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Klima von unten


Klima von unten

Regionale Governance und gesellschaftlicher Wandel
1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Der Klimawandel ist kein rein naturwissenschaftliches Thema. Gerade in den Sozialwissenschaften setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass klimatische Veränderungen alle gesellschaftlichen Ebenen betreffen, wobei vor allem auf regionaler Ebene besondere Handlungspotenziale liegen. Der Band erkundet, welche Chancen und Hindernisse für den lokalen Klimaschutz und die Klimaanpassung bestehen. Zugleich wird nach der Bedeutung von lokalen Wahrnehmungsmustern, Werthaltungen und Partizipationsmöglichkeiten im Kontext des Klimawandels gefragt.
Der Klimawandel ist kein rein naturwissenschaftliches Thema. Gerade in den Sozialwissenschaften setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass klimatische Veränderungen alle gesellschaftlichen Ebenen betreffen, wobei vor allem auf regionaler Ebene besondere Handlungspotenziale liegen. Der Band erkundet, welche Chancen und Hindernisse für den lokalen Klimaschutz und die Klimaanpassung bestehen. Zugleich wird nach der Bedeutung von lokalen Wahrnehmungsmustern, Werthaltungen und Partizipationsmöglichkeiten im Kontext des Klimawandels gefragt.
Inhalt

Vorwort 9

Einleitung

Klima von unten - Zur Einführung
Stefan Böschen, Bernhard Gill und Cordula Kropp 13

Teil 1: Was heißt eigentlich "Klima von unten"? - Einladung zum Perspektivenwechsel

Aus dem Schatten der Klimamodellierung - Zur Repolitisierung des Klimawandels durch Sozialwissenschaften
Silke Beck, Stefan Böschen, Cordula Kropp und Martin Voss 35

Vergangenheit und Gegenwart der Zukunft
Hans-Georg Soeffner 55

Auch das Klima braucht eine andere Ökonomie - Eine (re)produktive Ökonomie als vorsorgende Praxis
Adelheid Biesecker 65

Klima-Governance: Demokratietheoretische Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen
Heike Walk 83

Teil 2: Wahrnehmen/Wissen/Handeln

Klima als Deutung
Martin Sökefeld 103

Klimaveränderungen aus lokaler Perspektive
Hemma Burger-Scheidlin 113

Klimawandel im Kontext lokaler und regionaler Entwicklungsprozesse - Eine ethnografische Studie zu Prozessen und Ressourcen in Alpengemeinden
Irene Brickmann und Jana Türk 129

Teil 3: Widerborstige Produktions- und Verbrauchsstrukturen

Klimawandel und der Beitrag der Bürgerinnen und Bürger zur Transformation des Energiesystems
Rüdiger Mautz 153

Ist Prekarität nachhaltig? Nachhaltiger Konsum und die Transformation des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus
Klaus Kraemer 173

Steigende Energiepreise und die Betroffenheit der Mittelschicht - Widerborstige Sozialstrukturen und mögliche Konsequenzen für die deutsche Energiewende
Anna Wolff und Johannes Schubert 191

Teil 4: Lokale Klima-Governance

Die Logik lokaler Transformationsprozesse im globalen Treibhaus
Cordula Kropp 215

Klimawandel und lokale Klimapolitik: Das Beispiel Berlin
Fritz Reusswig und Wiebke Lass 245

Visionen, Institutionen und Infrastrukturen als Elemente der Energietransformation
Claudia R. Binder, Maria Hecher und Ulli Vilsmaier 267

Von Top-Down zu Bottom-Up: Die Berücksichtigung regionaler Entwicklungsprozesse im staatlichen Naturgefahrenmanagement
Klaus Pukall 287

Teil 5: Klimawandel in den Alpen

Heute handeln für das Klima von morgen
Wolfgang Pfefferkorn und Jakob Dietachmair 309

Markt, Staat und Gemeinde - Der kommunale Klimaschutz im Alpenraum aus historischer Perspektive
Christoph Stoeckle 325

Nur Betroffenheit schafft Wandlungsfähigkeit - Überlegungen am Beispiel des Alpenraums
Thomas Bausch 341

Wasserwandel im Klimawandel: Mensch-Wasser-Beziehungen in zwei Gemeinden im Alpenraum
Katrin Vogel und Sophie Elixhauser 359

