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Über dieses Buch:

England im 12. Jahrhundert. Obwohl ihr Herz einem anderen gehört, wird die junge Megan zur Ehe mit Lord Solvey gezwungen, dem Herrn von Burg Radwick. Nun soll sie ihm so schnell wie möglich einen Erben schenken – denn nur so kann er seine Feinde im Schach halten, die ihre Hände nach seinem Besitz ausstrecken. Doch als Monate vergehen, ohne dass Megan schwanger wird, gerät sie unter immer größeren Druck. Ausgerechnet Erik, Lord Solveys persönlicher Berater, macht ihr in dieser Situation ein gefährliches Angebot: Er wird eine Nacht mit ihr verbringen, um das ersehnte Kind zu zeugen. Nur zu gerne würde Megan sich darauf einlassen, denn Erik ist jener Mann, den sie heimlich liebt. Aber bringt sie sich damit in tödliche Gefahr?

Über die Autorin:

Laura Bastian studierte Altgermanistik und Archäologie und arbeitete anschließend als Fernsehredakteurin. Heute ist sie freie Autorin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Ideen zu ihren mitreißenden Romanen kommen ihr ganz spontan im Bus, auf Spaziergängen oder beim Kochen.

Laura Bastian veröffentlichte bei dotbooks bereits »Die Sehnsucht der Pilgerin«.

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eBook-Neuausgabe Dezember 2019

Dieses Buch erschien bereits 2009 unter dem Titel »Die Rose von Radwick« bei Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2009 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/faestock und eines Gemäldes von Samuel Scott

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-96148-776-9

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Laura Bastian

Das Geheimnis der Burgherrin

Historischer Roman

dotbooks.

Kapitel 1

»Es ist ein ganz wunderbares Kleid!«

Ella trat einen Schritt zurück und betrachtete ihre Herrin zufrieden. Megan lächelte unsicher und starrte in den großen, polierten Spiegel. Ja, es war ein sehr schönes Kleid aus dunkelrotem Brokat mit eingewebtem silbernen Netzmuster. Der Ausschnitt war aufwändig mit Perlen verziert, die aber in Konkurrenz mit dem schweren Rubinhalsband um Megans Hals verblassten. An ihren Händen steckten verschiedene schwere Ringe und ihre Handgelenke waren mit zwei Armbändern aus Rotgold geschmückt. Megan spürte, wie das Gewicht des Metalls ihre Arme nach unten zog.

»Und, wie gefällt es Ihnen, Milady?« Ella sah sie erwartungsvoll an.

»Gut. Es ist ein schönes Kleid.« Megan warf einen letzten Blick in den Bronzespiegel. Die rote Pracht der Robe strahlte ihr entgegen und irgendwo dahinter war verschwommen das blasse, gedankenvolle Gesicht der Trägerin zu erkennen.

»Ich werde Dame Agnes sagen, dass Sie bereit sind.«

Megan blickte ihrer Zofe nach, als sie eilig aus dem Zimmer lief. Nervös spielte sie mit den Ringen an ihrer Hand.

Vier Tage lang war sie auf ihrem Zelter immer hinter Dame Agnes hergeritten, aus der Ebene ihrer Heimat in die felsige Landschaft ihrer Zukunft. Der zweite Lord von Solvey hatte einen beachtlichen Tross geschickt, um seine Braut heimzuholen. Der Zug umfasste mehr als 35 Teilnehmer. An der Spitze ritten sechs Bewaffnete in Paaraufstellung, gefolgt von einem Hauptmann, zwei Trompetenbläsern, dem Pferdemarschall und einem Waffenmeister. Dann kam Dame Agnes und dahinter Megan. Es folgten vier Hofdamen, zwei Geistliche, zahlreiche Bedienstete und Dutzende Packtiere. Den Schluss bildeten wiederum sechs Bewaffnete.

Nein, man konnte nicht sagen, dass sich ihr zukünftiger Gemahl hatte lumpen lassen. Heute Nachmittag nun hatten sie fast ihr Ziel erreicht und Megan würde ihren Bräutigam und ihr neues Heim mit eigenen Augen zu sehen bekommen. Der Beschreibung nach sollte Lord Solvey ein gut aussehender Mann von 29 Jahren sein, seine Burg und Ländereien waren in ausgezeichnetem Zustand, und wenn die Ausstattung der Reisegesellschaft den tatsächlichen Gegebenheiten entsprach, war ihr Zukünftiger sehr wohlhabend. Eine großartige Partie für die einzige Tochter eines verarmten Viscounts mit einer Schar hoffnungsvoller Söhne. Aus diesem Grund hatte Megans Vater dem Heiratsantrag für seine Tochter sofort zugestimmt, ohne sie auch nur um ihre Meinung zu fragen. Nicht, dass Megan etwas gegen diese Verbindung einzuwenden gehabt hätte oder es ihr etwas genützt hätte, wenn es so gewesen wäre.

Lord Solveys Angebot war ein Glücksfall für sie und deutlich mehr, als sie hatte erwarten können. Denn ihre Mitgift war sehr klein, und Megan nicht gerade das, was man eine Schönheit nennen konnte. Sie war nicht hässlich, eher durchschnittlich, unauffällig. Hoch gewachsen und dünn, entsprach sie nicht ganz der herrschenden Mode. Ihre Haare waren aschblond und sehr glatt und sie hatte braune Augen. Nichts war bemerkenswert an Megan, und so hatte bisher auch kein Verehrer sie zum Objekt seiner Anbetung gemacht. Einmal davon abgesehen, dass die Hofhaltung ihres Vaters so sparsam war, dass sich nur selten ein fahrender Sänger in ihre Festhalle verirrte.

Der einzige kleine Makel an ihrer vielversprechenden Ehe war die Tatsache, dass Lord Solvey seine erste Frau verstoßen hatte. In sechs Ehejahren hatte sie es nicht fertiggebracht, ihrem Gatten einen Sohn zu schenken oder auch überhaupt nur ein Kind. Megan konnte sich nicht erklären, warum die erste Lady Solvey nicht zustande bringen konnte, was der einfältigsten Küchenmagd öfter gelang, als ihr lieb war. Das Haus Solvey brauchte dringend einen Erben, und Megan wusste, was von ihr erwartet wurde.

Sie setzte sich vorsichtig auf die Kante eines Stuhls, um den kostbaren Stoff nicht zu zerdrücken. In wenigen Augenblicken würden sie zur letzten kurzen Etappe aufbrechen. Sie hatten in diesem Gasthaus Halt gemacht, damit Megan sich auf die Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann vorbereiten konnte. Lord Solvey würde sie auf halber Strecke abholen. Es gehörte zum guten Ton, seinen Gästen, in diesem Fall seiner Braut, entgegenzureiten und sie dann höchstpersönlich ins eigene Heim zu geleiten. Aus diesem Begrüßungszeremoniell konnten die großartigsten Umzüge werden, wenn sich Gastgeber und Gast gegenseitig beeindrucken wollten. Megan hörte, wie Dame Agnes die Treppe heraufkam. Es war so weit. Vor Aufregung brodelte es in ihrem Magen, und das schwere Halsband nahm ihr die Luft zum Atmen.

