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Alfred Bekker, G.S.Friebel, Anna Martach

Bergroman Spezial Sammelband 6 Romane Februar 2019

Bergroman Spezial Sammelband 6 Romane Februar 2019

Alfred Bekker, G.S.Friebel, Anna Martach

Dieses Buch enthält folgende Romane:


G.S.Friebel: Veronikas Herz ging den falschen Weg

G.S.Friebel: Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

Alfred Bekker: Die Fehde am Bergsee

Anna Martach: Zwei Herzen in Bedrängnis

G.S.Friebel: Der schwere Weg einer jungen Bäuerin Teil 1

G.S.Friebel: Der schwere Weg einer jungen Bäuerin Teil 2



Veronika lebt mit ihren Eltern einsam in den Bergen. Von den Dorfleuten wird sie gemieden und so wächst sie ohne Freunde auf. Dem Förster Carl hängt eine alte Geschichte an, sodass ihm ein schlechter Ruf vorrauseilt und man ihm ebenfalls aus dem Wege geht. Eigentlich wären Carl und Veronika das perfekte Paar, aber durch unvorhergesehene Umstände finden sie nicht so recht zueinander. Eines Tages schmeichelt sich ein Wilderer bei Veronika ein und bringt sie mit seiner Rücksichtlosigkeit in eine missliche Lage. Erst eine dramatische Wende lässt Veronika und Carl zueinander finden …

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author



© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Veronikas Herz ging einen falschen Weg

Heimatroman von G.S. Friebel








IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Freepik und Unsplish mit Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Veronika lebt mit ihren Eltern einsam in den Bergen. Von den Dorfleuten wird sie gemieden und so wächst sie ohne Freunde auf. Dem Förster Carl hängt eine alte Geschichte an, sodass ihm ein schlechter Ruf vorrauseilt und man ihm ebenfalls aus dem Wege geht. Eigentlich wären Carl und Veronika das perfekte Paar, aber durch unvorhergesehene Umstände finden sie nicht so recht zueinander. Eines Tages schmeichelt sich ein Wilderer bei Veronika ein und bringt sie mit seiner Rücksichtlosigkeit in eine missliche Lage. Erst eine dramatische Wende lässt Veronika und Carl zueinander finden …



***



In den österreichischen Bergen der Nachkriegszeit.


Seinerzeit hatte man die Sennhütte in eine Mulde gebaut. So war sie sicher vor den Winterstürmen. Sollte mal eine Lawine von den nahen Bergen hinuntersausen, so würde sie gewiss das Haus verschonen und sich einen anderen Weg suchen. Die Erbauer hatten damals richtig gelegen. Bis jetzt war die Hütte nie verschüttet worden. Zwar war sie im Winter oft von der Ortschaft abgeschlossen, aber das war man ja alleweil in den Bergen gewöhnt. Danach richtete man sich schon seit Urzeiten. Und so würde es wohl auch immer bleiben. Der Fortschritt in der Welt, er mochte mit Riesenschritten davoneilen, hier in den Bergen änderte sich nicht sehr viel. Eine Neuerung hatte man jedoch geschaffen, und diese sollte für die Bewohner der Hütte auch von großem Vorteil sein.

Jetzt war es schon an die zehn Jahre her, da man den Lastenlift zur Drachenlochalm gebaut hatte. Direkt am Drachenloch lag es nämlich, das Häuschen mit dem tiefgezogenen Dach. Damit die Schindeln auch im Winter drauf blieben, hatte man es mit dicken Steinen beschwert. Es zog sich so tief nach unten, dass man, wenn es viel Schnee gab, doch noch immer um das Haus gehen konnte, um Holz für den Ofen zu holen.

Früher, als man den Lastenlift noch nicht hatte, da hatte man immer zu Fuß ins Dorf gehen müssen. Das war sehr beschwerlich. Denn an die zwei Stunden brauchte man hinunter. Und die großen Käselaibe waren recht schwer. Wenn man dann wieder aufsteigen musste, war der Rucksack voll mit all den Dingen, die man nun mal brauchte, um leben zu können.

Mit dem Lastenlift hatte man dann auch den Strom bekommen. Nun brauchte man nicht mehr die Kerze oder die Petroleumlampe. Jetzt hatte man elektrisches Licht, aber zu mehr reichte es leider nie. Die Leute, die die Sennhütte bewirtschafteten, waren nie reich gewesen und würden es auch nie werden. Sie hatten immer im Dienst des Großbauern Lorenz gestanden. Dieser hatte in Mixnitz einen großen Hof. Er war der Einzige, der es sich leisten konnte, die Alm das ganze Jahr zu bewirtschaften. Obwohl sehr hoch und am Fuß des Hochlantsch mit seinen 1722 Metern und dem Speikkogel mit seinen 1989 Metern sowie dem Räthelstein mit seinen nur 1234 Metern, so lag die Alm günstig auf einer weiten Ebene.

Hier oben wuchs das beste Gras für die Kühe. Im Sommer weideten sie draußen und fanden selbst, was sie zum Leben brauchten, aber nebenbei musste der Senn auch für den Winter sorgen und das Heu einfahren. Denn die Kühe, bis auf die tragenden, blieben auch im Winter hier oben. Weil der Stall und das Haus in einer tiefen Mulde lagen, so hatten sie es auch recht warm, denn der Erbauer hatte an alles gedacht.

Ja, er hatte sogar einen tiefen Keller graben lassen. Dort drinnen blieb im Sommer die Milch recht lange kühl, und auch der Käse, den man gleich hier oben machte, wurde wundervoll.

Früher kamen sie noch jede Woche einmal herauf und holten ihn ins Tal. Aber nun hatte man ja den Lastenlift, dort hinein wurde alles gebracht und man legte gleich einen Zettel dabei, was man auf der Alm benötigte. Unten wurde er dann entladen und man besorgte die Dinge, tat sie hinein und somit ging alles ganz einfach. Jetzt kam man vielleicht nur einmal im Monat ins Tal.

