dann zerfiel seine Miene. »Ach, verdammt, John. Wie oft hab ich sie auf den Mond gewünscht, und jetzt ist sie weg. Für immer.«

Reed beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. Seine Schultern bebten. »Ich danke dir, dass du gekommen bist, aber ich möchte jetzt allein sein.«

»Natürlich.« John war immer unsicher, wenn es um Körperliches ging, aber er hatte das Gefühl, dass dieser Moment eine Berührung verlangte. Er umfasste kurz Reeds Oberarm. »Gib mir Bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann.«

Im Auto schloss er die Augen und stieß einen Seufzer aus. Dann holte er sein Mobiltelefon heraus und rief Kali an. Es war schon viel zu lange her, dass er mit ihr geredet hatte. Außerdem war es nur eine Frage der Zeit, bis er sie ohnehin um Hilfe bitten musste.

Kapitel 3

Als Kali O'Brien aufwachte, schien die Sonne so gleißend grell, dass sie trotz geschlossener Lider blendete. Sie rollte sich auf die Seite, schirmte sich mit einem Zipfel ihres Schlafsacks ab und öffnete vorsichtig ein Auge. Angesichts der Schönheit dieses Morgens musste sie unwillkürlich lächeln. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen auf, sie erleuchtete die taufeuchte Wiese und verwandelte die dumpfen Grautöne der Dämmerung in ein Meer der Farben. Die kühle Morgenluft roch frisch und nach Kiefernharz. Um sie herum begrüßten zahlreiche Vögel den jungen Tag mit ihren Liedern. Kali beugte sich über Bryce neben ihr und schüttelte ihn an der Schulter.

»Mh? Was?« Er schlug die Augen auf und schloss sie gleich wieder. »Puh, mach doch mal das Licht aus.«

»Das ist die Sonne, Dummerchen. Es ist Morgen.«

Bryce blickte mit einem Brummen auf die Uhr. »Gerade so. Und es ist eiskalt.«

Mit der Temperatur hatte er Recht. Kalis Atem bildete Wölkchen vor ihrem Mund. In 2300 Meter Höhe war es Ende September abends und morgens schon ziemlich frisch, auch wenn es sich über Tag noch angenehm erwärmte.

»Hast du gut geschlafen?«, fragte Bryce.

»Wie ein Murmeltier. Und du?«

»Ich auch. Und ich bin auch noch nicht fertig damit.« Er deutete ein Lächeln an und drehte sich dann auf die Seite, um seinen Kopf unter das Kissen zu stecken.

Kali überlegte kurz, ob sie ihn wachkitzeln sollte – hätten sie, statt in Schlafsäcken, in freier Natur in einem gemütlichen Bett gelegen, hätte sie das sicherlich getan. Aber so war sie selbst nicht unbedingt begierig darauf, sich aus den warmen Daunen zu schälen.

Nach drei Tagen Ausflug war sie immer noch nicht sicher, ob sie sich wirklich wohlfühlte. Ein Freund von Bryce hatte ihnen seine rustikale Hütte in der kalifornischen Sierra – genauer gesagt in einer Gegend, die »Desolation Wilderness« hieß – angeboten. Sie war skeptisch gewesen. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toilette, keine Betten – das hatte in ihren Ohren nicht wirklich nach Urlaub geklungen. Außerdem war sie kein Fan von öder Wildnis. Aber Bryce war sofort Feuer und Flamme gewesen und hatte sie mit seinen Geschichten von Pfadfindercamps aus seiner Jugend zum Lachen gebracht, sodass sie schließlich nachgegeben hatte. Es war nicht so, dass sie noch nie solch einen Trip in die Berge gemacht hätte. Und nach ihrem letzten Prozess und der damit einhergehenden Konfrontation mit dem Tod brauchte sie dringend eine Auszeit.