»Sehr schön, sehr schön!« Dame Agnes taxierte Megan kritisch. Ihr Mund war klein und spitz und üblicherweise missbilligend zusammengekniffen. Jetzt stülpten sich ihre Lippen rhythmisch vor und zurück, als wisse Dame Agnes nicht genau, wie sie das ihr unbekannte Gefühl der Zustimmung ausdrücken sollte.

»Gehen wir.«

Megan folgte der älteren Frau die Treppe hinunter. Dame Agnes war eine Verwandte von Lord Solvey und hatte die Heirat in die Wege geleitet. Sie war mit Megans Tante Blanche bekannt. Die Solveys hatten sich ihren Adelstitel erst während der normannischen Eroberung verdient. Megans Familienstammbaum war erheblich älter und das machte ihre mangelnde Mitgift wett. Es war daher eine Verbindung zu beiderseitigem Vorteil.

In dem gepflasterten Hof wartete schon der Rest ihres Zuges. Alle hatten sich für den Einzug in die Burg herausgeputzt. Megan stieg die kleine Trittleiter empor und ließ sich vorsichtig auf dem Sattel ihres Pferdes nieder. Ella und eines der Mädchen arrangierten die Falten des Gewandes, schüttelten ein paar Staubkörner aus dem Stoff und zupften so lange herum, bis alles perfekt saß. Nach einem abschließenden Kontrollgang von Dame Agnes setzte sich der Zug im Schritttempo in Bewegung.

Sie waren noch nicht weit geritten, als von Ferne Trompeten zu hören waren. Augenblicklich wurden sie von den beiden Trompetern in ihrem eigenen Zug beantwortet. Megan spürte, wie eine Welle freudiger Erwartung den gesamten Zug erfasste. Auch sie selbst wurde mitgerissen. Die Straße machte eine Biegung und gab den Blick auf eine große Burg frei, die in einiger Entfernung in der Sonne stand. Burg Radwick, der Sitz der Familie Solvey, war ein beeindruckendes Gebäude mit hohen Mauern und Zinnen. Und dann sah sie den Zug ihres Bräutigams, die bunten Wimpel hoben sich kräftig von dem Blau des Himmels ab. Megan hörte Musik und Gesang, der immer wieder von den Trompeten unterbrochen wurde. Aus den umliegenden Dörfern waren die Leute zusammengelaufen, um den Einzug der neuen Lady Solvey zu sehen. Sie säumten die Straße, klatschten und schwenkten bunte Tücher. Man warf händeweise kleine Münzen in die Menge, denn dies war ein Festtag und auch die einfachen Leute sollten sich freuen.

Ihr Zug teilte sich und fiel seitlich zurück, so dass Megan nun allein an der Spitze ritt. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie blickte zu dem Reiter, der ihr jetzt entgegenkam. Es war ein Bär von einem Mann auf einem großen, starken Rappen. Er hatte blonde Haare und einen kurzen, roten Bart. Seine Augen waren von einem stechenden Hellblau, und einen Moment lang nahmen sie Megans Blick gefangen. Sie hielt den Atem an.

»Willkommen auf Radwick.« Die dunkle Stimme war dem Umfang des Brustkorbes angemessen.

»Und hier ist Lord Solvey.« Der Mann bewegte sein Pferd zur Seite, und hinter ihm erschien ein prachtvoll gekleideter Reiter. Einen kurzen Moment blinzelte Megan verwirrt. Natürlich! Wie hatte sie nur annehmen können, dass der schlicht gekleidete Gefolgsmann Lord Solvey sein könnte. Die Beschreibung hätte auch gar nicht auf ihn gepasst.

»Willkommen, Lady Megan!« Lord Solvey lächelte, beugte sich vor und gab ihr einen formvollendeten Willkommenskuss auf die Wange. Auch Megan folgte dem höfischen Begrüßungsritual und küsste ihren Bräutigam. Sie spürte ein seltsames Gefühl der Ernüchterung, aber sie hörte nicht auf zu lächeln. Lord Solvey wendete sein Pferd, und sie ritten nun Seite an Seite an der Spitze des sich vereinenden Zuges, begleitet von Musikern und Sängern und dem Jubel der Menge.

»Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise?«

»Ja durchaus. Vielen Dank.« Megan betrachtete Lord Solvey. Er war, wie man ihn ihr beschrieben hatte: mittelgroß, schlank und gut aussehend. Sein braunes Haar war voll und zog sich nur an den äußeren Kanten der hohen Stirn zurück. Er war modisch glatt rasiert und war sicherlich ein stattlicher Mann, wenn es auch seiner Haltung – seine Schultern hingen leicht nach vorne – ein wenig an Spannung mangelte.

Der blonde, starke Mann, der sie als erstes begrüßt hatte, ritt nun hinter ihnen. Megan spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Wer mochte er sein?

Lord Solvey erkundigte sich sehr höflich nach dem Befinden ihrer Familie.

»Leider konnte meine Tante Blanche nicht mitkommen. Sie ist an einem Fieber erkrankt, und die Reise wäre zu beschwerlich für sie gewesen.« Lady Blanche war die Schwester ihres Vaters, und seit dem Tod ihrer Mutter war Megan ihrer Obhut anvertraut.

»Das tut mir leid zu hören. Wird sie nachkommen?«

»Ja, sobald es ihr Zustand erlaubt.« Megan hoffte im Stillen, dass das nicht allzu bald der Fall sein würde. Lady Blanche war eine missmutige, alte Jungfer von unberechenbarem Temperament. Megan hätte es niemals zugegeben, aber sie konnte Blanche nicht ausstehen. So war sie froh, ihr für einige Zeit zu entkommen.

»Sie sind sicher müde von dem langen Ritt, daher findet heute nur ein kleines Abendessen statt«, erklärte Lord Solvey, während er Megans Hand hielt.

»Morgen ist dann ja der große Tag!« Er lachte kurz auf. »Wir haben eine Zahl von Gästen, und ich bin sicher, dass Sie mit Ihrem Hochzeitsfest zufrieden sein werden, Lady Megan.«

Kapitel 2

»Welch ein gut aussehender Mann!«, begeisterte sich Ella einige Zeit später, als sie Megan zum Abendessen umzog. Megan nickte.

»Und so freundlich, er hat selbst mir zugelächelt«, fuhr ihre Zofe fort.

Ja, Lord Solvey war ein sehr freundlicher Mann, dachte Megan. Sie konnte sich nicht recht vorstellen, dass er es fertiggebracht hatte, seine erste Frau zu verstoßen. Andererseits wusste sie, wie wichtig es für ein adeliges Haus war, einen Erben zu haben. Megans Gedanken wanderten zu dem großen, blonden Mann, der sie als erstes begrüßt hatte. Er war ganz sicher nicht nur ein einfacher Gefolgsmann. Sie hatte ihn bei ihrer Ankunft beobachtet, und die Art, wie er Befehle erteilte, ließ keinen Zweifel daran, dass er eine entscheidende Position auf Burg Radwick innehatte.