So blieb es nicht aus, dass die Bewohner ein wenig menschenscheu geworden waren. Sie hielten sich fern, sprachen nicht viel und hatten auch keine rechten Freunde im Dorf.

Sie waren schon recht eigenartig. Aber dem Großbauern sollte es recht sein, er war froh, dass er die Abschlags hatte, denn wer suchte noch die Einsamkeit, wer tat heutzutage noch den Dienst so hoch oben in den Bergen, am Drachenloch? Niemand mehr!

Vor Jahren waren sie ins Dorf gekommen, der Hubert und seine Frau Therese. Sie hatten nur ein kleines Bündel bei sich gehabt. Der Krieg hatte sie hierhin verschlagen. Und nun suchten sie Arbeit. Man hatte sie gleich zum Lorenz geschickt. Damals war gerade der alte Senn gestorben, und so hatte er ihnen die Stelle angeboten. Sie hatten dankend angenommen und waren so auf die Alm gekommen. Fünf Jahre später war dann die kleine Veronika auf die Welt gekommen. Die Eltern hatten schon gar nicht mehr mit dem Kindersegen gerechnet. Und nun lag das kleine Mädchen in der Holzkiste, mit großen blauen Augen und blonden Haaren. Ein echtes Kind der Berge.

Veronika verbrachte also die ersten Lebensjahre oben auf der Alm. Sie kannte nur Erwachsene und wusste gar nicht, dass es auch noch andere Kinder gab. Erst als sie in die Schule musste, da wurde sie mit ins Dorf genommen. Dort stand sie nun mit großen scheuen Augen und sah die vielen Häuser, die so hübsch und bunt waren, und Blumenkästen hatten sie vor den Fenstern und Gardinen. Das alles kannte sie von daheim gar nicht. Und wie hübsch die Kinder alle gekleidet waren. Sie hatte aus dem alten Rock der Mutter ein Kleid bekommen.

Die Dorfkinder machten es ihr wahrlich nicht leicht, und weil sie niemanden kannte, keine Freundin hatte, so war die erste Zeit recht schwer für das Mädchen. Hinzu kam noch, dass sie auch den weitesten Schulweg hatte und sofort nach der Schule heimgehen musste. Die kleinen Füßchen brauchten an die drei Stunden, um wieder heimzukommen. Ins Dorf ging es ja schneller, besonders im Winter, da rutschte man auf dem Schlitten, aber hinauf, und wenn es dann schon dunkel wurde, das war nicht so einfach.

Veronika war für ihr Alter sehr verständig und außerdem auch sehr klug. Der Lehrer hatte seine Freude an dem gewissenhaften Mädchen. Manchmal aber seufzte er leise auf und dachte: Es hat ja doch keinen Zweck, dass ich ihr so viel beibringe. Sie wird es nie und nimmer brauchen. Die Eltern sind arm, und außerdem brauchen sie das Kind für die Arbeit.

Ja, so war es in der Tat, wenn man sehr viel zu tun hatte, wurde sie nicht in die Schule geschickt. Veronika muckte nie auf, schweigend tat sie, was man ihr auftrug. Nie hatte sie richtig spielen gelernt.

Sie war ein herbes, stolzes Geschöpf. Längst ließ sie sich nicht mehr von den Kindern hänseln. Sie zeigte ihnen einfach die kalte Schulter. Man hielt sie für kalt und bald hieß es, sie sei komisch. Wenn sie nicht so klug gewesen wäre, hätte man sie bestimmt für einen Dorftrottel gehalten.

Veronika war nicht kalt, sie hatte kein Herz aus Stein, wie die Dörfler sagten, nein, es blutete, aber sie konnte einfach nicht hingehen und sagen: So lasst mich doch bei euch sein. Ich bin ja so einsam. Warum mögt ihr mich denn nicht? Was habe ich euch denn getan? Bitte, seid doch ein wenig nett zu mir! Sie konnte es nicht, wie wohl keiner das sagen kann. Und so schwieg sie, stand am Zaun mit brennenden Augen und blutendem Herzen.

Der Lehrer nahm sie unter seine Obhut, bei ihm durfte sie auch zu Mittag essen, als er einmal gesehen hatte, wie mager ihre Brote waren. Das Mädchen tat ihm leid. Da hatte er sie kurzerhand hereingerufen und ihr gesagt: „Kinder, die einen so weiten Schulweg haben wie du, werden stets im Lehrerhaus verköstigt. Die andern können ja in der Zwischenzeit heimgehen, oder sie haben Verwandte im Dorf, bei denen sie zu Mittag essen. Also, du kommst jetzt jeden Tag zu uns, ja?“

Sie hatte ihn mit ihren großen Augen stumm angesehen, und ihr Herz hatte gezittert. Danach nickte sie schwach und war wieder gegangen.

Leider hatte der Lehrer keine Kinder, sonst hätte er ihnen befohlen, sich ein wenig um das einsame Mädchen zu kümmern. Er allein war es, der die ungeweinten Tränen sah, er spürte auch die innere Not. Aber er konnte nicht sehr viel tun. Wusste er doch aus Erfahrung, wenn er über Veronika mit den andern Kindern sprach, dann würden diese sie noch mehr quälen und hänseln.

Für die reichen Bauernkinder kam es sowieso nicht infrage, mit ihr zu spielen. Man hatte einen ausgeprägten Standesdünkel.

So vergingen die Schuljahre für Veronika, wie gesagt in großer Pein. Nie hatte sie eine Freundin gefunden. Als dann endlich der Tag kam, sie war gerade vierzehn Jahre, als sie entlassen wurde, da fühlte sie sich irgendwie erleichtert. Froh war sie!