Autorinnen und Autoren 381
Stefan Böschen, PD Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ITAS, Bernhard Gill ist Professor für Soziologie an der LMU, Cordula Kropp ist Professorin für angewandte Sozialwissenschaften an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften München, Katrin Vogel, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am WZU an der Universität Augsburg.
Klima von unten - Zur Einführung
Stefan Böschen, Bernhard Gill und Cordula Kropp
Hinführung: Klimawandel - ist da ein Problem?
Für die einen stellt der Klimawandel geradezu prototypisch das globale Problem dar (so: Beck 2007), das zu seiner Lösung größte Anstrengungen verlangt; diese Sicht inspiriert manche, eine "große Transformation" zu fordern (WBGU 2011). Für die anderen stellt der Klimawandel einen "großen Irrtum" dar, der auf überinterpretierten, wissenschaftlich nicht ausreichend gesicherten "Tatsachen" beruhe und dabei die ökonomische Weiterentwicklung hemme oder der ohne "große Transformation" von künftigen technischen Entwicklungen bewältigt werden wird. Zumindest lässt sich festhalten, dass sich bei der Thematisierung des Klimawandels viele Akteure zu Wort melden, unterschiedlichste Geschichten erzählt werden, komplexe institutionelle Verfahren - zum Beispiel das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) - aufgebaut wurden und in der Politik auf allen Ebenen seit nunmehr über vierzig Jahren über den richtigen Kurs zwi-schen Ignorieren und Bewältigen gestritten wird. Eines ist klar: Sollte sich zukünftig herausstellen, dass alle Anstrengungen eigentlich nicht notwendig gewesen wären, da sich das Problem weitgehend von allein erledigt hätte, dann möchte sicherlich niemand die Verantwortung für eine vergleichsweise immense Verausgabung von Ressourcen übernehmen. Andererseits: Sollte sich herausstellen, dass die Menschheit viel zu spät mit der Problembewältigung angefangen hat und ihr beim Lösen schließlich die Zeit davonläuft, dann möchte niemand dafür verantwortlich sein, den Lösungsprozess letztlich behindert zu haben.
Diese Spannung entlädt sich in den vielfach schrillen Tönen der Debatte, die manchmal den Charakter eines Streites um Heilsgewissheiten annimmt. Letztlich werden in einem zugespitzten Sinne denn auch "letzte Fragen" verhandelt. In einer solchen Situation mag ein Hinweis auf einen Denker der Frühaufklärung, Blaise Pascal, hilfreich sein. Auch seine Zeit war geprägt von Kämpfen um Heilsgewissheiten, allerdings im strikt religiösen Sinne. Die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, Gott wirklich erkennen zu können, brachte ihn zu seinem berühmt gewordenen Kalkül der Pascal'schen Wette. Danach war es rational, in jedem Fall ein gottgefälliges Leben zu führen. Wenn er existierte, dann wäre die Wette ohnehin aufgegangen. Aber selbst wenn er nicht existierte, dann hätte sich ein gottgefälliges Leben auch aus Gründen eines so vollzogenen guten Lebens gerechtfertigt. Insofern könnte man heute, nach vierzig Jahren des Glaubensstreits um den Klimawandel, gleichsam eine "Pascal'sche Wette zum Klimawandel" vorschlagen. Angenommen, der Klimawandel existiert, dann rechtfertigen sich im Nachhinein die Aufwendungen für seine Bewältigung. Ange-nommen, er existiert nicht, dann könnte auch ein den Anforderungen des Klimawandels "gefälliges" Leben sich durch die Fülle von Gewinnen für die Entwicklung moderner Gesellschaften rechtfertigen - viele der Anstrengungen zur Abmilderung des Klimawandels kommen auch dem lokalen Umweltschutz sowie der Unabhängigkeit in der Energieversorgung zugute. Dieses Buch ist deshalb in dem Sinne geschrieben, einer solchen "Pascal'schen Wette zum Klimawandel" zu folgen und hierfür analytische wie konstruktive Ansatzpunkte zur Diskussion zu stellen.