Als sie wenig später in den mit zahlreichen Kerzen beleuchteten Saal trat, war sie überrascht, was Lord Solvey unter einem kleinen Abendessen verstand. Der Festsaal war der Größe der Burg angemessen und sehr geräumig. Die Decke der Halle war bunt bemalt und die Steine des gepflasterten Fußbodens waren in einem komplizierten, grafischen Muster verlegt. An den hölzernen Stützbalken waren Fackeln angebracht, die alles auf das Angenehmste erhellten. Quer zur Eingangstür am gegenüberliegenden Ende des Saales stand eine festlich geschmückte lange Tafel. Alle weiteren Tische im Raum waren in Längsausrichtung dazu aufgestellt und ebenfalls mit Blumen und Bändern geschmückt.

»Sie sehen bezaubernd aus, Lady Megan.« Lord Solvey hatte am Eingang auf sie gewartet und reichte ihr nun die Hand, um sie zur Tafel zu führen. Sie lächelte und legte ihre Finger in seine.

»Ich hätte ein weniger formelles Mahl diesem hier vorgezogen, aber das wäre wohl für einige der Gäste nicht angemessen gewesen.«

»Es sieht alles sehr schön aus!«, stellte Megan höflich fest. Sie fragte sich im Stillen, wer diese Gäste sein mochten, die der Burgherr zu beeindrucken wünschte.

Megan und ihr Bräutigam saßen allein an der langen, quer gestellten Ehrentafel, die den ganzen Saal überblickte. Die Anzahl der Speisen faszinierte Megan, die in einem Haus aufgewachsen war, in dem permanent gespart wurde. Es gab verschiedene Wildgerichte, Fisch und Pasteten, exotische Früchte, Gebäck aus dem feinsten, weißen Mehl, Süßigkeiten aus fernen Ländern, und alles war wunderbar dekoriert und in großer Fülle vorhanden.

»Haben Sie keinen rechten Appetit, Lady Megan?«, fragte ihr Bräutigam, nachdem er sie einige Zeit von der Seite beobachtet hatte.

»O doch, es ist alles ganz köstlich!« Megan war peinlich berührt. Sie wusste, dass eher rundere Formen als schön galten, aber sie war von jeher eher dünn gewesen und zudem kein großer Esser.

»Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht kränken«, versicherte Lord Solvey, dem seine Bemerkung nun seinerseits unangenehm war.

»Nein, nein, das haben Sie ganz und gar nicht, Lord Solvey.«

»Nennen Sie mich doch bitte Albert. Darf ich Sie einfach Megan nennen?«

»Ja, selbstverständlich.« Megan lächelte, erleichtert darüber, dass er das Thema wechselte.

Albert begann nun auf verschiedene Personen zu deuten und ihr zu erklären, wer sie waren. Alle, die auf der Burg eine besondere Stellung hatten, schienen anwesend zu sein. Bis auf einen.

»Ich habe heute Abend noch nicht den Herrn gesehen, der Sie mir vorgestellt hat. Ist er nicht hier?« Megan hatte schon eine Weile nach ihm Ausschau gehalten. Aber der beeindruckende Fremde, den sie zunächst irrtümlicherweise für Lord Solvey gehalten hatte, war nirgends zu sehen.

»Erik?«, fragte Albert überrascht.

»Ist das sein Name?«

»Ja, Erik Arrondal. Nein, ich habe ihn auch noch nicht gesehen. Er hat sicher etwas Wichtiges zu erledigen.« Ehe Megan sich noch darüber wundern konnte, dass ein Gefolgsmann so einfach dem Festmahl seines Herrn fernbleiben durfte, wurde ihre Aufmerksamkeit von einem Spielmann in Anspruch genommen, der gerade an ihren Tisch getreten war, um sein Lied vorzutragen.

Nachdem man gespeist hatte, wurden die Tische an die Wände gerückt und man stellte sich zum Tanz auf. Albert war ein ausgezeichneter Tänzer, was man von Megan nicht behaupten konnte. Neben ihm kam sie sich noch unbeholfener vor als sonst. Aber er ließ sie in keiner Weise spüren, dass sie nicht die perfekte Partnerin war, und so war Megan mutig genug, auch mit anderen Herren zu tanzen.

Es war schon recht spät, als sie von einem Edelmann in einem eleganten, zweifarbigen Wams aufgefordert wurde. Als er ihre Hand berührte, überlief Megan ein Schauer.

»Ich darf mich jetzt persönlich vorstellen: Pierre de Travis, Lord von Varmourth.« Er verbeugte sich und fuhr fort: »Ich bin ein Verwandter Ihres Bräutigams, ein entfernter Cousin.«

Megan blickte in kalte Augen, in denen ein verschlagener Ausdruck lag. Er war ihr auf den ersten Blick unsympathisch. Dieses Gefühl bestätigte sich, als sie seine wettergegerbten, scharfen Gesichtszüge bemerkte. Sein blasser Mund nahm einen zynischen Ausdruck an.

»Ich war sehr neugierig, die neue Lady Solvey kennenzulernen.« Er führte Megan zu ihrem Platz in der Tanzaufstellung.

Megan wunderte sich über seine Unhöflichkeit. Seine Bemerkung hatte geklungen, als habe Albert sich ein neues Pferd gekauft. Vielleicht verhielt es sich auch ähnlich, aber es war taktlos, ihr das so ins Gesicht zu sagen. Die Musik erklang, und die tanzenden Paare folgten den vorgegebenen Schritten, gingen auseinander und kamen wieder zusammen.

»Sind Sie auch gut auf Ihre Aufgabe vorbereitet, Lady Megan?«, fragte Lord Varmourth, als sie wieder zusammentrafen.

»Wie bitte?«

»Nun, Ihnen muss doch klar sein, dass Sie nur zu einem einzigen Zweck hier sind.«

Megan wurde rot und wünschte sich, dass der Tanz, der gerade erst begonnen hatte, schnell enden würde. Man ging wieder auseinander und wenig später ergriff Lord Varmourth erneut ihre Hand.

»Glauben Sie wirklich, Sie bringen zustande, was einer Frau wie Lady Barbara nicht gelungen ist?«

Megan blickte ihn unsicher an. Was wollte er von ihr, warum sagte er all diese hässlichen Sachen zu ihr? Lord Varmourths Mund öffnete sich gerade wieder, als hinter ihr eine tiefe Stimme zu hören war.

»Ich darf Sie ablösen, Lord Varmourth.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff eine kräftige, warme Hand die Megans und führte sie an der Reihe der Tänzer vorbei in die andere Richtung des Saales, um sich dort wieder mit ihr für den Tanz einzureihen. Erstaunt blickte sie auf. Es war Erik Arrondal, sie hatte ihn gleich an der tiefen Stimme erkannt. Er war gut einen Kopf größer als sie, und seine Präsenz war enorm.