Zu Hause legte sie die Bücher in die Schrankecke und nahm die grobe Schürze vom Haken.

„Hast du es jetzt überstanden?“, fragte Therese.

„Ja, Mutter“, sagte sie ruhig und nahm den Kübel, um ihn an der Quelle zu scheuern.

„Dann ist es ja gut, jetzt kannst du uns mehr helfen, ich schaff es allein auch nicht mehr so gut.“

Veronika blickte ihre Mutter an. Da stand sie am Trog und knetete den schweren Brotteig. Hier oben machte man noch alles selbst, weil man kein Geld hatte, um es zu kaufen.

Veronika sah das müde Gesicht der Mutter. Sie war erst fünfundvierzig Jahre und sah schon wie sechzig aus. Die Arbeit hier oben war zu hart für eine zarte Frau. Und sie hatte sich nie geschont. Urlaub kannte man nicht, immer an der Luft bei gutem und bei schlechtem Wetter hatte die zarte Haut gebräunt, und die tiefen Falten waren wie mit einem Meißel eingegraben.

Veronika dachte an die Frauen im Tal und schluckte. Und sie dachte auch daran, als sie den Kübel in den kalten Quellbach tauchte und ihre Hände gleich hochrot wurden, trotz des heißen Sonnenwetters.

Ist das mein Leben? Soll ich immer hier oben bleiben? So wie die Mutter ihr Lebtag hier oben gewesen ist? Nie und nimmer die kleinste Freude haben? Zu Kirchweih vielleicht mal ins Dorf, unter fremden Menschen sein? Soll das alles sein?

Sie blickte zum blauen Himmel hinauf und sah einen Adler seine Bahn ziehen. Hier oben gab es noch ein paar und auch Habichte. Sie kannte sie alle, so wie sie auch alle Bergblumen hier oben kannte und jeden Zipfel der Berge. Hier war es schön, und so still und wundervoll. Veronika liebte ihre Bergwelt. Eigentlich konnte sie sich nichts anderes vorstellen. Und doch, da war so ein seltsames Ziehen in der Brust. Sie fühlte das Blut! Sie war doch noch so jung und sehnte sich fort, und zugleich wollte sie auch bleiben. Dies alles verwirrte sie so sehr!

Vielleicht wäre sie auch in Stellung gegangen, um nur mal etwas anderes zu sehen und um auch ein paar Groschen zu verdienen, um sich ein Dirndl kaufen zu können oder Schuhe und einen neuen Umhang mit Fransen. Ach, sie hatte auch Wünsche, nur sagte sie nie etwas davon, denn sie wusste ja, die Eltern konnten ihr diese Wünsche nicht erfüllen. Nicht, weil sie vielleicht hartherzig waren, nein, weil eben kein Geld dafür da war.

Hubert und Therese liebten ihr einziges Kind sehr. Oft lagen sie abends noch lange in der niedrigen Kammer wach und grübelten darüber nach, was einmal werden sollte, wenn sie nicht mehr waren.

Bedrückt sagte dann die Mutter: „Wir haben keine Verwandten, zu denen wir sie schicken könnten. Sie ist dann ganz auf sich allein angewiesen. Und sie ist doch noch so jung, Mann! Was soll nur geschehen?“

„Noch sind wir da, Frau, noch haben wir unser Auskommen, sie hat hier ein Dach über dem Kopf, ein Bett und auch Essen. Jetzt wird sie uns helfen, denn sie ist ein gutes Mädchen. Mach dir doch keine Sorgen, Frau.“

Aber Therese hörte nicht auf, und natürlich auch Hubert dachte voller Schrecken daran, was mal sein würde, wenn ihnen etwas zustoßen sollte. Hier oben in der Einsamkeit und allein, konnte sie unmöglich die Sennwirtschaft weiterführen. Das ging einfach nicht!

Veronika wusste von diesen Gedanken nichts. Sie schrubbte im Augenblick den Kübel, und dabei dachte sie: Vielleicht sollte ich zum Lehrer gehen und ihn fragen. Vielleicht gibt es in Bruck Arbeit für mich, jetzt, wo die vielen Urlauber kommen, um sich unsere Berge anzusehen. Ich möchte so gern einmal fort, und wenn es nur für ein Jahr ist, dann komm ich ja wieder heim.

Ihr junges Herz sehnte sich fort, sie wollte unter ihresgleichen sein, zwar nicht in Mixnitz, denn dort wollte man sie nicht, dort war sie ja nichts wert. Sie hatten ja keinen eigenen Hof. Aber in der Fremde würde man nicht wissen, woher sie kam. Und arbeiten, ja, das konnte sie. Hatte sie doch immer arbeiten müssen.

Veronika erhob sich, nahm ihren Holzkübel und ging den schmalen Weg zum Haus zurück. Da lag es in der Sonne. Die Berge im Hintergrund, darüber der azurblaue Himmel. Aber er vermochte auch nicht die Schäbigkeit zu verdecken. Längst hätte es mal wieder der Farbe bedurft. Und dann der Zaun, wie schief und morsch er doch schon war. Und der kleine Küchengarten war verwildert. Die Mutter schaffte es nicht mehr. Schon die fünfzig Kühe zu melken, zweimal am Tag, das machte so viel Arbeit und dann das Scheuern und den Käse bereiten, das Kochen und Waschen. Alles musste mit der Hand getan werden. Es war eine furchtbar schwere Arbeit. Da achtete man dann nicht mehr darauf, wie man aussah, man war froh, wenn man das Tagwerk einigermaßen über die Runden bekam. Und man hatte auch keinen Blick mehr für die Berge und das Alpenglühen und wenn ein Adler reglos in der Luft stand oder die Gämsen in den Felsen herumsprangen. Man hörte auch nicht mehr den Bergbach. Man war nur noch müde und nochmals müde und so froh, dass jetzt die Tochter da war. Wenn auch noch jung an Jahren, erst vierzehn, aber sie schaffte wie eine junge Magd. Da konnte man dann schon mal hin und wieder für einen Augenblick die Hände in den Schoß legen. Aber nicht für lange, denn der Mann rief, und man musste ihm helfen.