Wie schon damals, so ist es auch heutzutage unwahrscheinlich, dass ein "(Gottes-)Beweis" die gewünschte Überzeugungskraft aufweist. Erstaunlich ist deshalb auf den ersten Blick die Fülle von Aktivitäten, die nicht mehr auf letzte Gewissheiten warten, sondern sich von der hinreichenden Möglichkeit des Klimawandels sowie von ohnehin sinnvoll erscheinenden Veränderungen in Gesellschaften inspirieren lassen. Während im Globalen noch vor allem über richtige und faire Wege gestritten wird, werden auf der lokalen oder regionalen Ebene viele Aktivitäten auf den Weg gebracht. Dass diese Aktivititäten "unten", das heißt auf subnationaler Ebene, erfolgen, ist vielleicht gar nicht so überraschend, weil hier nicht nur Auswirkungen des Klimawandels erfahren werden, sondern darüber hinaus ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten der Koordination von Aktivitäten existiert. Diese Entwicklung gilt es nicht nur sichtbar zu machen und auf diese Weise zur Nachahmung zu empfehlen, sondern es gibt gute Gründe, sie zu stärken und zu vertiefen. Dieses Buch verstehen wir deshalb als Anregung für die Vertiefung schon bestehender Entwicklungen sowie zur Öffnung neuer Entwicklungsoptionen.
Dazu möchten wir in der Einleitung drei Argumentationsstränge entwickeln. Zunächst wollen wir darauf hinweisen, dass die Globalität der Problemlage dazu verführt hat, für ihre Analyse wie auch die Suche nach Lösungen vielfach auf der globalen Ebene anzusetzen. Zudem werden einseitige Arbeitsteilungen - wie die zwischen Natur- und Sozialwissenschaften - unterhalten, welche für das Verständnis von Klimawandelproblemen und sich vollziehenden gesellschaftlichen Transformationen hinderlich sind. Um zu einer Perspektive zu gelangen, welche die etablierten Begrenzungen zu überwinden trachtet, flaggen wir in einem zweiten Schritt fünf unterschiedliche Diskussionsfelder aus. Diese markieren nicht nur spezifische, analytisch-konzeptionelle Blickwinkel, sondern damit wollen wir zugleich auf das in diesem Band adressierte empirische Feld eingehen: die Alpen. Abschließend wollen wir in einem kurzen Schlussstatement darauf hin-weisen, dass die behandelten Fragen in der Summe auf das Problem einer "großen Transformation" (WBGU 2011) verweisen. Die Lösung des Klimawandelproblems wird kaum in den bisher etablierten Strukturen gelin-gen, vielmehr dürften im besten Sinne radikale, das heißt die Ursachen an ihren Wurzeln packende, Veränderungen erforderlich sein.
Jenseits der globalen Dimension
Mit Blick auf die globale Dimension des Problems erscheint es wenig verwunderlich, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die sozialwissenschaftliche Klimawandelforschung der Untersuchung globaler Strukturen und Prozesse einen großen Stellenwert beigemessen hat (vgl. zum Beispiel Hulme 2010). Einen zweiten Schwerpunkt nahmen Untersuchungen auf der Ebene individuellen Klimahandelns ein, die vielfach durch die fehlende Übereinstimmung zwischen artikuliertem Umweltbewusstsein einerseits und faktischem Umwelthandeln andererseits motiviert waren (vgl. Beyerl 2010; Bausch in diesem Band). Jedoch sprechen in der Zwischenzeit die Befunde eine deutliche Sprache: Obgleich der Klimawandel ein globales Problem darstellt, sind Koordinationsprozesse zu Klimaschutz und Klimaanpassung auf globaler Ebene oft blockiert und zugleich die individuellen Handlungsmöglichkeiten durch strukturelle Vorgaben begrenzt. In den Sozialwissenschaften setzt sich deshalb zunehmend die Erkenntnis durch, dass der Klimawandel alle gesellschaftlichen Ebenen betrifft und infolgedessen nicht allein die globale Ebene adressiert werden sollte, sondern die verschiedenen Ebenen in ihren spezifischen Qualitäten und Relationen (vgl. Ostrom 2012; Devine-Wright 2013).