»Vielen Dank.«

»Keine Ursache.«

Megan blickte in seine hellen Augen, aber sie waren unergründlich. Er schob sie von sich in die Damenreihe. Sie errötete, sie hatte nicht aufgepasst. Er musste sie für einen hoffnungslosen Tollpatsch halten, schoss es ihr durch den Kopf. Als sie wieder zusammentrafen, fragte er: »Was hat er gewollt?«

»Oh, es war nichts.«

Wieder wurde ihre Unterhaltung unterbrochen und wenig später trafen sie erneut aufeinander.

»Ich meine, was hat er gesagt?«

»Es war nicht wichtig.«

»Das würde ich gerne selbst entscheiden.«

Megan errötete erneut. Obwohl Erik die letzte Bemerkung in einem denkbar neutralen Ton gesagt hatte, kam sich Megan wie ein Kind vor, das gerade getadelt worden war.

»Er fragte mich, ob ich zustande bringen würde, was Lady Barbara nicht geschafft hat.« Es fiel ihr nicht leicht, diese Unverschämtheit zu wiederholen, und es war ihr noch unangenehmer, das ausgerechnet Erik Arrondal gegenüber tun zu müssen. Aber sie konnte auch nicht einfach schweigen.

»Versuchen Sie sich von ihm fernzuhalten, Milady.«

Megan nickte. Das hätte er ihr nicht zu sagen brauchen, freiwillig würde sie sich nicht noch einmal mit Lord Varmourth unterhalten. Der Tanz war beendet. Er führte sie zurück zu Albert, dem er kurz zunickte. Dann verschwand er wieder.

»Ich fürchte, mein Cousin Varmourth ist nicht einer der taktvollsten Menschen.«

»Nein, aber das macht nichts.« Megan fragte sich für einen Moment, warum Albert sie nicht aus den Klauen dieses ungehobelten Mannes befreit hatte. Aber vermutlich hatte er sich gerade unterhalten und hatte ihr nicht zu Hilfe kommen können. Denn dass sein Bedauern ehrlich war, konnte sie spüren. Sie setzte sich wieder und sah sich um. Erik Arrondal war nirgends im Saal zu sehen. Ebenso unerwartet, wie er erschienen war, war er auch wieder verschwunden.

»Ich hätte gedacht, dass sie mehr hermacht«, stellte Fulke Arrondal fest, als er sich am späten Abend mit einem Seufzer in einen der gepolsterten Sessel vor dem Kamin fallen ließ.

»Inwiefern?« Erik hob die Augenbrauen und betrachtete seinen jüngeren Bruder interessiert.

»Na ja, sie ist nicht gerade eine Schönheit.«

Erik runzelte die Stirn. Nein, man konnte nicht sagen, dass Lady Megan eine auffallende Schönheit war. Aber trotzdem war sie nett anzusehen, lieblich, auf eine zurückhaltende Art. Sie schien jedoch eine Vorliebe für kräftige Farbtöne zu haben, was ihr nicht gut stand. Das rote Prachtgewand, das sie bei der Begrüßung getragen hatte, hatte sie geradezu bleich aussehen lassen. Er zuckte mit den Schultern.

»Ich finde sie ansehnlich.«

Fulke schnaubte ungeduldig.

»Lady Barbara war bedeutend schöner.«

»Gebracht hat ihr das nichts.«

Fulke warf Erik einen wütenden Blick zu. Er war bedeutend jünger als Erik und hatte die erste Lady Solvey in einer jugendlichen Schwärmerei verehrt. Dass Lord Solvey die Ehe hatte annullieren lassen, hatte er ihm nicht verziehen.

»Varmourth benimmt sich, als wenn die Burg schon ihm gehören würde.« Fulke ballte die Fäuste. »Dass Lord Solvey ihn nicht in seine Schranken weist, kann ich einfach nicht begreifen.«

»Er ist zu klug, um sich provozieren zu lassen«, sagte Erik und stocherte im Feuer.

»Bist du sicher, dass es das ist?« Fulkes Stimme klang verärgert.

»Du hütest besser deine Zunge, Bruder.«

»Schon gut, schon gut. Aber ich glaube, dass Varmourth denkt, dass Lord Solvey feige ist, und das ärgert mich eben.«

»Dich ärgert, dass jemand denken könnte, du ständest im Dienst eines Feiglings.«

Fulke schwieg beleidigt. Erik hing seinen Gedanken nach. Natürlich war Lord Varmourth unverschämt. Burg Radwick war erst seit zwei Generationen im Besitz der Familie Solvey. Die ursprünglichen angelsächsischen Besitzer waren von König Henry I. vertrieben worden, nachdem sie sich an einer Revolte gegen die normannische Herrschaft beteiligt hatten. Die Solveys saßen also noch nicht allzu fest im Sattel, und das Fehlen eines Erben machte die Sache nicht besser. Und zudem war der junge König Henry II. damit beschäftigt, seine Macht auszubauen. Radwick war ein hübsches Lehen mit viel Potential, durch das man sich die Unterstützung einflussreicher Adeliger sichern konnte. Und Lord Varmourth war ein ebensolcher Adeliger. Unglücklicherweise war er zudem mit den Solveys entfernt verwandt und das würde es für Henry noch einfacher machen, das Lehen in seine Hände zu geben. Varmourth hatte jedoch eine Schwäche: Er war arrogant und sich seiner Sache oft viel zu sicher. So hatte es ihn völlig unvorbereitet getroffen, als Lord Solvey sich entschloss, eine andere zur Frau zu nehmen und Lady Barbara zu verstoßen. Erik lächelte grimmig. Sobald Lady Megan einen Erben gebar, sähe die Lage ganz anders aus.

Er blickte auf seinen Bruder, der mit zusammengezogenen Brauen missgelaunt ins Feuer starrte.

»Es hat sich eine beachtliche Zahl von Reitern zum Turnier angemeldet. Vielleicht werden es bis übermorgen noch mehr«, sagte er, um Fulke auf andere Gedanken zu bringen. Die Bemerkung hatte den gewünschten Effekt, denn sofort glättete sich die Stirn seines Bruders und seine Augen glänzten vor Vorfreude.

»Es sind fünfzehn! Mindestens sechs davon kann ich leicht aus dem Sattel stoßen. Das weiß ich schon jetzt!«

»Wissen die das auch?«, fragte Erik trocken und amüsierte sich über so viel jugendlichen Überschwang.

»Pah, das ist mir doch egal. Hauptsache, sie treten gegen mich an«, antwortet Fulke, der die Ironie in Eriks Stimme geflissentlich überhört hatte.

»Trittst du auch an?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich bin zu alt.«

»Quatsch! So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Es sähe nicht gut aus, wenn ich teilnehmen würde und Lord Solvey nicht. Außerdem ist die ganze Lanzenreiterei nur etwas für euch junge Burschen. Ein echter Kämpfer verplempert damit nicht seine Zeit.«

Fulke konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein Bruder für einen Lanzenritt zu alt sein sollte, zumal er in der Vergangenheit kaum jemals aus dem Sattel gestoßen worden war. Aber es stimmte, dass die meisten Kämpfer jünger waren und dass gestandene Krieger wie sein Bruder selten an den Wettkämpfen teilnahmen.