Heute sah Veronika mit ganz anderen Augen ihre Umgebung, auch als sie in die niedrige verräucherte Küche kam, sie war sozusagen der Hauptraum. Hier spielte sich alles ab. Dann gab es da noch zwei Kammern, eine für die Eltern und die ihrige. Sie waren aus dem gleichen rußgeschwärzten Holz, und die Betten und der Schrank waren alt. Die Bilder an der Wand waren vergilbt. Da gab es keine Gardinen vor den Fenstern. Alles sah so trist und ärmlich aus.

Veronika hatte aber einen ausgesprochenen Schönheitssinn, und sie dachte: Bevor ich fort geh, räum ich auf, da mach ich das Haus hell und freundlich, und den Garten rieht ich auch wieder her. Und vielleicht zimmert der Vater mir ein paar Blumenkästen für die Fenster. Und den Zaun richte ich auch wieder, sonst laufen mir die Kühe im Garten herum.

Ach ja, sie hatte im Augenblick so erhabene Gedanken und wollte so vieles.


*


Veronika stieß den kleinen Fensterladen auf. Ihr Blick ging genau auf den Röthelstein. Noch nie war sie oben auf seiner Spitze gewesen, obwohl es von der Sennhütte gar nicht mehr so weit war. Ganz zu schweigen vom Hochlantsch, der ja 500 Meter höher war. Sie dachte, während sie sich die blonden Haare bürstete: Nächsten Sonntag steig ich hinauf, ganz allein. Ich möcht mir auch mal von oben die Welt ansehen. Will doch wissen, was die Urlauber so schön daran finden.

Ja, jetzt kam es immer öfter vor, dass Urlauber an der Sennerei vorbeikamen. Sie alle wollten das Drachenloch sehen, mit seinen nackten roten Felsen. Dort gab es herrliche Felsabstürze, und Wasserkaskaden rauschten die Wand herunter. Das war schon ein schönes Schauspiel. Aber auch schon der Aufstieg dorthin, das hieß vom Dorf an ihrer Alm vorbei. Da musste man erst durch den Hochwald, und dann kam die Klamm mit ihren überhängenden Steinzungen. Es war dort so kalt wie in einem Grab, und danach die Schluchten mit den kleinen Brücken. Veronika kannte das alles genau, wie oft war sie hier schon entlanggeschritten. Sie kannte auch keine Furcht. Nur manchmal, wenn der Nebel gar nicht aufsteigen wollte, und wenn sie dann über das Brückchen schritt und es zu ihren Füßen gurgelte, da konnte man schon an Trolle und Geister denken, und man fühlte, wie es einem ganz kalt den Rücken herunterlief.

Jedes Jahr nach der Frühjahrsschwemme kamen die Männer aus dem Tal und sahen die Brücke nach und auch die anderen Wege ins Tal. Denn sie waren gefährlich, wenn der Regen gar zu schwer nieder kam und alles fortschwemmte. Und man wollte ja die Urlauber heranlocken, da musste man aufpassen, dass alles in Ordnung war.

Veronika war mit der Morgenwäsche fertig und ging in die Küche, steckte das Holz in den Herd und setzte den Kessel auf. Bald roch man den Duft von Kaffee, und sie holte das Brot aus dem Schrank und den Käse und deckte den Tisch. Jetzt kam auch die Mutter aus der Kammer. Der Vater war schon lange auf. Er hatte die Kühe gemolken und sie anschließend herausgelassen. Jetzt kam er herein und lächelte.

„Ja, hab ich einen Hunger. Wonach riecht es denn hier so gut?“

„Ich hab die Kartoffeln von gestern noch mal in die Pfanne getan mit ein wenig Speck. Magst du, Vater?“

„Aber gern, ei, da macht das Schmausen Spaß!“

„Ja“, sagte die Mutter. „Vielleicht wird jetzt alles gut, jetzt, wo wir eine frische Kraft im Haus haben.“

Veronika goss den Kaffee ein.

„Ich hab mir vorgenommen, das ganze Anwesen umzukrempeln, ihr erlaubt es mir doch?“

„Mutter, ein neuer Besen ist da, nun werden die Fetzen fliegen“, schmunzelte der Vater.

Therese verstand, was die Tochter wollte. Als sie noch jung gewesen war, damals, als sie kurz verheiratet waren, da hatte sie auch gedacht, sie könne noch alles ändern, dem Leben trotzen. Aber mit der Zeit und wegen der vielen Arbeit war doch alles so geblieben wie vorher.

„Natürlich darfst du“, sagte sie ruhig, „wenn es dir Spaß macht. Aber darüber darfst du deine tägliche Arbeit nicht vergessen.“

„Nein, ich werd das schon alles schaffen.“

Sie fing auch gleich mit der Küche an, aber sie sollte nicht weit kommen, denn draußen ertönte plötzlich ein lauter Schrei. Sie stürzte hinaus, und der Vater kam auch sofort aus dem Stall. Verkrümmt lag die Mutter auf der Almwiese. Sie hatte die Wäsche aufhängen wollen, alles sollte schnell gehen. Vom letzten Regen war ein ziemlicher Brocken den Berg heruntergekommen, und sie hatte ihn nicht sofort beachtet und war rücklings darüber gestürzt, und zwar so unglücklich, dass sie jetzt allein nicht mehr aufstehen konnte.

„Mutter, hast du Schmerzen?“

Therese verzog das Gesicht und stöhnte leise vor sich hin. „Helft mir doch, es tut so weh, der Rücken.“

„Ja, ja, so wart doch, ich heb dich gleich auf und trag dich in die Kammer.“ Doch als Hubert sie dann berühren wollte, schrie sie auf und wurde ohnmächtig.