Sie waren am späten Mittwochnachmittag angekommen, und Kali hatte sich sofort in diesen Ort verliebt. Er war alles andere als öde. Kiefernwälder, Wiesen, Bäche, ein Traum von einem See. Keine Motorboote, keine Jetskis, nur das leise Plätschern von Kanus, Kajaks und kleinen Segelbooten. Der See und die umliegenden Ferienhütten lagen in einer Senke am Fuß einer Bergkette, deren Felsspitzen hier und da noch mit Schnee gesprenkelt waren. Kali fand, dass die fehlende Elektrizität ein geringer Preis war für die Schönheit dieser Landschaft und dass man mit einem Eimer Quellwasser ziemlich weit kam.

Was sie störte, hatte nichts mit der Umgebung zu tun, sondern mit Bryce. Kali wollte sich im Urlaub vor allem entspannen. Sonne, Wasser, ein Badeanzug und ein gutes Buch dazu – damit war sie glücklich. Bryce dagegen kannte die Bedeutung des Wortes »Entspannung« nicht. In dem Moment ihrer Ankunft hatte er mit der Animation begonnen und seither keine Pause gemacht. Bislang war Kali nur einmal kurz in den See gesprungen. In dem dicken Krimi, den sie sich eigens für den Urlaub zugelegt hatte, war sie gerade einmal am Ende des zweiten Kapitels angelangt.

Sie entdeckte hier eine ganz neue Seite an diesem Mann, die ihr aber nicht unbedingt gefiel. Sie hatte von Beginn an gewusst, dass sie unterschiedlich waren. Ein Detective bei der Mordkommission und eine Strafverteidigerin. Ein Hüne mit einer angeblich langen Liste von Exfreundinnen und eine zarte Brünette mit einem latenten Misstrauen gegenüber Menschen im Allgemeinen und Männern im Besonderen. Ein Mann, der ganz schön draufgängerisch sein konnte, der immer haarscharf am Abgrund vorschlitterte, und eine Frau, die sich immer wieder anhören musste, dass sie kalt und rücksichtslos sei. Aber die Anziehungskraft zwischen ihnen hatte alle Gräben überwunden. Und meistens empfand es Kali auch heute noch so – nur manchmal hätte sie gern ein paar leidenschaftliche Küsse gegen ein oder zwei Stündchen romantisches Händchenhalten am Strand eingetauscht.

Im Übrigen war Bryce als Naturbursche nicht mehr ganz so gut wie in seiner Erinnerung. Das Herdfeuer, das sie am ersten Abend hustend aus ihrer Hütte getrieben hatte, war dafür der beste Beweis.

Kali spürte, wie Bryce sich regte. Er rollte sich auf ihre Seite und schlängelte einen Arm aus dem Schlafsack. Aber statt sie zu kitzeln, wie sie es erwartet hätte, zog er sie an sich und küsste sie auf die Nasenspitze.

»Das ist Leben, oder?«, sagte er.

»Ich muss zugegeben, es ist ziemlich schön.«

Sie rekelte sich wohlig in ihrem warmen Nest und überlegte, wie der Tag heute aussehen sollte. Einen lockeren Morgenspaziergang um den See, vielleicht ein Glas Wein zum Mittagessen, ein fauler Nachmittag am Strand.

»Wie wär's, wenn wir heute zu einem der oberen Seen hinaufwandern?«, fragte Bryce.

»Ich dachte, wie wollen es gemütlich angehen lassen.«

»Klar, wenn wir wieder zurück sind. Es sind nur vier Meilen hin.«

»Und vier zurück«, wandte sie ein.

»Bis zum Mittag sind wir wieder da.«

Kali stöhnte innerlich. Immerhin konnte sie nach einer Wanderung ihr Weinchen am Mittag straflos trinken. Und vier Meilen bewältigte sie im Schlaf. Das entsprach etwa der Strecke, die sie zu Hause jeden Morgen ins Büro ging. »Okay«, willigte sie schließlich ein. »Ist ja keine schlechte Idee.«

»Nimm dein Telefon mit, wenn du willst«, schlug Bryce vor. »Hinter dem See ist es nur noch eine Meile bis zum Pass. So nah am Gipfel dürfte der Empfang gut sein, mal ganz abgesehen von der fantastischen Aussicht.«