Daher nehmen in den letzten Jahren sozialwissenschaftliche Analysen zunehmend einen Blickwinkel "jenseits der globalen Dimension" ein. Ein wichtiger Treiber hierfür war die wachsende Erkenntnis im politischen Diskurs, dass man dem Klimawandel nicht mehr allein mit Strategien des Klimaschutzes (im Sinne der Verminderung des CO2-Ausstoßes) begegnen könne, sondern schon jetzt auf Anpassung an die Folgen des veränderten Klimas setzen müsse. Diese Folgen werden typischerweise lokal erfahren und müssen auch dort bearbeitet werden. Aus diesem Grund wenden sich sozialwissenschaftliche Analysen angesichts der globalen Blockadesituation vermehrt der Ebene des Nationalstaats oder der Regionen zu, da zu erwarten ist, dass noch unzureichend beachtete Handlungsmöglichkeiten für die Bewältigung des Klimawandels auf der regionalen Ebene liegen. Allerdings zeigen sich auch spezifische Begrenzungen dieser Herangehensweisen.
Betrachtet man die vorliegenden Untersuchungen, die eine Gemeinde oder Regionalperspektive - insbesondere unter dem Blickwinkel kommunaler Klimapolitik - adressieren, dann lassen sich im Wesentlichen drei Gruppen von Analysen ausmachen. In einer ersten Gruppe versammeln sich solche Arbeiten, welche die Bedeutung von Maßnahmen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung auf lokaler Ebene (Städte, Kommunen und Regionen) untersuchen, um das darin liegende Modellwissen für andere Städte und Gemeinden zu erfassen und zu kommunizieren (vgl. für viele: DIU 2011; Kuttler 2011). Eine zweite Gruppe widmet sich spezifischen Umsetzungsproblemen ausgesuchter Maßnahmen oder Maßnahmenbündel in einem kommunalen Rahmen. Dabei können ganz unterschiedliche Um-setzungsprobleme adressiert werden: die Etablierung von an sich wünschenswerten Maßnahmen, die aber an lokalem Widerstand zu scheitern drohen, oder etwa die Widersprüche zwischen Maßnahmen des Klima-schutzes und der Klimaanpassung (vgl. zum Beispiel Kern u. a. 2005). Eine dritte Gruppe lässt sich mehr oder weniger als Aktionsforschung verstehen, welche sich für die Bewältigung des Klimawandels auf der regionalen Ebene einsetzt (vgl. zum Beispiel Frommer u. a. 2011).
Ein Gutteil der sozialwissenschaftlichen Forschung in diesem Feld scheint davon beeinflusst, dass sie sich gleichsam als "Umsetzungsarm" naturwissenschaftlich festgestellter Notwendigkeiten entfaltet, denen die Gesellschaft ignorant oder handlungsunwillig gegenüberstehe, und daraus zum Teil auch ihr Selbstverständnis bezieht (vgl. kritisch zu dieser Haltung: Beck u. a. 2013). Sich auf diese Weise mit den Problemen der Umsetzung klimagerechter Maßnahmen zu beschäftigen, ist wichtig, aber diese einseitige Perspektive geht mit spezifischen Begrenzungen einher. Weder kann es so gelingen, die Ursachen der Klimaproblematik angemessen zu berücksichtigen, noch kann so der Reichtum an Chancen und Grenzen für klimabezogene Wandlungsprozesse auf lokaler Ebene erfasst werden. Denn die Akteure vor Ort haben ihre je eigenen Wahrnehmungen und Deutungen von Klimawandel, die gegenüber der naturwissenschaftlichen Wahrneh-mung nicht von vornherein als defizitär verstanden werden sollten. Andernfalls verfehlt man den Eigensinn der (Nicht-)Reaktionen auf den Klimawandel. Unsere These ist, dass erst eine für die soziale und kulturelle Anschlussfähigkeit erweiterte Perspektive und eine weniger einseitige sozialwissenschaftliche Untersuchung regionaler Transformationsprozesse die Chancen eines zukunftsfähigen Umgangs mit (überregionalen) Herausforderungen, darunter der "Klimawandel", angemessen erschließen kann. Es gilt, wie schon gesagt, den Klimawandel "von unten" zu betrachten.
Diese Orientierung bedeutet nun nicht, gegenüber den bestehenden Analysen einen vollkommen neuen programmatischen Weg vorzuschlagen. Vielmehr verfolgen wir die Strategie, die Fülle der unterschiedlichen Ansätze in einen neuen Zusammenhang zu stellen und dadurch die Besonderheiten regionaler Transformationsprozesse im Zeichen des Klimawandels auszudeuten. Die hiermit verbundenen Schwierigkeiten sollten jedoch nicht unterschätzt werden, da diese Form der Forschung einen vielschichtigen, interdisziplinär aufgebauten Rahmen sozialwissenschaftlicher Perspektiven erfordert, um die Strukturen, Dynamiken und Rationalitäten von Transformationsprozessen auf kommunaler Ebene erschließen zu können. Ziel des vorliegenden Buches ist es, entsprechende Forschungsperspektiven nicht nur zu konturieren, sondern sie auch empirisch zu untermauern.