„So geht es nicht, du meine Güte, hoffentlich ist es nicht etwas Ernstes“, sagte er leise.

Veronika schluchzte auf. „Aber wir können sie doch nit hier liegenlassen, wir müssen es schaffen, Vater.“

Hilfe war weit und breit nicht zu beschaffen. Auf so einer Alm war man auf sich allein angewiesen.

„Wart“, sagte er hastig, „ich häng rasch die Stubentür aus, dort drauf legen wir sie und tragen sie dann hinein. Du schaffst es doch? Du bist ein kräftiges Mädchen!“

„Ja, Vater“, antwortete das Mädchen.

In diesem Augenblick hätte sie alles getan, nur um der Mutter zu helfen. Kurze Zeit später lag die Tür im Gras, und man zog die Mutter vorsichtig darauf. Anschließend trug man sie in das Haus, und hier rollte man sie sacht ins Bett zurück. Man zog sie aus und deckte sie zu. Da kam die Mutter wieder zu sich.

Ihr Gesicht war grau.

„Der Rücken“, murmelte sie leise, „ich glaub, ihr müsst den Doktor holen, es wird nicht so einfach sein.“

Hubert zog Veronika in die Küche.

„Nimm dein Tuch und lauf runter ins Tal und hol den Doktor. Mach rasch, Veronika, sag ihm, die Mutter habe große Schmerzen.“

Veronika nickte. Wenig später sah er sie schon über die weite Almwiese davonlaufen. Aber er dachte: Es wird sehr lange dauern, bis der Doktor da ist, er ist nicht so rasch im Steigen. Und wenn er jetzt nicht daheim ist? Wovon sollen wir ihn nur bezahlen? Wir haben doch kein Geld. Da muss ich den Lorenz bitten, dass er die Rechnung bezahlt, jetzt wo die Veronika hier ist, muss er ihr doch auch wohl etwas für ihre Arbeit geben.

Veronika war noch nie so schnell den Berg nach Mixnitz hinuntergelaufen wie heute. Das Herz tat ihr schon weh, und sie hätte anhalten müssen, um sich ein wenig auszuruhen, aber die Mutter wartete doch auf den Doktor.

Taumelnd erreichte sie nach einer guten Stunde den Ort und lief weiter zum Doktorhaus. Dieser war auch zum Glück da. Er hörte sich kurz an, was sie erzählte. Dann sagte er: „Ruh dich kurz aus, meine Frau wird sich um dich kümmern. Ich hab noch einen Patienten aus der Sägerei zu versorgen. Sobald der fort ist, komm ich mit dir. Können wir nicht ein Stück mit dem Auto fahren?“

„Bis zur Schlucht schon, dort ist der Weg breit und fest, und der Regen hat auch nix fortgerissen. Aber über die Schlucht müssen wir dann zu Fuß weiter.“

„Von dort aus ist es doch nicht mehr weit?“

„Nein, ein Viertelstündchen wird es wohl dann noch dauern“, sagte Veronika.

„Gut, dann werden wir auf alle Fälle keine zwei Stunden brauchen. Und nun geh in die Küche, ich rufe dich gleich.“

Die Doktorsfrau stellte ihr einen heißen Kaffee vor und etwas zu essen. Dankend nahm sie an, und sie merkte auch bald, dass sie sich wohler fühlte. Jetzt würde sie den Rückweg wieder schaffen.

Die Frau des Doktors fragte sie: „Willst du jetzt auch dort oben bleiben?“

Veronika antwortete: „Jetzt ist ja die Mutter krank, aber wenn sie wieder gesund ist, dann möcht ich schon mal für kurze Zeit fort.“

„So ist es recht, Veronika, wenn man so jung ist, dann gehört man ins Tal, zu den Burschen und Mädchen und muss sich vergnügen und nicht immer so ernst sein. Da wollen wir hoffen, dass es der Therese recht bald wieder bessergeht. Der Lorenz sollte sich auch langsam darum kümmern, jemand andern nach oben zu schicken und euch auf den Hof holen.“

Erschrocken blickte Veronika die Frau an. „Das wird der Vater nicht wollen. Er will frei bleiben, sein eigener Herr sein. Und Sie müssen wissen, dort oben ist es wunderschön. So einsam ist es auch nicht, denn jetzt kommen immer mehr Urlauber hinauf, und sie sitzen dann vor unserem Haus und erzählen uns etwas. Sie alle finden die Berge so schön. Nein, ich glaub nicht, dass der Vater je woanders hin will.“

„Aber wenn er die Arbeit dort oben nicht mehr schafft, Veronika, er wird doch auch älter!“

Darauf konnte sie aber schon keine Antwort mehr geben. In diesem Augenblick kam der Doktor und sagte: „So, ich hab alles Nötige eingepackt, wir können jetzt fahren.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte Veronika in einem Auto mitfahren. Das war schon ein komisches Gefühl. Sie sah die Bäume und Berge vorbeiflitzen und die kleinen Schluchten, alles ging so schnell. Sonst musste sie immer keuchend den Heimweg antreten. Jetzt saß sie ganz bequem da und sah zu, wie der Doktor den Berg hinauffuhr. Bis zur Schlucht brauchten sie nur eine gute Viertelstunde. Danach sahen sie schon das Holzbrückchen und hörten auch den tosenden Bach.

Der Doktor stieg aus und blieb für einen Augenblick stehen.

„So kommt man auch mal dazu, die Schönheiten der Heimat zu bewundern. Als ich jung war, bin ich oft in die Berge gekraxelt, aber jetzt bin ich froh, wenn ich mich nach der vielen Arbeit ausruhen kann.“

„Ich möcht auch mal in die Berge steigen“, sagte sie andächtig.