»Gute Idee.« Dass man hier keine Abrufe empfangen und tätigen konnte, war der einzige Nachteil an diesem Ort. Obwohl in der Kanzlei ihr Mitarbeiter Jared die Stellung hielt und Nachbarin Margot auf das Haus aufpasste, machte es Kali nervös, dass sie nicht erreichbar war. »Willst du auch telefonieren?«

»Ich nicht.« Er grinste. »Für mich bedeutet Urlaub, mal alles hinter mir zu lassen.«

Vier Meilen über Felsen zu klettern und dabei dreihundert Höhenmeter zu überwinden, das war etwas anderes als vier Meilen über die gepflasterten Gehwege von Berkeley zu spazieren. Mehrere Male bogen sie auch noch falsch ab, sodass sie letztendlich wesentlich mehr als vier Meilen zurücklegten. Als sie den oberen See erreichten, war es bereits zwölf Uhr. Kali hatte ihre Vorstellung von einem Mittagessen auf der Terrasse und einem gemütlichen Nachmittag am Wasser aufgegeben. Trotzdem war sie dafür, weiter bis zum Gipfel zu gehen – wenn sie schon einmal hier war, wollte sie wenigstens ihre Anrufe erledigen.

Der Weg zum Gipfel war steil und heiß, eine unablässige Folge von steinigem Auf und Ab. Dennoch war sie vor Bryce oben und wurde mit einem eindrucksvollen Panoramablick belohnt. Tief unter ihr erstreckten sich mehrere Seen im Westen der Sierra, im Osten mäanderte ein sanft abfallender Wanderweg durch eine Bergwiese, ehe er steiler in ein tiefes Tal abfiel. Sie genoss den herrlichen Anblick, während sie tief Luft einsog und ausstieß, um ihre Atmung zu beruhigen.

»Was hat dich aufgehalten?«, scherzte sie, als Bryce ein paar Minuten später auftauchte, schnaufend vor Anstrengung.

»Pass bloß auf, meine Liebe«, erwiderte er, »wenn du hier draußen in eine Schlucht stürzt, wird wahrscheinlich nie jemand davon erfahren ...« Er streifte sich den Rucksack vom Rücken und hielt ihr die Wasserflasche entgegen.

Auf Kali hatte die Kletterpartie anregend gewirkt, und sie war stolz, dass sie es bis zum Gipfel geschafft hatte. Dass ihre Pläne für den Nachmittag damit geplatzt waren, störte sie nicht wirklich. Sie reichte die Flasche zurück, griff nach ihrem Handy und erledigte mehrere Anrufe, während Bryce die Felsvorsprünge untersuchte.

»Irgendetwas Wichtiges?«, fragte er, als sie fertig war.

»Jared sorgt dafür, dass der Laden läuft, und Margot sagt, dass Loretta mich vermisst, aber das sagt sie nur, weil sie es gut mit mir meint.«

»Hunde sind treu«, bemerkte Bryce.

»Oh, Loretta ist treu, aber sie kann sich ganz gut arrangieren, wenn's zu ihrem Vorteil ist.«

»Also keine dringenden Nachrichten?«

»Nein. Mein Friseur will einen Termin verlegen, der Anlageberater, der mir schon seit einiger Zeit auf den Fersen ist, will einen vereinbaren, und mein Bruder hat sich mal wieder gemeldet.«

»John? Und? Hast du ihn zurückgerufen?«

Kali schüttelte den Kopf. »Wir haben seit Monaten nicht mehr miteinander geredet. Da kommt es auf ein paar Tage nicht an. Wir haben uns sowieso nichts zu sagen.«

»Warum ruft er dann an?«

»Was weiß ich? Wahrscheinlich hat ihn Sabrina unter Druck gesetzt.« Ihre Schwester lebte mit der irrigen Vorstellung, sie könnte jedermann nach ihrer Pfeife tanzen lassen.

Bryce bot Kali wieder das Wasser an und verschloss dann die Flasche, ohne selbst noch einmal zu trinken.

»Hast du keinen Durst?«

Er zuckte die Schultern. »Wir haben nicht mehr viel.«

Schon wieder geirrt. So wie in der Zeit, die sie zum See brauchen würden, und bei den verpassten Abzweigungen.

»Muss ich mir Sorgen machen?«, forschte sie.