»Na gut, dann bleibt mehr für mich!«

Erik lachte.

»Was gibt es da zu lachen?« Fulke machte ein empörtes Gesicht.

»Ich hoffe für dich, dass sich nicht noch in letzter Sekunde einer dieser herumreisenden Kämpfer meldet und dir dein Pferd und deine Rüstung abnimmt, um sich damit in den nächsten Wochen sein Brot zu kaufen.«

Sein Bruder öffnete den Mund für eine Erwiderung, aber Erik schnitt ihm das Wort ab.

»Es ist Zeit, zu Bett zugehen, wenn du morgen für die Hochzeit ausgeruht sein willst.«

»Du hast Recht.« Fulke erhob sich und gähnte herzhaft. Er wünschte eine gute Nacht und verließ den Raum.

Erik starrte in die ersterbende Glut. Morgen würde die Hochzeit sein und damit dann hoffentlich bald die Erbfolge gesichert. Lady Megan kam aus einer geachteten, alten Familie. Angeblich hatte sie bereits seit einigen Jahren die Aufgaben ihrer verstorbenen Mutter übernommen und sollte daher auf die Rolle der Herrin einer großen Burg wie Radwick vorbereitet sein. Sie hatte eine ganze Reihe jüngerer Brüder, denen man nun behilflich sein musste, passende Stellungen an anderen Höfen zu bekommen. Das sollte nicht weiter schwer sein, denn Erik hatte gute Beziehungen. Er schloss die Augen und sah wieder Megans Gesicht vor sich, als er zum ersten Mal in ihre Augen geblickt hatte. In ihrem Blick hatte eine hoffnungsvolle Erwartung gelegen, die ihn seltsam berührte. Warum hatte sie ihn so angesehen?

Kapitel 3

Heute war ihr Hochzeitstag! Megan befand sich noch halb im Traum. Es musste sehr früh sein, dachte sie bei sich, denn außer den ersten Vögeln war nichts zu hören. Und dann fiel ihr wieder ein, was sie geträumt hatte: Erik Arrondal und sie hatten getanzt, und Teil des Tanzes war es gewesen, dass die Männer ihre Tanzpartnerinnen an der Taille fassten und kurz hochhoben. Megan erinnerte sich, dass sie zu diesem Tanz am Vorabend mit einem kleinen, greisen Männlein angetreten war, der nicht einmal versucht hatte, diese Figur mitzutanzen. In ihrem Traum aber hatte sie, mit Erik getanzt, und sein Griff um ihre Mitte war fest und sicher gewesen. Ganz so, wie gestern seine Hand die ihre umschlossen hatte. Sie hatte geträumt, dass er sie leicht hochgehoben hatte und sie dann langsam, ganz nahe seiner Brust wieder zu Boden geglitten war. Ihre Hände hatten auf seinen muskulösen Schultern gelegen, und er hatte sie nicht wieder losgelassen. Es war ihr Hochzeitstag, und Erik Arrondal war ihr Bräutigam.

Megan streckte sich und seufzte wohlig. Sie war von einem warmen, unbekannten Glücksgefühl erfüllt. Einen Moment lag sie ganz still und genoss den Augenblick.

Dann setzte sie sich auf und fühlte die Wirklichkeit wie einen Guss kalten Wassers auf sich einstürzen. Jetzt war sie ganz wach. Aber was für einen Unsinn hatte sie da bloß geträumt! Das wunderbare Gefühl war verschwunden und hinterließ eine Leere und eine fast schmerzhafte Sehnsucht. Energisch schüttelte sie die Gedanken an ihren Traum ab. Ja, heute war ihr Hochzeitstag, aber sie würde Albert Solvey heiraten und nicht Erik Arrondal!

Sie rutschte zum Fußende ihres Bettes, zog den Vorhang beiseite und sah sich in ihrem Schlafzimmer um. Es war ein sehr elegantes Gemach, kostbar und teuer eingerichtet mit schweren Möbeln und kunstvoll gestickten Gobelins. Es war das Zimmer von Lady Barbara gewesen. Megan dachte daran, was der unangenehme Lord Varmourth zu ihr gesagt hatte: »Glauben Sie wirklich, Sie brächten zustande, was eine Frau wie Lady Barbara nicht hingekriegt hat?« Megan wusste nicht viel über die erste Lady Solvey. Aber aus den Bemerkungen, die über sie gefallen waren, hatte sie geschlossen, dass sie eine beeindruckende Dame gewesen sein musste. Und in diese Fußstapfen sollte sie nun treten? Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Alles, was sie tun musste, war, dem Hause einen Erben zu schenken. Mehr wurde nicht von ihr erwartet und das sollte eine zu bewältigende Aufgabe sein. Weshalb hatte Lord Varmourth es dann so klingen lassen, als wäre es unmöglich? Wahrscheinlich wollte er ihr nur Angst machen. Nun, das war ihm gelungen. Aber Megan wusste auch, dass sie leichte Beute war und sich schnell verunsichern ließ. Sie atmete noch einmal tief durch. Es war alles in Ordnung, und sie würde die Bemerkung einfach vergessen. Albert war ein sehr freundlicher, zuvorkommender Mann. Megan konnte sich glücklich schätzen, einen so angenehmen Ehemann zu bekommen.

Es klopfte an der Tür, und Ella kam herein.

»Guten Morgen, Ella!«

»Guten Morgen, Milady. Sie sind aber früh auf. Sind Sie ausgeschlafen?«

»Ich bin schon lange wach.«

»Das glaube ich gern. Sie sind bestimmt ganz aufgeregt.« Megan schwang ihre Beine aus dem Bett und schlüpfte in ihre Pantoffeln. Ella reichte ihr ihren Morgenmantel.

»Wir haben schönstes Wetter, richtiges Hochzeitswetter!«

Megan lächelte nur und ließ sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Ella begann ihre Haare zu bürsten. Die Luft war mild, und fast schien es, als würden die Vögel heute besonders vielstimmig singen. Es klopfte erneut, und ein Mädchen kam mit einem Frühstückstablett herein.

»Ich frühstücke hier?«

»Ja, wir haben sonst nicht genug Zeit für die ganzen Vorbereitungen. Ich hoffe, es ist Milady recht?«, fügte Ella nach einer winzigen Pause hinzu.

»Ja, natürlich.«

»Dame Agnes hatte das vorgeschlagen. Wenn es dann so weit ist, werden Sie abgeholt und zur Kapelle geleitet.«

Die nächsten drei Stunden wurden damit verbracht, Megan für ihre Hochzeit herauszuputzen. Neben Ella, die die Oberaufsicht innehatte, wuselten noch einige andere Dienerinnen um Megan herum, die letzte Änderungen am Kleid vornahmen, das Geschmeide entwirrten oder ihr die Fingernägel polierten. Megan ließ alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Schließlich war das Werk vollbracht, und wenig später klopfte es schon an der Tür, und Dame Agnes trat ein.