„Ei, da würd ich dir aber raten, tu es nicht allein, das ist gefährlich, Veronika. Schon mancher hat für seinen Leichtsinn bitter büßen müssen, sie sehen so harmlos aus, aber sie haben es in sich.“

So schritten sie weiter und plauderten miteinander. Der Doktor war erstaunt, dass sie so ein kluges und nettes Mädchen war und dachte bei sich: Da muss sie nun hier oben wie eine Gämse zwischen den steilen Hängen leben und hat nix vom Leben und könnte doch so vieles lernen. Wenn ich da an die Dummköpfe im Tal denk, die aber den Kopf recht hochhalten, bloß weil der Vater einen schönen Hof hat. Im Leben ist immer alles verkehrt.

Das Dach der Almhütte kam in Sicht. Jetzt lief Veronika, was sie konnte. Sie rief schon von Weitem: „Wir sind wieder da, Vater, Mutter, wir sind bis zur Schlucht mit dem Auto gefahren, wir kommen.“

„Gott sei Dank“, murmelte Hubert. „Jetzt wirst bald keine Schmerzen mehr haben, Frau!“

Therese lag mit geschlossenen Augen da und wagte kaum zu atmen. Endlich öffnete sich die niedrige Stubentür, und der Doktor trat ein. Mit einem Blick sah er die ganze Ärmlichkeit und schluckte. So also konnte man auch leben, und sofort dachte er: Ob sie wohl immer genug zu essen haben und das Holz im Winter wohl immer reicht?

Der Mann und das Kind mussten jetzt erst einmal die Schlafkammer verlassen. Und dann untersuchte er vorsichtig die Frau. Schmerzen hatte sie schon, aber wie er es sich schon unterwegs gedacht hatte, es war der Rücken. Sie hatte sich die Wirbelsäule angebrochen und würde für den Rest ihres Lebens gelähmt im Bett liegen bleiben müssen. Gewiss, er konnte jetzt zusehen, dass sie in ein Spital kam, aber dort würde man sie auch nicht mehr gesund machen können. Der Weg dorthin würde für die Frau eine rechte Strapaze sein, und später würde man sie wieder zurückschaffen müssen und wofür? Nur um es dann von anderen Ärzten bestätigt zu bekommen? Er strich sich müde über das Haar.

„Ich geb dir jetzt ein Mittel, Therese, danach wirst bald gut schlafen, ich lass dir auch was da. Die erste Zeit wirst es wohl gebrauchen. Ich leg es dir hierhin. Veronika wird dir dann ein Glas Milch bringen, damit wirst es dann einnehmen.“

„Danke, Doktor, jetzt mach ich dir auch noch so viele Mühe, musst meinetwegen den Berg raufsteigen.“

„Das hab ich doch gern getan. Da komm ich mal raus aus dem Dorf, und es hat mir ehrlich Spaß gemacht, du hast da eine nette Person als Tochter, Therese.“

„Wirklich?“ Ihr graues Gesicht hellte sich ein wenig auf. „Ja, sie ist unser Sonnenschein, und schon so flink und hurtig bei der Arbeit. Nie denkt sie an sich.“

Er erhob sich von der harten Bettkante.

„So, jetzt nimm auch gleich das Mittel. Ich werd jetzt wohl öfters nach dir sehen.“

Sie umklammerte seine Hand.

„Sag mir, ist es etwas Ernstes, bitte, sag es mir, ich kann die Wahrheit vertragen.“

Er schloss für ein paar Sekunden die Augen, aber dann sagte er sich: Zuerst muss sie die großen Schmerzen hinter sich bringen, sonst wäre es ja reiner Mord, ihr jetzt schon die Wahrheit zu gestehen.

„Ich komm übermorgen wieder, im Augenblick müssen wir erst einmal abwarten, Therese. Schlaf jetzt.“

Ihr Kopf fiel auf das dünne Kissen zurück. Ihre Hände gingen wie suchend über das Deckbett.

„Ja“, sagte sie leise und demütig.

In der Küche saßen der Mann und die Tochter. Ängstlich blickten sie den Doktor an. Veronika sprang jetzt auf und lief zum Ofen.

„Ich habe Kaffee gekocht“, sagte sie leise.

„Danke, den kann ich jetzt gut vertragen, mein Kind.“

„Was ist, Herr Doktor, was ist mit meiner Frau? Wird sie lange liegen müssen?“

Schwer ließ er sich auf einen Holzstuhl fallen.

„Ja“, sagte er müde. „Euch muss ich wohl schon die Wahrheit sagen. Der Therese konnte ich noch nichts erklären, sie muss erst mal von den Schmerzen frei werden.“

„So sprecht doch endlich!“

„Sie wird wohl ab jetzt das Bett hüten müssen. Das Rückgrat ist beim Sturz verletzt worden. Sie ist gelähmt. Ich hab es mir gleich gedacht, als Veronika zu mir herunter kam und davon berichtete. Ich kann nicht mehr sehr viel tun. Werde aber immer mal wieder vorbeikommen und ihr Schmerzmittel bringen. Die erste Zeit wird sie diese brauchen.“

„O mein Gott“, stammelte der Mann. „So wird sie nie mehr laufen können? Und wenn wir sie jetzt in ein Spital bringen? Wenn man sie dort operiert?“

Der Doktor schüttelte den Kopf.

„Natürlich kannst du es tun, aber man wird ihr auch dort nicht helfen können.“

Lange war es sehr still in der Stube. Dann schluchzte Veronika laut auf. „Die arme Mutter, oh du mein Gott!“

„Ich komm wieder vorbei und schau herein. Jetzt wird sie schlafen und das ist gut. Lange können wir es ihr nicht verheimlichen.“

Der Doktor ging und ließ zwei verzweifelte Menschen zurück. Er stand vor der Hüttentür und blickte auf die Berge und dachte: Da kommen die Urlauber, zahlen viel Geld, um diesen Anblick zu genießen, und diese Menschen hier oben, sie sehen ihn alle Tage und sind jetzt recht unglücklich. So ist nun mal das Leben.