Es soll also zum einen eine möglichst breit aufgestellte, interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Herangehensweise an dieses Thema nicht nur sichtbar machen, sondern ebenso Perspektiven zu einer fruchtbaren Verknüpfung aufzeigen. Zum anderen soll der Wert einer Fokussierung auf Wahrnehmung und Relevanz der Klimawandeldiagnose auf der regionalen Ebene anhand konkreter empirischer Arbeiten erhellt werden. Als räumlichen Gegenstandsbereich haben wir die Alpen - als dem Klimawandel besonders exponierter Raum - in den Blick genommen, um die spezifischen Bedingungen für Transformationsprozesse des Klimaschutzes und der Klimaanpassung konkret analysieren zu können. Dazu werden aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive lokales Wissen und lokale Wahrnehmungen zum Klimawandel, aber auch Klimahandeln vor dem Hintergrund gegebener Sozialstrukturen, Infrastrukturen sowie politischer Beteiligungsmöglichkeiten im ländlichen und städtischen Alpenraum betrachtet.
Fünf Diskussionsfelder
Das analytische Anliegen dieses Buches entfalten wir im Rahmen von fünf Diskussionsfeldern: die Bedeutung des Klimawandels in den Sozialwissenschaften, Wissen und Wahrnehmung des Klimawandels, sozialstrukturelle Bedingungen klimabezogenen Handelns, Möglichkeiten der Koordination klimapolitischer Anstrengungen und die Alpen als besonderer Handlungsraum. Im ersten Feld wird ausgelotet, warum und inwiefern der Klimawandel ein Thema für die Sozialwissenschaften darstellt. Das zweite Diskussionsfeld wendet sich Problemstellungen zu, die Wissen und Wahrnehmen als zentrale Kategorien zur Untersuchung des Klimawandels positionieren. Das dritte Diskussionsfeld fokussiert auf gegebene Produktions- und Ver-brauchsstrukturen als Ausgangspunkt und Hindernis für mögliche Transformationen zur Bewältigung des Klimawandels. Das vierte Diskussionsfeld fragt nach Möglichkeiten und Grenzen der Koordination und Kooperation im Umgang mit dem Klimawandel und mit klimarelevanten Transformationsprozessen. Im fünften Diskussionsfeld steht schließlich die spezifische Bedeutung der Klimawandelfrage für die Alpen im Mittelpunkt.
Diskussionsfeld 1: Was heißt eigentlich "Klima von unten"? - Einladung zum Perspektivenwechsel
"Der Klimawandel" bleibt für viele BürgerInnen ein abstraktes Expertenthema, das sie mit entfernten Orten, zukünftigen Zeiten und spezifischen Zuständigkeiten verknüpfen (Kuckartz 2010). Auch die Sozialwissenschaften neigen dazu, das Thema auf der globalen Ebene, in zukünftigen gesellschaftlichen Konfigurationen und in naturwissenschaftlich-technischer Definitionshoheit zu verorten. Gesellschaftliches Handeln findet unumgänglich jedoch "jenseits der globalen Dimension" und "jenseits der naturwis-senschaftlichen Perspektive" statt. Wenn es um ein Verständnis des Klimawandels und seiner Herausforderungen in und für heutige Gesellschaften geht, muss es daher gelingen, die gesellschaftliche Bedeutung des Klimawandels "am Boden" einzufangen, also dort, wo Menschen leben, denken und wirtschaften, wo aber auch die historisch gewachsenen baulichen, ökonomischen und politischen Strukturen menschliche Handlungsspielräume bestimmen. Erst ein Wissen um die gesellschaftliche Gestaltbarkeit des Umgangs mit Klimafolgen macht den Klimawandel in den Gesellschaften relevant, und erst ein Verständnis der Handlungsräume in kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht öffnet den Blick für diesbezügliche Herausforderungen.