»Sind Sie bereit, Lady Megan?«

Dame Agnes unternahm ihren üblichen Kontrollgang und nickte anerkennend.

»Eine schöne Robe.«

Megan stand wie eine Puppe mitten im Raum, umgeben von einer goldenen Wolke. Ihr Kleid war aus schwerem, goldfarbenen Seidenstoff und ungemein aufwändig mit kleinen Goldplättchen bestickt. Darüber war ein Überkleid aus Goldnetz gesteckt worden. Das Oberteil war sehr fest geschnürt, um Megans eher bescheidene Oberweite möglichst gut zur Geltung zu bringen. Die Ärmel lagen eng an, und der Rock fiel in üppigen Falten bis auf den Boden. Der schwere, mit Edelsteinen besetzte Gürtel funkelte mit den Armbändern, den Ringen und dem schweren, hohen Diadem auf Megans Haupt um die Wette.

»Dann sollten wir jetzt gehen.«

Megan folgte Dame Agnes vorsichtig und gemessenen Schrittes aus dem Zimmer. Sie hatte Angst, dass sie durch eine unbedachte Bewegung etwas an dem sie umhüllenden Kunstwerk zerstören könnte. Ihre Hände zitterten vor Aufregung, und sie faltete sie fest vor ihrer Brust.

Sie kamen in die zweistöckige Kapelle, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Megan hörte ein Raunen durch die versammelte Menge gehen, als sie eintrat. Albert wartete am Eingang auf sie. Sie legte ihre ringbeschwerte Hand in die seine, und sie schritten gemeinsam auf den Altar zu. Dort setzten sie sich in zwei nebeneinander stehende, gepolsterte Sessel, und das Hochzeitszeremoniell begann. Megans Aufmerksamkeit war weniger auf den Gottesdienst gerichtet als vielmehr darauf, das empfindliche Gleichgewicht des schweren Diadems auf ihrem Kopf nicht zu gefährden. Es war sehr anstrengend, so kerzengerade dasitzen zu müssen, und sie hoffte, dass die Trauung nicht allzu lange dauern würde.

»Das nimmt und nimmt keine Ende«, flüsterte Fulke. Erik nicke nur. Vater Raphael war üblicherweise schon sehr langatmig, aber heute, anlässlich der Hochzeit seines Herrn, schien er gar kein Ende mehr finden zu wollen. Das hölzerne Gestühl der zweigeschossigen Kapelle war unbequem, wie es nur Kirchenbänke sein können, und die Anwesenden begannen, unruhig hin und her zu rutschen. Erik betrachtete Lady Megan. Sie sah aus, als breche sie jeden Moment unter der Last ihrer Festtagsgarderobe zusammen. Immerhin war die Robe eine gute Wahl gewesen, denn es war wichtig, dass die neue Lady Solvey einen angemessenen Eindruck hinterließ. Erik hoffte, dass Lady Megan schnell schwanger werden würde. Das würde ihre Position augenblicklich stärken. Sein Blick schweifte über die Anwesenden. Nicht alle waren Lord Solvey wohlgesonnen. Es gab Feinde wie Varmourth, die bloß darauf warteten, Schwierigkeiten zu machen. Erik wünschte sich, der ganze Hochzeitstrubel wäre schon vorbei und auf Radwick wieder Ruhe eingekehrt. Er machte sich nichts aus Festen, trotzdem war er es, der letztendlich dafür sorgte, dass dabei alles glattging. Na endlich! Vater Raphael sprach den Segen. Unter Beifall und guten Wünschen verließen die Frischvermählten die Kapelle und begaben sich in den großen Saal, um die Glückwünsche und Geschenke ihrer Gäste entgegenzunehmen.

Megan lächelte wie durch einen Nebel und bedankte sich mechanisch. Der Druck des schweren Diadems hatte sich zunächst mit einem unangenehmen Pochen in ihren Schläfen bemerkbar gemacht, das während der scheinbar endlosen Predigt von Vater Raphael zu einem stechenden Kopfschmerz angewachsen war. Als endlich der letzte Gast vorstellig geworden war, war Megan nahe dran, in Ohnmacht zu fallen. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie Erik Albert etwas ins Ohr flüsterte.

»Meine Liebe, Sie sehen sehr erschöpft aus. Wollen Sie sich nicht etwas zurückziehen, ehe es mit dem Turnier losgeht?« Albert tätschelte fürsorglich Megans Hand.

»Ja, das wäre sehr gut«, erwiderte sie erleichtert und fand sich unvermittelt in der Obhut von Dame Agnes wieder, die sie zurück in ihre Gemächer begleitete.

»Legen Sie sich ein bisschen hin, Lady Megan, ich werde Ihnen einen kräftigenden Trunk bringen lassen.«

Megan wurde durch die Zimmertür geschoben. Sie setzte sich an den Ankleidetisch mit dem Spiegel und starrte für einige Sekunden in das Gesicht einer Fremden. Sie hatte nichts mit der Frau im Spiegel gemein. Entschlossen griff sie das schwere Diadem und zog es vorsichtig vom Kopf. Ah! Welch eine Erleichterung. Sie legte das Schmuckstück auf den Tisch. Wer auch immer der Schmied war, der dieses Folterinstrument hergestellt hatte, sollte es gefälligst selbst einen halben Tag lang tragen, dachte Megan erbost.

Die Tür ging auf und Ella kam herein, in der Hand einen getöpferten Krug und einen Becher.

»Oh!«

Megan drehte sich zu ihrer Zofe um.

»Es tut mir leid. Ich musste es einfach tun.«

»Wir können es ja nachher wieder aufsetzen, ehe Sie zum Turnier gehen.«

Megan schwieg und nahm den Becher mit Kräuterwein entgegen. Nichts in der Welt würde sie dazu bewegen, dieses Höllendiadem wieder aufzusetzen. Aber das brauchte sie ja jetzt noch nicht zu sagen. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen in ihrem Sessel zurück. Der warme Wein tat ihr wohl und nach kurzer Zeit fühlte sie sich wieder besser. Ihr waren vorhin so viele Leute vorgestellt worden – sie konnte sich kaum an einen einzigen Namen erinnern. Sie saß noch eine Weile schweigend so da und genoss die Stille. Megan stand nicht gerne im Mittelpunkt, aber heute ließ es sich leider nicht vermeiden.

»Es geht mir wieder besser, Ella«, sagte sie schließlich und setzte sich auf. Ihre Zofe griff nach dem Diadem.

»Nein, das setze ich nicht wieder auf.«

»Aber Milady!«

»Nein, ich bekomme Kopfschmerzen davon.«

Ella runzelte die Stirn und blickte ihre sonst so fügsame Herrin missbilligend an.