Das war ein schrecklicher Schlag. Wohin sollte man mit einer gelähmten Frau?

Das junge Mädchen saß lange still am Fenster und starrte auf die Bergspitzen. Sie wusste, sie war jetzt hier gefesselt. Solange die Mutter lebte, konnte sie nicht fort. Denn wer sollte sie pflegen, den Haushalt machen und für den Vater sorgen?

Heiße Tränen rannen über das zarte Gesicht, und sie bedauerte die Mutter.

Eine Woche lang hatte man sie hinhalten können, aber da fühlte Therese schon selbst, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Sie sah die verweinten Augen der Tochter, der Mann war so bedrückt. Und als dann wieder der Doktor kam, da hatte sie seine Hand gehalten: „Und nun sag mir die Wahrheit!“

Er hatte geschluckt, in die klaren hellen Augen geblickt und ihr dann die Wahrheit eröffnet. Therese hatte seine Hand losgelassen, der Blick war zur Decke gegangen. Ganz still hatte sie dagelegen, und schneeweiß war ihr Gesicht geworden. Nach einer Weile hatte er gehört, wie sie geseufzt hatte: „Oh du gerechter Gott!“ Therese haderte nicht, sie lehnte sich auch nicht gegen das Schicksal auf, denn sie wusste, es war ja so sinnlos. Daran würde sich doch nichts mehr ändern. Sie hatte Veronika an ihr Bett gerufen, sie lange stumm angesehen und dann leise gesagt: „Nun liegt alle Last auf deinen Schultern.“

„Mutter“, hatte sie leise erwidert, „du brauchst dich um nichts zu sorgen. Ich werd es schon schaffen, und wenn nicht, dann bist du ja da, und ich kann dich immer fragen.“

„Ich werde euch eine schreckliche Last sein, Kind!“

„Bitte, Mutter, so darfst du nicht reden. Wir sind ja so froh, dass du am Leben bleibst. Wir brauchen dich doch, Mutter. Es wird schon gehen.“

„Du bist ein gutes Kind!“

Was sie damals nicht wussten, war, dass der Doktor zum Lorenz gegangen war und ihm von dem schrecklichen Schicksalsschlag der Familie Abschlag berichtete.

Dieser hatte ihn angeblickt und war im ersten Augenblick geschockt gewesen. Da hatte er endlich eine gute Familie auf der Alm droben, und jetzt sollte sie vielleicht dort nicht mehr schaffen können?

„Das Beste wird sein, du gehst hinauf und sprichst mit dem Hubert, Bauer. Ich weiß nicht, ob die zwei das schaffen, aber zugleich frag ich mich auch, wo sie sonst hin sollen, denn Geld besitzen sie ja nicht.“

So war denn am Sonntag der Großbauer zur Alm gegangen. Er hatte mit dem Hubert ein langes Gespräch gehabt, auch mit der Tochter hatte er gesprochen. Nein, wenn es irgend ging, dann wollten sie von der Alm nicht fort. Hier war ihre Heimat. Im Ort mussten sie ja dann auch Miete zahlen und überhaupt, wenn es irgend ging, dann wollten sie weitermachen, Vater und Tochter.

Als der Großbauer das hörte, war er froh. Der Hubert war ja erst fünfundvierzig Jahre und würde noch an die zwanzig Jahre rüstig bleiben.

„Tja, ich will euch jetzt auch einen Lastenlift bauen, und dann kommt auch Strom auf die Alm. So braucht man nicht mehr den Käse auf dem Buckel runterschleppen. Die Kannen stellt ihr hinein, und ich besorg dann immer, was ihr mir auf den Zettel schreibt, der im Kasten liegt. Und eine elektrische Melkanlage werd ich dann auch einrichten.“

So war dann der Strom ins Haus gekommen. Man hatte jetzt immer Licht und einen Ofen, den man nicht erst umständlich mit Holz anzünden musste, sondern brauchte nur den Knopf herumdrehen. Und jetzt bekam man immer frische Ware aus dem Ort, wenn man wollte, jeden Tag.

Es war zwar sehr beschwerlich, den Lastenlift über die Schlucht zu bauen. Erst sah es auch so aus, als sei das unmöglich, aber dann schafften sie es doch. Und wie glücklich war man, als er endlich in Betrieb genommen wurde. Nun brauchten Veronika oder Hubert nicht mehr jede Woche den beschwerlichen Weg ins Dorf zurückzulegen, um einzukaufen.

Und mit der elektrischen Melkanlage ging es auch viel schneller. Gewiss, nun hatten sie dafür auch an die sechzig Stück Vieh hier oben, denn Lorenz tat nichts aus Barmherzigkeit. Und im Sommer waren noch die Kälber hier oben und die tragenden Kühe. Da hatte man schon alle Hände voll zu tun. Aber der Lohn stieg auch mit der Zeit. Nebenbei besaß man jetzt auch zwei eigene Kühe. Die Milch und den Käse, den man davon machte, verkaufte man an die Urlauber.

Wie froh waren sie nach dem beschwerlichen Aufstieg, wenn man hier oben in der Sennhütte frische kühle Milch bekam und herrlich duftenden Käse sowie Butter. Ja, das schmeckte alles noch nach Natur.

Veronika war flink und schaffte alles. Sie versorgte nebenbei auch noch die Mutter wie eine gelernte Krankenschwester.

Als dann die Schmerzen nachließen, zimmerte Hubert ihr einen Liegestuhl mit Rädern. Im Sommer trug er sie nach draußen auf die Almwiese, so brauchte sie nicht immer in der dunklen Stube zu bleiben. Dort lag sie und sah die Berge und konnte noch Kartoffeln schälen und auch stopfen und stricken. Mit der Zeit waren ihre Hände zart und durchsichtig wie bei einer Städterin geworden.