Der Sammelband bemüht sich daher um einen Perspektivenwechsel, weg von dem Anspruch, globale Klimazusammenhänge darstellen und vor allem naturwissenschaftlich-technisch gestalten zu wollen, hin zu einem Wissen über die regional bedeutsamen Veränderungen des Klimas, deren Wahrnehmung und darauf zielende Handlungsansätze. Mit diesem Ebenenwechsel verändert sich auch die Problemlösungsperspektive, und es kann gelingen, so unsere Vermutung, nicht mehr alle Hoffnung allein auf das machtvolle Handeln von IPCC, internationalen Klimakonferenzen und Ministerien zu legen, sondern stärker Formierungs- und Lernprozesse auf den verschiedenen Ebenen des alltäglichen Handelns, Wirtschaftens und Entscheidens zu berücksichtigen.
Silke Beck, Stefan Böschen, Cordula Kropp und Martin Voss zeichnen vor diesem Hintergrund zuerst die gegenwärtige Dominanz der naturwissenschaftlichen Problemdefinition nach, die gesellschaftliche Ursachen und Handlungsspielräume, aber auch Fragen der gesellschaftlichen Gestaltbarkeit von Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien weitgehend außer Acht lässt. Im Ergebnis werde paradoxerweise zwar der Klimawandel mit Verweis auf seine anthropogene Verursachung politisiert, der Umgang mit den Klimafolgen jedoch gleichsam naturalisiert. "Transformative Beiträge" der Sozialwissenschaften, so die Autoren, dürfen sich demgegenüber nicht auf die Untersuchung der Effektivität und Umsetzbarkeit von naturwissenschaftlich definierten Lösungsmodellen beschränken. Sie müssen vielmehr zu einer Repolitisierung der Transformationsdebatte und einer Weiterentwicklung des demokratischen Umgangs mit dem Klimawandel und seinen Folgen beitragen.
Hans-Georg Soeffner setzt sich grundsätzlicher mit dem Standpunkt des Menschen gegenüber dem orts- und zeitlosen Klimawandel auseinander. Mit Blick auf die Großerzählungen beider Testamente, aber auch die Utopien der Renaissance und die neuzeitlichen Fortschrittsträume überdenkt er menschliche Verantwortlichkeit und Verantwortungsfähigkeit gegenüber einer "wertneutralen Evolution" auf der einen und einer "zivilisatorisch manipulierten Klima-Umwelt-Gesellschafts-Verkoppelung" auf der anderen Seite. Nicht zuletzt angesichts der ungleichen klimatischen Betroffenheiten erinnert der Autor daran, dass es nicht um die Verwirklichung einer alternativlosen Utopie gehen könne, sondern um das utopische Prinzip der Öffnung eines Horizonts von Möglichkeiten und Situationen, für das ein größeres und detailreicheres Facettenwissen Vorteile birgt.
Wie Hans-Georg Soeffner unterscheidet auch Adelheid Biesecker zunächst das klimatisch-natürliche Schicksal von menschlicher Betroffenheit. Letztere sei nun keineswegs von außen hervorgebracht, sondern durch ein einseitig instrumentalistisches "Rationalitätspostulat der Gewinnmaximierung" und eine problematische Trennung von Produktion und Reproduktion in der gegenwärtigen Form der Ökonomie herbeigeführt worden. Soll aber die Transformation zu einer klimaverträglichen Gesellschaft gelingen, so ist konsequenterweise auch eine "Transformation der Ökonomie" vonnöten. Mit dem Konzept des vorsorgenden beziehungsweise (re-)produktiven Wirtschaftens stellt die Autorin hierfür eine Vision vor, benennt drei zentrale Handlungsprinzipien, um das Soziale und das Ökonomische wieder zu verknüpfen, und zeigt Ansatzpunkte der Umsetzung auf, beispielsweise im Rahmen der Energiewende.
Heike Walk schließt die Diskussionen um einen notwendigen Perspektivenwechsel im Umgang mit dem Klimawandel aus politikwissenschaftlicher Sicht ab und konzentriert sich auf die gängigen Forderungen einer Öffnung des klimapolitischen Handelns für neue Beteiligungsmöglichkeiten und den Einbezug relevanter Akteure. Dazu zeichnet sie zum einen die bisherigen Gestaltungsmöglichkeiten der auf Klimawandel bezogenen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung auf den verschiedenen Politikebenen nach. Zum anderen diskutiert sie mit Blick auf die demokratietheoretischen Kriterien der Legitimität, Repräsentanz und Transparenz, welche Demokratisierungschancen, aber auch Entdemokratisierungsrisiken mit dem Trend zu "partizipativen Governance-Strategien" durch Tendenzen der Exklusion und Entformalisierung verbunden sind.

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