»Ich bin jetzt eine verheiratete Frau und kann daher ebenso gut das Gebände mit Schleier tragen.«

Ellas Gesicht hellte sich auf

»Ja natürlich. Das ist eine gute Idee, Milady. Ich werde gleich alles holen.«

Zufrieden lehnte sich Megan wieder zurück. Das war einfacher gewesen, als sie erwartet hatte. Der Verhaltenskodex für eine adelige Dame schrieb in fast allen Lebenslagen genau vor, wie man sich zu benehmen, was man anzuziehen und womit man sich zu beschäftigen hatte. Megan war von Kindesbeinen an gesagt worden, was sie zu tun und zu lassen hatte, und da sie ein freundliches und bescheidenes Wesen hatte, war es ihr nicht in den Sinn gekommen, diese Regelung in Frage zu stellen. Der Rat ihrer Tante war es gewesen, sich einfach den Gepflogenheiten auf Burg Radwick anzupassen und ansonsten den Hinweisen von Dame Agnes zu folgen. Megan blickte aus dem Fenster. Sie würde jetzt viel lieber einen weiten Ausritt über die sonnenbeschienene Landschaft machen, als zu ihrem Hochzeitsfest zurückzukehren. Dann hörte sie, wie die Tür wieder geöffnet wurde, und wandte sich seufzend vom Fenster ab.

Als sie schließlich zur Festgesellschaft zurückkehrte, trug sie den Kopfschmuck einer verheirateten Frau, der nur ihr Gesicht unbedeckt ließ. Passend zu ihrem Hochzeitskleid war er aus besticktem Seidenstoff, dessen Ränder mit Goldband gesäumt waren.

»Fühlen Sie sich wohler, Megan?«, fragte Albert und lächelte sie freundlich an.

»Ja, danke.«

»Sehr schön, dann lassen Sie uns doch hinaus zur Tribüne gehen, damit die Spiele beginnen können.« Er reichte ihr die Hand und führte sie ins Freie zu einer hölzernen Tribüne, von der aus sie den großen Platz vor der Burg überblicken konnten. Die Tribüne war allein zu diesem Zweck dort aufgestellt worden, und in ihrer Mitte befand sich eine Loge für das Brautpaar. Es gab schon fast keinen Platz mehr auf den Bänken, und auch der Festplatz war von einer Menschenmenge umringt. Neben den geladenen adeligen Gästen war es auch dem Gesinde und den Leibeigenen erlaubt worden, an den Hochzeitsfeierlichkeiten ihres Herrn teilzunehmen.

Das Programm war bunt und vielfältig mit Gauklern und Musikanten. Es gab allerlei Wettkämpfe zwischen den jungen Männern, von Hammerwerfen bis Ringreiten. Megan genoss es, dem bunten Treiben zuzusehen. Sie liebte es, Menschen zu beobachten. Die jungen Damen der Burg saßen ganz vorne an der Balustrade und schäkerten mit den Wettkämpfern, die aus genau diesem Grund teilnahmen. Einige trieben es etwas zu weit und wurden von einem erzürnten Vater in ihre Schranken gewiesen. Obwohl Megan kaum älter als diese Jungfern war, blieb ihr deren Welt doch verschlossen. Es schien ihr, als sei ihre Jugend vorbei, ohne überhaupt je begonnen zu haben. Sie hatte noch nie einem jungen Edelmann eine Blume oder ein buntes Band zugesteckt. Das hätte ihr Vater niemals geduldet, und außerdem wäre sie viel zu schüchtern dafür gewesen. Sie blickte in die lachenden Gesichter und verspürte Bedauern. Die verheirateten Frauen auf Radwick waren zumeist älter. Megan würde eine standesgemäße Gesellschafterin benötigen, aber mit den Hofdamen, die Dame Agnes auf ihrer Reise begleitet hatten, hatte Megan sich kaum etwas zu sagen gehabt. Sie hatte immer das Gefühl, mit Lady Barbara verglichen zu werden und dabei nicht sehr vorteilhaft abzuschneiden. Aber da sie erst so kurz auf Radwick war, würde es wohl einfach noch etwas dauern, bis sie sich hier zu Hause fühlen würde, tröstete sie sich.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, und je näher der Abend rückte, desto nervöser wurde Megan. In dieser Nacht würde sie zum ersten Mal Alberts Bett teilen. Sie erinnerte sich an ihren Traum in der Nacht zuvor und an das Gefühl, das sie erfüllt hatte. Wenn sie jedoch ihren Ehemann ansah, fühlte sie nichts. Sie hatte nicht das Bedürfnis, ihn zu berühren, wie sie das bei Erik verspürt hatte. Energisch verbannte sie den Gedanken aus ihrem Kopf. Sie würde Albert eine gute Frau sein, ihre Pflicht erfüllen und ihm einen Erben schenken. Deshalb war sie hier, und darauf sollte sie sich besser konzentrieren.

Es war bereits nach Mitternacht, als Albert Megan aus dem Festsaal zu ihrem Schlafzimmer geleitete. Doch statt mit ihr einzutreten, sagte er: »Es ist spät, der morgige Tag hat auch noch eine Nacht. Schlafen Sie gut, Megan.«

»Gute Nacht, Albert.«

Sie schloss die Tür und stand verwundert allein im Dunkeln. Dieses Verhalten widersprach allem, was sie bisher über Männer gehört hatte. Angeblich wollten Männer immer eine Frau in ihrem Bett haben und das möglichst zu jeder Tageszeit. Hatte sie etwas falsch gemacht, hätte sie etwas sagen sollen? Aber er hatte ihr keine Zeit für eine Antwort gelassen. Nachdenklich begann Megan sich auszuziehen. Ella hatte sich diskret zurückgezogen, da ja zu erwarten war, dass Lord Solvey seine neue Frau entweder mit in sein Bett nehmen oder sie in ihrem Bett besuchen würde. Vorsichtig löste Megan die komplizierte Verschnürung ihres Kleides. Was hatte sie nur falsch gemacht? Gehörte es sich nicht so, dass ein Mann die Braut in der Hochzeitsnacht zu seiner Frau machte? Plötzlich kämpfte sie mit den Tränen, als sie ungeduldig an dem Goldband zog. Aber sie sollte dem Hause einen Erben schenken, da musste Albert sie doch in sein Bett holen! Vielleicht war er aber heute nur zu müde, beruhigte sie sich, und hatte sie deshalb auf den nächsten Tag vertröstet. Megan fasste sich wieder und wusste nicht recht, warum sie eben noch eine solche Panik verspürt hatte. Schließlich hatte Albert ihr zum Abschied zu verstehen gegeben, dass er morgen ihr Bett teilen wollte. Seufzend streifte sie sich ihr Nachthemd über und schlüpfte ins Bett. Wenn er so müde war wie sie, dann wäre morgen tatsächlich eine bessere Gelegenheit. Aber was wusste sie schon von diesen Dingen, dachte sie und schloss die Augen.