Nie zeigten die zwei, dass ihnen alles zu viel wurde, im Gegenteil, sie fanden immer mal wieder einen Augenblick, wo sie sich einen Stuhl holten und sich zur Mutter setzten und mit ihr plauderten.

Die Urlauber unterhielten sich auch gern mit der gelähmten Frau. Sie waren sehr freundlich zu ihr. So mancher brachte ihr auch etwas aus dem Dorf mit. Es gab Leute, die kamen regelmäßig jeden Sommer nach Mixnitz. Sie kannten schon die Abschlags. Das war dann ein Begrüßen und Fragen, und Therese hatte ganz glückliche und frohe Augen.

Ja, sie konnte dem Schicksal noch dankbar sein, dann sie hatte eine gute Tochter und einen Mann, der ihr auch jetzt noch treu blieb. Und was Veronika damals als junges Mädchen versprochen hatte, das hielt sie auch. Das Haus sah immer sauber und nett aus, und überall blühten Blumen vor dem Fenster. Und der kleine Garten gedieh prachtvoll. Von früh bis spät war sie auf den Beinen und arbeitete fleißig neben dem Vater und gönnte sich kaum eine Pause.


*


Veronika Abschlag war ein stolzes schönes Geschöpf, aber sehr herbe und schweigsam. Ihre großen klaren Augen konnten bis auf den Grund der Seele blicken. Sie war hart im Zupacken und schreckte vor nichts zurück.

Die Dörfler nannten sie ein wenig verschroben. Nie hatte man sie lachen gehört. Immer ging sie schweigend durch das Dorf. Zu einem Klatsch ließ sich das Mädchen nie verleiten.

„Ja, ja, die hat Haare auf den Zähnen“, wisperten die Klatschweiber. „Kein Wunder, dass da kein Bursch anbeißt. Sie wird mit der Zeit wohl noch schrulliger, komisches Mädchen. Und der Herr Pfarrer und der Herr Lehrer halten so große Stücke auf die Veronika. Also wirklich, die ist schon narrisch.“

Veronika wusste sehr wohl, was man sich im Dorf über sie erzählte, und sie lächelte dann bitter. Sollte sie sich verteidigen? Sie war nun mal so. Wenn man das ganze Jahr über hoch in den Bergen zwischen Himmel und Erde lebt, von dem wirklichen Leben abgeschieden, da wird man so. Da nimmt man alles sehr ernst und kann sich nicht lustig geben. Das Leben, die Berge formen den Menschen, prägen ihnen ihren Stempel auf. Und sie hatte doch einst fortgewollt, hinaus in die Welt. Sie hatte etwas anderes lernen wollen, aber dann war ja alles ganz anders gekommen.

Seit zehn Jahren war nun die Mutter gelähmt. Der Vater war jetzt fünfundfünfzig und sie selbst fünfundzwanzig Jahre.

Was wussten denn schon die Dörfler von ihrer großen Sehnsucht. Sie hatte doch auch ein Herz und sehnte sich nach Liebe, nach einem Menschen, dem sie gut sein konnte. Sie wollte auch Kinder haben. Aber da war niemand, der die Sehnsucht in den großen Augen von Veronika bemerkte.

Zwar sagte der Vater immer: „Du musst nicht auf uns Rücksicht nehmen, Kind. Du musst auch mal an dich denken. Wenn wir alt sind, dann wird der Lorenz für uns wohl ein Plätzchen finden, und dann kann ich ja auch von meiner Rente leben, und die Mutter wird man schon versorgen. Du aber bist jung, du musst jetzt auch an dich denken. Geh doch mal ins Dorf und misch dich unter die Jugend. Heuer, wenn wieder Kirchweih ist, dann gehst du, und dann tanzt du und bist lustig und vergisst uns einmal.“

Veronika stand am Zuber und knetete den Brotteig. Ihre Augen flimmerten in der Sonne. Kirchweih, dachte sie, und die Brust wurde ihr sehr eng. Aber was soll ich denn dort? Ich kenne doch niemanden, und niemand spricht mit mir. Sie alle blicken mich von der Seite her an. Und ja, wenn ich wirklich gehen will, dann muss ich tagelang vorarbeiten und alles in der Hütte richten und das Essen vorkochen. Ja, und dann endlich kann ich mich um mich selbst kümmern und mir mein Sonntagsdirndl richten, und dann geh ich los. Über zwei Stunden muss ich dann in der prallen Sonne laufen. Wenn ich endlich unten ankomme, ist mein Dirndl zerknittert, und ich bin müde und erschöpft, und die Füße tun mir weh, und ich möcht mich ausruhen. Dann seh ich mir den Festzug an, später strömen sie alle zum Zelt und vergnügen sich. Aber wie kann ich mich vergnügen, wenn ich schon wieder an den Heimweg denken muss, der drei Stunden dauern wird? Ich hab doch niemanden, bei dem ich im Ort nächtigen könnte.

Die Dörfler nennen mich auch gottlos, weil ich am Sonntag nicht mehr in die Kirche geh, früher hab ich es ja noch gemacht. Aber der Herrgott hilft mir auch nicht, ich muss sehen, wie ich mir allein helfe. Fünf Stunden für eine kurze Stunde in der Kirche, und dann an einem Tag, wo ich ein wenig mehr Zeit für die Mutter hätte. Nein, ich bleib lieber hier oben und schau ins Gebetsbuch und singe ein wenig mit der Mutter.

„Hörst du, Veronika?“

Nun war sie doch in Gedanken gewesen und hatte gar nicht mehr gehört, was der Vater sagte.

„Ich werd es mir überlegen, Vater.“