Kapitel 4

Am Nachmittag des zweiten Tages fand der Höhepunkt des Festes, das Lanzenstechen, statt. Um daran teilnehmen zu können, musste man ein Pferd und umfangreiche Ausrüstung haben, weshalb die Teilnehmer alle adeliger Herkunft waren. Es war ein gefährlicher Sport, der viel Geschicklichkeit und Kraft erforderte. Fulke Arrondal war ein sehr guter Reiter, wurde aber an diesem Nachmittag von einem erfahreneren Kämpfer besiegt. Er trug es mit Fassung, und die Zuschauer klatschen ihm trotzdem begeistert Beifall. Er verbrachte den Rest des Nachmittags damit, mit seinen Freunden die jungen Damen hinter der Balustrade zu necken, wobei ein hübsches Fräulein mit blonden Zöpfen sich besonders seiner Gunst erfreute.

Das Turnier neigte sich dem Ende zu, als Megan plötzlich Unruhe in der Zuschauermenge spürte. Sie fragte sich, was wohl der Auslöser dafür war, als sie in der hinteren Ecke des Festplatzes ein Handgemenge bemerkte. Jetzt konnte sie auch die beiden Kontrahenten erkennen. Es waren Lord Varmourth und Fulke Arrondal. Fulke löste sich von der Gruppe und trat vor die Loge.

»Herr, ich bitte um die Erlaubnis, gegen Lord Varmourth anzutreten!« Seine Stimme war laut und zitterte leicht vor Erregung. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und die Zuschauer tuschelten aufgeregt.

»Warum?«, fragte Albert verdutzt. Fulke war jung und stand im Rang unter Lord Varmourth, der zudem ein Gast war.

»Er hat eine Beleidigung ausgesprochen, die ich nicht wiederholen möchte. Aber sie fordert eine Genugtuung!«

Albert zögerte, als Varmourth vor die Loge geschlendert kam. Seine Haltung stand in deutlichem Gegensatz zu der Fulkes, der mit geballten Fäusten vor Wut und Erregung zitterte.

»Gewähren Sie ihm die Freude, Cousin.« Lord Varmourths Stimme klang provozierend gleichgültig. »Es wäre mir ein Vergnügen, einem so impertinenten Welpen eine Lektion zu erteilen.«

»Mein Cousin hat seine Turnierausrüstung mitgebracht?«, flüsterte Albert über die Schulter Erik zu, der von hinten an ihn herangetreten war.

»Oder wollen Sie lieber selbst gegen mich reiten?«

Dieser Vorschlag Varmourths ließ Fulke aufgebracht einen Schritt vortreten.

»Mein Herr, ich bestehe darauf, gegen ihn zu reiten.« Seine Stimme überschlug sich fast.

Albert zögerte noch immer.

»Was ist zu tun?«, wandte er sich an Erik.

»Nichts ist zu tun, du musst ihn reiten lassen, die Sache ist schon zu weit gegangen.« Eriks Gesicht zeigte unterdrückte Wut. Seine Lippen waren fest aufeinandergepresst, und seine hellen Augen funkelten zornig. Megan war überrascht, dass er seinen Herrn geduzt hatte.

»So reitet denn gegeneinander.«

Kaum dass Albert diese Worte gesprochen hatte, verließen die beiden Kontrahenten den Platz in entgegengesetzter Richtung, um sich für das Lanzenstechen zu rüsten. Eine Welle der Aufregung durchlief die Zuschauerränge. Albert beugte sich zu Megan hinüber.

»Das ist sehr unschön, aber es ließ sich nicht vermeiden.« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Fulke Arrondal ist ein Hitzkopf, und mein Cousin liebt Provokationen. Aber es ist nie gut, wenn man im Streit gegeneinander reitet.«

Megan nickte. Sie wusste nicht, was Lord Varmourth Fulke gegenüber gesagt hatte, aber sie fand es eines erwachsenen Mannes unwürdig, einen Streit zu provozieren. Jetzt würde er gegen den jungen Fulke reiten, und ihre innere Stimme sagte ihr, dass das nicht gut ausgehen konnte.

Es legte sich Stille über den Festplatz, als die Kontrahenten angekündigt wurden. Lord Varmourths Knappe zählte mit durchdringender Stimme sämtliche Titel und Namen seines Herrn auf, während Josh, ein Freund von Fulke, lediglich Fulke Arrondal rief und den Platz für den Wettkampf freimachte. Die Reiter erschienen auf ihren schwer gepanzerten Pferden, die hölzerne Lanze auf der einen Seite und ein großes Schild auf der anderen Seite. Auf ein Zeichen von Albert hin preschten beide Reiter aufeinander los. Plötzlich löste sich von Lord Varmourth' Lanzenspitze der Sicherheitspfropfen und fiel zu Boden. Doch da hatten sie einander bereits erreicht. Krachend zerbarst das Schild von Fulke, er wurde vom Pferd geschleudert und landete hart auf dem Boden. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Lord Varmourth wendete und ritt zurück in die Mitte des Platzes. Fulke lag noch immer reglos im Gras. Nachdem er vom Pferd gestoßen worden war, war Erik mit wenigen langen Schritten die Tribüne hinunter an die Balustrade geeilt. Jetzt überquerte er diese mit einem Satz und kniete auch schon neben seinem Bruder. Eine kleine Gruppe Männer lief zusammen und umringte die leblose Gestalt Fulkes. Megans Hände verkrampften sich ineinander, und sie hoffte, dass der junge Reiter nicht tot war. Die Sicherheitspfropfen an den scharfen Lanzenspitzen sollten tödliche Verletzungen verhindern. Lord Varmourth hatte jedoch genau getroffen und Fulkes Schild und Rüstung durchbohrt. Jetzt kamen zwei Männer mit einer Bahre gelaufen. Fulke wurde vorsichtig darauf gehoben und vom Festplatz getragen. Dort, wo er gelegen hatte, war ein dunkler Fleck. Erik brüllte nach seinem Pferd und es herrschte augenblicklich Totenstille. Albert war aufgestanden, als die Reiter zusammengeprallt waren.

»O Gott, nein!« Auf seinem Gesicht stand Bestürzung.

Erik hatte sich vor Lord Varmourth aufgebaut und starrte ihn drohend an.

»Ich habe gewonnen und ich weiß nicht, ob ich noch einmal reiten möchte«, ertönte Varmourths arrogante Stimme.

Erik machte den Eindruck eines wütenden Bären, der sich jeden Augenblick auf sein Opfer stürzten wollte. Er spuckte vor Lord Varmourth aus.

»Wollt Ihr jetzt gegen mich reiten?«

Megan hörte, wie Albert scharf die Luft einzog. Lord Varmourth war ob dieser ungeheuerlichen Beleidigung zunächst blass geworden und nun wurde sein Gesicht puterrot vor Wut. Er wendete sein Pferd und rief über die Schulter: »Wir reiten scharf«

Erik nickte knapp und ging auf die andere Seite, wo inzwischen sein Pferd gesattelt wurde. Megan blickte ihm nach. In Erik hatte Lord Varmourth ganz sicher einen ebenbürtigeren Gegner. Sie wandte sich zu Albert, aber auch er blickte Erik sorgenvoll nach.